Ralph Eid, Landschaftsarchitekt

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Kiesgrube in Aldersbach

Überlegungen eines Aussenseiters

Ich war einmal mit Leib und Seele "Naturschützer" und aus dieser Sicht versuchte ich immer, die Natur zu ergründen, um Leitlinien für mein Handeln zu finden. Ich fragte mich z.b.: "Ist es richtig, die Landschaft zu pflegen, um seltene Arten zu erhalten? Noch dazu, wenn diese Arten nur lokal selten sind, woanders aber noch häufig vorkommen? Es kam einmal fast zu einem Streit, als ich offen die Frage gestellt habe, ob es für die Natur wichtig ist, die Gewöhnliche Moosbeere (Vaccinium oxycoccus) im Rottal, wo sie nur noch an zwei Standorten vorkommt, mit großem Aufwand zu erhalten, während sie weiter südlich noch sehr häufig vorkommt und keineswegs gefährdet ist. Oberdorfer z.b. gibt als Verbreitungsgebiet Hoch- und Zwischenmoore v.a. im Norden Mitteleuropas an, im Süden dagegen v.a. die Gebirgsregion bis 1300 m.

Das Fatale an solchen Auseinandersetzungen ist, dass in etablierten Naturschutzkreisen kein Widerspruch geduldet wird. Gefährdungsgrad, Seltenheit, Schönheit gelten per se nicht nur als hinreichendes Kriterium für einen Schutz, der in der Regel Erhaltungs- und Pflegemaßnahmen zwingend erforderlich macht. Das allein würde meine Kritik noch gar nicht hervorrufen, denn ich selbst bin auch der Meinung, dass es ohne Alternative ist, die fortdauernde Zerstörung von Natur und Landschaft aufzuhalten und wertvolle Restflächen zu sichern. Ich bin mir aber auch darüber im klaren, dass das nur eine Notlösung ist und keine allgemeingültige Perspektive für die Zukunft sein kann, weil die Standorte allein schon durch den Nährstoffeintrag aus der Atmosphäre und in Niederungen durch die Düngung mit güllebelastetem Hochwasser eine Veränderung erfahren, die sich auf das Artenspektrum auswirkt. Dabei ist von den Auswirkungen der Klimaerwärmung noch gar keine Rede. Bei meinen Überlegungen geht es in erster Linie um die Wertvorstellungen, die wir von der Natur haben, und die wir in die Gesellschaft hineintragen wollen. Denn das dürfte wohl jedem klar sein: Ein Naturverständnis, das zwar innerhalb des BN und anderer Umweltverbände akzeptiert ist, in der Gesellschaft aber keinen Rückhalt hat, hilft weder der Natur noch sonst jemandem. Viele Probleme im Natur- und Umweltschutz kommen daher, dass jeder unter der Natur etwas anderes versteht. Bei der Argumentation um Schutzwürdigkeit geht es immer und ausschließlich um Schönheit, Gefährdung, Seltenheit, Vielfalt, Erhaltung des Genpotentials. Das alles - vom Genpotential einmal abgeseehen - sind aber nur Eigenschaften, keine Werte. Noch dazu sind diese Eigenschaften häufig äußerst relativ anzusetzen. Während der eine in einer Wiese mit Trollblumen oder Knabenkräutern vor der Haustür das Maß aller Dinge sieht, ist dem anderen ein Sportwagen mit 250 PS und einer gescheiten Autobahn viel wichtiger; umso mehr, als ihm diese Autobahn die Gelegenheit gibt, viele Trollblumenwiesen und dazu noch jede Menge andere Naturschönheiten in kurzer Zeit zu verinnerlichen.

Mit dem Genpotential ist es etwas grundsätzlich anderes. Das betrifft mehr die ethische Betrachtungsweise, insofern es um den Wert eines Lebewesens an sich geht. Wir sind mitlerweile in der Lage, Tier- oder Pflanzenarten unwiderruflich die Lebensgrundlage zu entziehen und müssen uns als verantwortungsbewußte Menschen die Frage stellen, ob wir dazu ein Recht haben. Für Mitteleuropa mit seinem gemäßigten Klima hat das allerdings nicht die überragende Bedeutung wie z.b. für den Regenwald, wo wirklich Arten ausgerottet werden. Wenn es allerdings bei der Verantwortung gegenüber dem Artenpotential, wie oft angeführt, um einen möglichen Nutzen für den Menschen geht, der heute noch nicht bekannt ist (beispielsweise als Arzneimittel), ist das in meinen Augen eine absolut egoistische Sichtweise, die von einem Wert, der in den Lebewesen oder der Natur selbst liegt, gar nichts wissen will. In Mitteleuropa geht es weniger um einen absoluten Erhalt von Arten, die global vor dem Aussterben stehen. Das gleiche wie für die erwähnte Moosbeere gilt auch für andere Arten, die bei uns streng geschützt sind und nur durch Pflegemaßnahmen erhalten werden können. Auch die Ragwurzarten kommen in Südeuropa noch häufig vor und sind dort bei weitem nicht in Gefahr. Für viele andere Arten gilt ähnliches. Bei uns geht es - das wird immer betont - bei den meisten Naturschutzaktivitäten um den Erhalt der Kulturlandschaft, um das kleinräumige Mosaik von verschiedenen Lebensräumen, v.a. der offenen Wiesengesellschaften, die erst durch die menschliche Nutzung entstanden sind und nur durch Pflege erhalten werden können. Ein wissenschaftliches Schlagwort kennzeichnet das als Biodiversität, was den Anschein von Wichtigkeit hervorruft. Wie bereits dargestellt, werden damit bloße Eigenschaften in den Rang eines Wertes erhoben. Die Eigenschaften können zwar emotionale Beziehungen aufbauen, die dabei helfen, Mitstreiter zu gewinnen, wenn es um konkrete Maßnahmen geht (z.b.: "wie bitte? - der Bürgermeister will ein Gewerbegebiet auf der schönen Wiese ausweisen, wo ich immer spazieren gehe?"). In Bezug auf einen Wert, der von allen anerkannt werden kann, ist man damit noch keinen Schritt weiter gekommen. In der Ökologie werden die Wechselbeziehungen zwischen den Arten und ihrem Lebensraum auf auf das genaueste untersucht. Man weiß immer detaillierter, was in der Natur vorgeht, man unterscheidet nicht nur die Arten, sondern auch Unterarten und Varietäten mit kleinsten Abweichungen. Doch je genauer man die Zusammenhänge kennen lernt, desto mehr verliert man sich im Detail und ist immer weniger in der Lage, ein Urteil über den Wert des Ganzen und seiner Teile abzugeben. Ich habe immer das Gefühl, als bewegten wir uns in einer Sackgasse, deren abgelegene Winkel wir zwar immer genauer untersuchen und kennen lernen; der Weg nach vorwärts ist allerdings versperrt und auch die Aussicht auf die Richtung, wo es weitergehen könnte, ist verschlossen. Es wird mir dann oft von anderen vorgeworfen, das sei alles fruchtloses Philosophieren und der praktischen und konkreten Naturschutzarbeit nur hinderlich.

Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass wir auf diese Weise - der Beschränkung auf die Eigenschaften - nicht weiter kommen. Wir dürfen nicht diese Eigenschaften als absolute Werte in die Natur hineininterpretieren, sondern müssen uns bemühen, den Wert der Natur in der Natur selbst zu suchen. Das dient der Wahrheitsfindung weitaus besser als die bisherigen Bemühungen. Wenn man sich darauf einlässt, wird man feststellen, dass die Natur nach anderen Prämissen lebt, wobei mit dem Prädikat "lebt" schon die grundsätzliche Richtung erkannt ist. Es sind nämlich in erster Linie lebendige Prozesse, die in der Natur ablaufen. Einen genau definierten Zustand, wie wir ihn mit der Pflege anstreben, gibt es dort nicht einmal ansatzweise. Im großen und im kleinen herrscht in der Natur, wohin man auch schaut, das Prinzip Entwicklung. Das einzelne Lebewesen - Tier oder Pflanze - will sich entwickeln, will wachsen und in Dialog mit seiner Umgebung treten, sei es durch Nahrungsaufnahme und -abgabe, oder durch Kommunikation mit anderen Wesen. Es will sich vermehren, um das, was in ihm lebt, weiterzuverbreiten. Und es will (oder muss) wieder sterben, um den Platz für andere wieder freizumachen, weil sonst alles in Stagnation erstarren würde. Auch Tier- und Pflanzengesellschaften wachsen, breiten sich aus und sterben wieder ab, weil sie ihren Standort durch die eigenen Lebensabläufe so verändern, dass andere Arten bessere Lebens- und Ausbreitungsbedingungen finden. Diese Dynamik in der Natur kann niemals stillstehen. Sie kann sich verlangsamen, wie es z.b. in jedem Winter immer wieder von neuem der Fall ist; eine Verlangsamung tritt in ähnlicher Weise mit zunehmendem Alter ein. Im sogenannten Klimaxstadium, dem Reifestadium der Standortentwicklung, ist die sichtbare Veränderung, auf Jahre oder sogar Jahrzehnte betrachtet, sehr gering. Doch auch diese vordergründig stabile Klimaxgesellschaft bricht irgendwann zusammen und macht den Weg frei zu einem neuen Lebensabschnitt. Das eigentliche Wesen der Natur ist immer und überall, wohin man auch schaut, Dynamik und Entwicklung. Rein darwinistisch denkende Charaktere mögen darin ein zufälliges Auf und Ab im immerwährenden Kampf ums Dasein erblicken, das geistlose Fressen und Gefressen Werden, wo mal der eine, mal der andere die Oberhand erhält. Religiöse Menschen sehen eher eine Entwicklung auf ein Ziel hin, wo sich der Geist von der Materie befreien will. Egal von welcher Seite man es sieht: man wird nicht umhin kommen, als herrschendes Prinzip in der Natur die Dynamik zu erkennen, wenn man vorurteilslos die Vorgänge betrachtet.

Wer diesen Gedankengängen folgen konnte, muss sich daran anschließend die Frage stellen: Wie steht es eigentlich um das Leitbild im heutigen Naturschutz, die Erhaltung der Kulturlandschaft? Da wird versucht, einen Zustand, der - zugegeben - auch von mir als schön und wertvoll empfunden wird, zu zementieren und gegen störende Einflüsse zu verteidigen. Im Grunde genommen gleicht diese Einstellung der eines Gärtners, der schöne und seltene Exoten in seinem Garten ansiedelt, sie hegt und pflegt, weil das seinem ganz persönlichen Schönheitsideal und dem Profilierungszwang seinen Kollegen gegenüber entspricht. Ich bin selbst Gärtner und weiß, wovon ich rede. Und ich bin der Meinung, dass das im Garten legitim und richtig ist. Es ist aber nicht mehr richtig, wenn man ähnlichen Vorstellungen zum Leitbild für den Naturschutz erklärt. Weil damit keine Natur geschützt wird, sondern nur menschengemachte Qualitäten. Am schlimmsten daran ist, dass das eigentliche Wesen der Natur damit erstickt wird. Wenn ich versuche, dieses Thema anzusprechen, spüre ich bei meinem Gegenüber in der generellen Ablehnung, sich mit diesen Gedanken zu befassen, eine gewisse Angst vor dem Neuen und Ungewissen, v.a. aber die Angst vor der Frage nach der eigenen Existenzberechtigung. Wenn jetzt plötzlich das Nichtstun das Maß aller Dinge werden soll, um der natürlichen Entwicklung ihren Lauf zu lassen, was wird dann aus der Vielfalt, dem Relikt aus der kleinbäuerlichen Kulturlandschaft mit den vielen verschiedenen Tier- und Pflanzenarten? Wird dann alles dem Urwald preisgegeben, der in Mitteleuropa nun einmal fast überall das Ziel der natürlichen Entwicklung ist? Diese Frage ist verfrüht. Hier geht es um eine Sicht der Dinge, die frei von persönlichen Vorlieben und Vorurteilen ist, um der Wahrheit der Natur ein Stück näher zu kommen. Es geht um eine gewisse Demut in der Betrachtungsweise, die erst die Voraussetzung schafft für eine Erkenntnis des Wesentlichen und im Anschluss daran für die entsprechenden Handlungsrichtlinien. Wir sollten uns dieser Diskussion stellen und die Initiative selbst in die Hand nehmen, damit der Naturschutz nicht noch weiter in die Defensive gerät. Im Zusammenhang mit der Globalisierung und dem drohenden weiteren Arbeitsplatzabbau gewinnen wirtschaftliche Fragen ein immer größeres Übergewicht. Es muß gelingen, Naturschutz als gesellschaftliches Gut zu etablieren, sonst sieht es für die Natur ziemlich schlecht aus. Ob das gelingen kann, indem man Eigenschaften zu allgemeinen Werten erklärt, wage ich aber zu bezweifeln.

2006

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