Ralph Eid, Landschaftsarchitekt

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Inntalhof Kirchdorf

Architektur und Natur

Inntalhof Frühstücksterrasse Architektur ist Stein gewordene Musik sagt die Kultur- und Kunstkritikerin I. Zimmermann. Ich würde das etwas anders formulieren, damit man den Unterschied zum Garten gleich plastisch vor Augen hat (mit Garten ist hier selbstverständlich wieder alles gemeint, was sich außerhalb des Gebäudes abspielt). Ich würde sagen: "Architektur ist verstorbene Musik!" Was im Kopf, in der Vorstellung des Architekten noch lebendig war, weil seine Idee wachsen musste, bis sie zur Baureife wurde, wird letzten Endes tote Form. Eine bewohnbare Mumie. Daran ändert auch kein spektakuläres Design etwas.
Inntalhof Kirchdorf von der Straße Ganz anders ist das beim Garten, sofern er in der entsprechenden Absicht entworfen wurde. Das Grundgerüst ist zunächst auch reine Architektur. Die Wege, Mauern, Einfassungen usw., also die Elemente, die den Raum zwei- und dreidimensional strukturieren, sind im wesentlichen eine Erweiterung des Gebäudes nach außen. Mit dem kleinen Unterschied, dass die "Zimmer" draußen i.d.R. größer sind als die im Gebäude und zudem keine Decke haben. Die moderne Gartenarchitektur gibt sich damit oft schon zufrieden. Vielleicht noch ein Solitärstrauch und ein Wasserbecken dazu, mehr nicht. Minimalismus nennt man das und tut so, als sei das etwas besonderes.
Doch an dieser Stelle fängt der Garten erst an. Was hier über die reine Architektur hinausgeht, das ist der lebendige Inhalt, die Pflanzen. Nicht weil die grün sind und weiche Formen haben, obwohl das auch schon einen großen Unterschied macht. Das wirklich lebendige an den Pflanzen ist die Dynamik, das Wachstum, das Werden und Vergehen. Und das ist nicht bloß schmückendes Beiwerk, sondern ein neues und entscheidendes Element, das dem architektonischen mindestens ebenbürtig ist.

In der Pflanzenausstattung drückt sich der Wunsch des Menschen nach Nähe zur Natur aus. Das mag auf den ersten Blick vielleicht nicht gleich einleuchten, da die meisten Pflanzen nicht mehr viel mit ihrem natürlichen Stamm zu tun haben. Wenn sie nicht durch Züchtung mehr oder weniger stark verändert sind, kommen sie doch aus fernen Ländern und würden daher ohne Pflege nicht lange überleben. Was der Verstand leugnen muss, ist für das Gefühl kein Widerspruch. Hier geht es nämlich um das, was die Pflanzen vom Stein unterscheidet - um das Leben. Leben ist immer noch natürlich, ob heimisch oder exotisch, ob unverfälscht oder züchterisch bearbeitet. Es gibt kein künstliches Leben.

Inntalhof Kirchdorf Eingang

Beim Garten spielt das Gefühl eine wesentlich größere Rolle als in der Architektur. Deshalb muss man, wenn man den Garten "erklären" will, eher emotional argumentieren. Das ist schwieriger, weil Gefühle in hohem Maße persönlich geprägt sind. Die Kommunikation auf der Gefühlsebene funktioniert anders als auf der Ebene des Verstandes. Sie ist unmittelbarer, aber auch schwerer durchschaubar. Das Urteil des Gefühles steht fest, bevor es das Bewusstsein erreicht. Gerade weil das Gefühl in den Tiefen des Bewusstseins versteckt ist, ist es so schwierig, sich Klarheit darüber zu verschaffen. Einfacher ist es, wenn man sich anhand von Beispielen die Wirkungen vergegenwärtigt.

Quellstein am Eingang Behindertengerechter Zugang Da sind einerseits die Wirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden, die mittlerweile eingehend untersucht sind. In Krankenhäusern ist die Genesungsdauer bereits signifikant kürzer, wenn die Patienten durch das Fenster auf eine grüne Umgebung schauen können. In begrünten Büros ist die Ausfallquote durch Krankheit geringer, und auf den intensiv bepflanzten NaturErlebnis-Schulhöfen sinkt die Aggressivität der Schüler deutlich ab. Aber ganz besonders fasziniert hat mich das Buch von Robert Harrison: "Gärten - ein Versuch über das Wesen des Menschen". Er beschreibt dort unter anderem, dass sogar in den Slums der amerikanischen Großstädte ein Bedürfnis nach Grün besteht, und wenn es noch so primitiv ist. Vielleicht erkennt man daran am deutlichsten, dass eine grüne Umgebung nicht einfach ein überflüssiger Luxus ist, den sich nicht jeder leisten kann und will, sondern ein essentieller Teil des täglichen Lebens, weil sie gerade dort, wo die Menschen Tag für Tag ums Überleben kämpfen, ein Teil dieses Kampfes ist.
Offenbar sucht und braucht das Gefühl den Anschluss an die Natur, die Verbindung mit all dem anderen Leben da draußen. Während es im Haus, in der Architektur den Schutz vor den Unbilden eben dieser Natur anstrebt, fühlt es doch den Verlust, der durch die Trennung entstanden ist. Nun ist es aber nicht so, dass man diese Verbindung so ohne weiteres wieder gewinnen kann. Mir wurde das einmal mehr sehr deutlich bewusst, als ich aus dem ersten Stock meines Hauses bei blauem Himmel und herrlichem Sonnenschein auf den hier vorbei fließenden Sulzbach blickte. Da war dieses Gefühl der natürlichen Harmonie, der heilen Welt, wo alles im Einklang ist. Aber gleichzeitig wusste ich doch, dass ich mich nicht wohlfühlen würde, wenn ich mich ungeschützt dort aufhalten müsste. Was ich aus einem gewissen Abstand nicht wahrnehme, würde dann eine große Bedeutung erlangen. Die Brennessel zum Beispiel, die mich nicht leiden kann, oder die Ameisen, die mich als Eindringling betrachten; ganz zu schweigen von der Kälte, die mir - es war ein frostiger Tag im Winter - einen Aufenthalt im Freien schnell verleiden würde. Die Natur hat mehrere Seiten, die man auseinanderhalten muss, um sie zu verstehen. In der wilden Natur muss ich um mein Leben kämpfen, deshalb suche ich Schutz und finde den in der Geborgenheit einer Hütte. Zum Leben brauche ich aber den anderen Teil der Natur, den milden, lieblichen, lebensspendenden. Der Garten ist der Ort, wo ich beides vereint finde: den Schutz vor den Naturgewalten und die Öffnung hin zu der Natur gleichermaßen. In den festen, geordneten Strukturen des Gartens finde ich die Geborgenheit des geschlossenen Raumes, während mich in der grünen Umgebung die aufbauenden Kräfte umfangen. Die wilden, mir feindlich gesinnten Kräfte werden im Garten durch die Pflege auf ein erträgliches bis unmerkliches Maß reduziert. Es ist der stetige Fluss des Lebens, der mit meinem Innersten in Resonanz ist. Das Gefühl sucht die Verbindung zu den Wurzeln des eigenen Seins und bekommt eine Ahnung davon, wenn es dem lebendigen Geschehen nicht nur gegenübersteht, sondern sich gewissermaßen hineinfühlt.

Insofern ist ein Garten nicht bloß grüne Staffage, sondern eine echte Synthese aus Architektur und Natur.

Inntalhof Kirchdorf bei Nacht Das erfordert allerdings bereits bei der Planung ein bewusstes Hinarbeiten in die gewiesene Richtung. Wenn das Gefühl nicht zu kurz kommen soll, ist eine gewisse Intimität in Bezug auf die Pflanzen eine wichtige Voraussetzung. Wenn ich auf einer großen, sterilen Terrasse sitze und nur mit gebührendem Abstand die grüne Kulisse betrachten kann, bekommt die Bepflanzung eine ganz andere Bedeutung als wenn ich die Nähe unmittelbar wirken lasse. Je größer der räumliche Abstand, desto größer ist auch der emotionale Abstand. Wenn ich mitten drin bin im Geschehen, wenn ich also selbst teil habe daran, baue ich eine ganz andere Beziehung dazu auf.
Die größte Bedeutung kommt in dieser Hinsicht den Stauden zu. Die dynamischen Prozesse des Lebens drücken sich in ihnen am deutlichsten aus. Während im Frühjahr, nach dem alljährlichen Rückschnitt, die Flächen kahl und leer sind und somit nur den festen (architektonischen) Elementen eine gestalterische Wirkung zukommt, verändert sich der Raum mit dem Wachstum der Stauden gravierend. In kurzer Zeit, manchmal von Woche zu Woche, entstehen völlig neue Situationen. Blickbeziehungen, die über die offenen Flächen ungehindert möglich sind, werden Stück für Stück unterbrochen, weite und leere Räume erhalten eine Begrenzung und werden damit kleiner und enger. Das allein entfaltet schon eine enorme Wirkung, erhält aber durch die Blüte eine zusätzliche Steigerung. Wenn eine Staudenpflanzung sowohl in der Höhe, als auch in der Farbe rhythmisch abgestimmt ist, dann ist das keine tote Musik wie in der Architektur, sondern eine lebendige Symphonie.
Als Beispiel sei diesmal der neugestaltete Eingangsbereich des Hotel-Restaurants Inntalhof in Kirchdorf am Inn vorgestellt. Nicht nur, weil das Projekt gelungen ist, sondern auch, weil in der Planungsphase die unterschiedliche Sichtweise des Architekten und des Landschaftsarchitekten bisweilen zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten führte, was die unterschiedlichen Denkansätze sehr schön beleuchtet. Für den Architekten war die Außenanlage, speziell die Frühstücksterrasse, lediglich ein Gastraum an der frischen Luft. Das wichtigste Element war für ihn die verglaste Überdachung, d.h. der Schutz vor (den Unbilden) der Natur. Die Grünfläche im Anschluss daran hätte aus seiner Sicht besser durch eine Mauer ersetzt werden können, weil die noch einen weiteren räumlichen Abschluss dargestellt hätte. Letztendlich haben die Bauherren die Sichtweise des Landschaftsarchitekten geteilt, was sehr viel Mut und Vertrauen erfordert, weil seine Betrachtungsweise lang nicht so etabliert ist wie die des Architekten. Dass es die richtige Entscheidung war, zeigt das Verhalten der Gäste: Bei schönem Wetter (bei schlechtem Wetter setzt sich sowieso keiner nach draußen) sind die Tische in unmittelbarer Nähe an den Staudenflächen besser besetzt als die unter der Überdachung: die Menschen suchen tatsächlich eher die Nähe der Pflanzen als den absoluten Schutz des Gebäudes. Quod erat demonstrandum. (Auf den Fotos ist das leider nicht mehr zu erkennen, weil die erst Mitte Oktober aufgenommen worden sind.)

Eine ausführlichere Untersuchung der Zusammenhänge von Natur und Garten ist in meiner Philosophie des Gartens zu finden.

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