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Euphorbia griffithii

Leben erleben –
Eine kleine Philosophie des Gartens

Feng Shui im Garten

Wenn man heute etwas über Gartenkultur aussagen will, kommt man an der Philosophie des Feng Shui nicht vorbei. Jeder, der sich mit dem Garten beschäftigt, hat zumindest schon einmal davon gehört; es gibt Menschen, die einen Garten ohne die Beachtung der grundlegenden Feng-Shui-Regeln als unvorstellbar ansehen würden.

Feng Shui ist eine alte Harmonielehre aus dem ostasiatischen Raum, die sich v.a. in China bis heute erhalten hat. Ihre Grundlage nimmt sie aus der Überzeugung, dass das Prinzip von allem, was uns in der Umwelt umgibt, Lebensenergie ist. Die Umgebung wird als lebendiger, energiegeladener Organismus angesehen. Der chinesische Ausdruck für diese Lebensenerie ist "Chi". Dieses Chi muss immer in Bewegung sein, es muss ungehindert fließen können, um seine lebensfördernde Wirkung entfalten zu können. Wenn es zu schnell fließt, kann es seine Kraft nicht entfalten, wenn es zu langsam fließt oder an irgendwelchen Hindernissen gestaut wird, wird es entweder kraftlos oder entfaltet gar eine zerstörerische Wirkung (Sha Chi). Man kann den Fluss des Chi recht gut mit fließenden Wasser vergleichen, um sich eine Vorstellung von der Wirkung zu machen. Auf einem Berg oder an einem Hang fließt Regenwasser schnell ab und führt zu Abspülung und Erosion, weshalb man Maßnahmen ergreifen muss, um den Abfluss zu bremsen. Im Tal dagegen kann es nach starken Regenfällen zu Überschwemmungen kommen, so dass man dort eher für einen ungehinderten Abfluss sorgen muss. In Senken und Vertiefungen kann Wasser überhaupt nicht mehr abfließen und es entstehen Tümpel oder Sümpfe mit abgestandenem Wasser, das unter besonders ungünstigen Bedingungen fault und umkippt. Um zu entscheiden, welche Maßnahmen für eine gegebene Situation am besten ist, muss man gewissermaßen den Geist des Ortes suchen, durch den sich erst der rechte Weg erschließt.

Die ursprüngliche Aufgabe des Feng-Shui-Meisters bestand darin, eine geeignete Stelle für ein Grab zu finden. Im Ahnenkult lebte die Überzeugung, dass Wohlstand, Glück und Zufriedenheit der folgenden Generationen nur zu erreichen sind, wenn die Ahnen eine würdige Zuflucht gefunden haben. Später wurde die Gültigkeit der Regeln auf das Haus ausgeweitet. Wenn das Haus an einer günstigen Stelle liegt und die innere Aufteilung der Räume, Ein- und Ausgänge im Einklang mit den energetischen Gegebenheiten der Umgebung ist, würden sich für die Bewohner die besten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Leben ergeben. Was für den Wohnraum im Haus gilt, gilt in gleichem Maße für den Wohnraum im Freien, also für den Garten.

Hier können nur die groben Züge angesprochen werden. Die vielen Details, die sich beispielsweise aus der Farbenlehre oder astrologischen Beziehungen ergeben, müssen unberücksichtigt bleiben. Das wichtigste sind ohnehin die Konsequenzen, die sich aus der spezifischen Weltanschauung ergeben und deshalb liegt der Schwerpunkt der Betrachtungen in dem hier verfolgten Zusammenhang im Wesentlichen auf diesem Aspekt.

Eine erste Beurteilung für die Qualität des Chi lässt sich aus der Stellung der vier himmlischen Tiere ableiten. Das Idealbild ist im Lehnstuhlprinzip – hohe, bequeme Rückenlehne, Armstützen rechts und links – gegeben: Die Schildkröte (der Berg) hinter dem Haus gewährt Schutz und Geborgenheit. Die Vorderseite ist das Reich des Phönix, der sich über die Landschaft erhebt und für Weite und Inspiration steht. Die linke Seite wird vom Drachen bewacht, die rechte vom Tiger. Während der Berg im Rücken eine statische Wirkung ausübt, die allein auf seiner Masse beruht, dafür aber ein Gefühl der Ruhe ausstrahlt, ist die Wirkung von Drache und Tiger mehr dynamischer Natur. An den Seiten kann ein Austausch mit der Umgebung stattfinden, wobei die Wächter immer auf der Hut sind.

das Bagua im Feng-Shui-Garten

Für die innere Struktur des Gebäudes oder Gartens ist, wenn die Lage in der Umgebung, ausgedrückt durch die vier himmlischen Tiere, erst einmal geklärt ist, das Bagua zuständig. Dieses Bagua ist ein neunteiliges Raster, das über den Grundriss des Hauses oder Gartens gelegt wird. So entstehen neun Bereiche, von denen jeder mit einen bestimmten Lebensbereich in Verbindung steht. Dieses Bagua ist ein Spiegelbild der Persönlichkeitsstruktur der Bewohner. Die einzelnen Teile stehen für Karriere, Partnerschaft, Familie, Reichtum, Zentrum oder Tai Chi, Hilfreiche Freunde, Kinder, Wissen und Ruhm.

Die unterschiedlichen Regeln, die im Laufe der Zeit zur Erreichung des angestrebten Zieles aufgestellt worden sind, gehen zwar z.T. von verschiedenartigen Ansätzen aus (Formenschule, Kompassschule, analytische Schule) die grundlegende Überzeugung ist dennoch bei allen die gleiche: der Mensch wird bestimmt durch die Qualität seiner Umgebung. In dieser Weltanschauung wurzelt die ganze Lebensausrichtung der dortigen Menschen. Deshalb wird so großer Wert auf Harmonie mit der Umwelt, auf Leben im Einklang mit dem Sein gelegt. Nur wenn Mensch und Umwelt in Harmonie sind, kann sich sein Leben voll entfalten.

In die westliche Kultur hat sich das östliche Gedankengut oft in der Ausrichtung auf das Bagua eingelebt. Befreit von der östlichen Weltanschauung bietet es sich als eine bequeme Methode an, angestrebte Lebensziele zu erreichen. Die erfüllte Beziehung zum Lebenspartner braucht nun nicht mehr durch oftmals aufopferungsvolles Bemühen um Achtung der anderen Persönlichkeit oder Einfühlungsvermögen in die Beweggründe des anderen aktiv aufgebaut werden, sondern kann genau so gut und mit weniger Anstrengung durch eine "Harmonisierung" der Partnerschaftsecke erreicht werden. Gleiches gilt für die übrigen Bereiche. Getreu dem Werteverständnis unserer Zeit liegt das Hauptaugenmerk bei vielen Feng-Shui-Anhängern auf der Reichtumsecke.

Es wäre allerdings allzu einseitig, wenn man den großen Erfolg von Feng Shui auf die Bequemlichkeit der westlichen Menschen zurückführen möchte. In einem größeren Zusammenhang gesehen, muss man feststellen, dass allgemein im letzten Jahrhundert der Einfluss von ganzheitlichen Weltanschauungen zugenommen hat. Indische Yoga- und Meditationstechniken oder indianisches Gedankengut stellen ebenso wie die Feng-Shui-Lehre eine Erweiterung der westlichen Verstandeskultur dar, wo auch die seelischen Aspekte ihre Berechtigung haben und zur Geltung kommen. Es scheint, als ob wir das Defizit unserer Weltanschauung unbewusst erfasst haben und nun nach allen Richtungen nach einem Ausgleich auf der Suche sind. Dabei kann es dann leicht passieren, dass man die einseitige westliche Kultur mit einer ebenso einseitigen östlichen vertauscht und somit im Grunde keinen Schritt weiter gekommen ist.

Um zu wissen, worauf man sich einlässt, wenn man sich einseitig orientiert, lohnt es sich, den grundsätzlichen Unterschied in der Lebensauffassung beider Anschauungen herauszuarbeiten. Am deutlichsten zeigt er sich wohl in den Lehren von den Elementen, aus denen durch Mischung alle anderen Stoffe entstehen. Davon gibt es in der westlichen Philosophie vier, nämlich Erde, Wasser, Luft und Feuer. Von Empedokles, einem griechischen Naturphilosophen des 5. Jahrhunderts v. Chr., weiterentwickelt und von Platon und Aristoteles übernommen, hat sich diese Auffassung bis weit über das Mittelalter erhalten und ist erst im 17. Jahrhundert durch die rein materialistische Auffassung der vier Aggregatzustände abgelöst worden.

die 5 Elemente im Feng Shui Garten

In der Feng-Shui-Philosophie gibt es dagegen fünf Elemente, und zwar Feuer, Erde, Metall, Wasser und Holz. Ihre Anordnung im dargestellten Schema entspricht den beiden Zyklen von Kontrolle und Herrschaft einerseits und von Schöpfung und Nährung andererseits. Im ersten Zyklus kontrolliert, bzw. beherrscht jeweils ein Element das folgende in der Reihe (ausgedrückt durch die inneren Pfeile). Feuer beispielsweise hat Macht über Metall, wird aber vom Wasser beherrscht, das Feuer löscht. Metall schneidet – in Form einer Axt oder Säge – Holz, Holz wiederum durchdringt in Form von Wurzeln die Erde und holt sich aus ihr seine Nährstoffe, die es zum Wachstum benötigt. Es besteht keine Rangfolge unter den Elementen, sondern ein geschlossener Kreislauf, in dem jedes Element ein anderes beherrscht, aber seinerseits von einem anderen beherrscht wird. Im zweiten Zyklus (ausgedrückt durch die äußeren, kreisförmigen Pfeile) fördert ein Element das nächste in der Reihe. Holz nährt das Feuer, dieses aber hinterlässt Asche, also Erde. Aus der Erde werden die Metalle in Form von Erzen geborgen. An kalten Metallen kondensiert wiederum Wasser, und dieses wird vom Holz für das Wachstum benötigt. Harmonie stellt sich ein, wenn alle fünf Elemente gleichwertig vertreten sind.

In den westlichen 4 Elementen kommt kein Kreislauf zum Ausdruck, sondern eine lineare, auf- bzw. absteigende Folge. Von der Erde, dem dichtesten und gröbsten der Elemente, über das Flüssige und Gasförmige bis hin zur Wärme, wird die Substanz immer feiner. Lange Zeit hat man sich darüber hinaus noch den Äther gedacht, den die moderne Physik erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts abgeschafft hat (Die Physik des 21. Jh. findet in der Vakuumenergie wieder viele Entsprechungen, s. Laughlin). Noch weiter darüber erstreckte sich die geistige oder himmlische Welt. Vom umgekehrten Standpunkt aus betrachtet gelangt man von der geistigen Welt durch immer stärkere Verdichtung in die materielle Welt der 4 Elemente, in der sich die Verdichtung bis zur festen Erde fortsetzt.

4 Elemente und 5 Elemente im Feng Shui Garten

Die Skizze rechts verdeutlicht die unterschiedliche Struktur der westlichen (vier) und der östlichen (fünf) Elemente. Es sind zwei vollkommen verschieden Denkansätze, die hier zur Geltung kommen, wobei man keinesfalls behaupten darf, die eine sei richtig und die andere falsch. Sie können durchaus beide richtig sein, und zwar jede für den Teil der Realität, den sie beschreibt. Die eine beschreibt eben die auf- und absteigende Hierarchie der Substanz, die andere die Wechselbeziehungen der Elemente auf der irdischen Ebene. Dabei stehen die Namen bei der westlichen und der östlichen Sichtweise nicht für die gleichen Werte, obwohl die durchaus miteinander in Beziehung stehen können.

Weiterhin darf man weder die 5 Elemente des Feng Shui, noch die 4 westlichen wörtlich nehmen, noch im Sinne der Chemie als Aggregatzustände der Materie (fest, flüssig, gasförmig, energetisch) vorstellen. Gemeint ist hier wie dort eine innere Qualität der Stoffe, die die äußeren Eigenschaften bestimmt

Die östliche Weltanschauung ist bestimmt von der Idee des Kreislaufes. Entwicklung findet nicht im Sinne von etwas neuem, besseren statt, sondern nur in der Wiederholung von größeren und kleineren Zyklen. Das drückt sich keineswegs nur in der Lehre der 5 Elemente aus, es bestimmt die gesamte Denkrichtung der historischen Epochen. Auch die Vorstellung vom Charakter der Zeit ist davon geprägt: "Raum und Zeit wurden im chinesischen Altertum als Einheit verstanden. Manifestationen des Raumes bedingen sich durch die Zeit und umgekehrt. Die Zeit wird dabei nicht als fortschreitendes Kontinuum gesehen, sondern vollzieht sich in Zyklen, Epochen und den vier Jahreszeiten. Der Raum ist ebenfalls nicht endlos, vielmehr ist er der Vorstellung nach begrenzt. Wie die Zeit im Verlauf eines Zyklus verschiedene Merkmale annehmen kann, so ist auch der Raum in seiner Ausdehnung, entsprechend der Einteilung nach Himmelsrichtungen, immer mit unterschiedlichen Qualitäten, wie Herrschaftsbereichen oder klimatischen Bedingungen besetzt. Zeit und Raum bilden in ihrer Einheit einen Zustand des Kosmos." (Marcel Granet: "Das chinesische Denken – Inhalt, Form, Charakter", München: Piper, 1963, zitiert in Achim Boßlet: Fengshui – Tradition und Gegenwart, Universitätsbibliothek München: UMC 10582)

In manchen Büchern über Feng Shui findet man einen Verweis auf einen Satz Heraklits: "Panta rhei" – Alles fliesst. Man konstruiert eine Entsprechung zwischen dem Fluss des Chi und der altgriechischen Philosophie des Werden und Vergehens, die über Platon sich ins neuzeitliche Denken fortgesetzt hat und sich bei Goethe, Hölderlin, Hegel oder Nietzsche in der einen oder anderen Form wieder findet. Diese Entsprechung ist keineswegs vorhanden. Im Feng Shui kommt darin die Bewegung innerhalb eines Kreislaufes zum Ausdruck, die ständige Wiederkehr des Gleichen. Bei Heraklit dagegen ist es die Einsicht in die Entwicklung der Dinge: Es entsteht immer wieder neues, nichts bleibt so, wie es ist: "Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen." (es fließt immer neues Wasser nach, so dass im nächsten Augenblick bereits wieder neue Teilchen den Fluss bilden.) Im Feng Shui ist es immer das gleiche Chi, das durch die Art des Fliessens – ob ungehindert oder gestaut, langsam oder schnell – verschiedene Wirkungen auf die Lebewesen ausübt. Im Westen versteht man das Fliessen als Entwicklung, als fortwährendes Schaffen und Neugestalten bei gleichzeitiger Überwindung oder Zerstörung des alten. Wer allerdings grundsätzlich in allem Alten das Ehrwürdige, Erhaltenswerte sieht, wie das in der chinesischen Mentalität der Fall ist, kommt zu ganz anderen Auffassungen von der Welt.

Im Feng Shui wird die grundsätzliche Weltsicht zu einem System des Umgangs mit dieser Welt ausgebaut. Dabei kommt noch ein weiterer Gesichtspunkt hinzu, den man bei der Beurteilung dieser Philosophie nicht außer Acht lassen darf. Die östlichen Anschauungen haben eine andere Auffassung von der Persönlichkeit des Menschen. Während im Westen ein aktiv handelndes Ich sich seinen Platz in der Welt erkämpft ("macht euch die Erde untertan"), sieht sich der Mensch im Osten eingebunden in seine Umwelt mit allem Leben, das sich darin befindet. Er ist lediglich ein Teil dieser Umwelt, die ihn in seinem Denken und Handeln mit bestimmt. Man könnte diese Mentalität als passive Weltanschauung bezeichnen, im Gegensatz zu einer aktiven der westlichen. Ob man das als Ausdruck einer tief empfundenen Geborgenheit in alles Sein interpretiert oder als ein Bestimmt-Sein durch die äußere Welt, man sieht nur zwei Seiten der gleichen Medaille.

Auch in der Sprache kann man diesen Ausgangspunkt wieder finden. Während in den indogermanischen Sprachen zwischen Subjekt und Objekt, zwischen dem Wahrnehmenden und dem, was wahrgenommen wird, streng unterschieden wird, ist das im chinesisch-japanischen Raum nicht der Fall, wo ein persönlich vorgestelltes Tätersubjekt nicht vorkommt. (Peter Hartmann: Einige Grundzüge des japanischen Sprachbaus, Heidelberg 1952). Im Zen-Buddhismus gar wird in letzter Konsequenz die Aufhebung der Persönlichkeit angestrebt. D.T. Suzuki, ein buddhistischer Zen-Meister, sagt dazu: "Im Osten gibt es kein Ich. Das Ich ist nicht-existent, und daher gibt es kein Ich, das man kreuzigen könnte. Im Christentum wird die Kreuzigung gebraucht, Leiblichkeit verlangt einen gewaltsamen Tod, und sobald der vollzogen ist, muss ... Auferstehung erfolgen... Im Buddhismus wird nur die Erleuchtung gebraucht, keine Kreuzigung, keine Auferstehung."

So ist es auch und gerade im Feng Shui das Ziel, die Ergebung in den äußeren (höheren) Willen unter Aufgabe des eigenen Willens zu suchen. Da die Einzelpersönlichkeit als machtlos über die Verhältnisse angesehen wird, wird großer Wert darauf gelegt, Harmonie in der Umwelt herzustellen, damit auf diesem Umweg die Umwelt dann eine positive Wirkung auf den Menschen ausübt.

Im Westen verfolgt man ganz andere Absichten, was in der Lehre von den 4 Elementen deutlich zu greifen ist: Hier steht im Vordergrund der Betrachtung die Entwicklung. Das hat Auswirkungen auf die Art, wie sich der Mensch im Verhältnis zur ihn umgebenden Welt begreift. Es wird hier nie eine endgültige Zufriedenheit mit einmal erreichtem geben, sondern ein fortwährendes Streben – bevor ein Ziel erreicht ist, hat man schon das nächste vor Augen. Die grundsätzliche Qualität dieser westlich geprägten Anschauung hat Goethe seinen Faust ausdrücken lassen, als der vor der Entscheidung stand, sich mit dem Wissen der äußeren Wissenschaft zufrieden zu geben, oder sich auf das Risiko eines Paktes mit dem Teufel einzulassen; in der Hoffnung, auf diese Weise neue und tiefere Einsichten zu gewinnen. Faust sagt:

"Werd ich zum Augenblicke sagen: verweile doch, du bist zu schön! Dann magst du mich in Ketten schlagen. Dann will ich gern zugrunde gehn."

Die Hingabe und Ruhe in der Harmonie des Augenblickes bedeutet ihm nichts, solange noch keine vollständige Einsicht in die Zusammenhänge und Geheimnisse des Daseins erlangt sind. Nicht der Genuss der Harmonie ist ihm wichtig, sondern das Verständnis bis in das letzte Detail dieser Harmonie sind sein Ziel. Er will nicht bloss ein Teil dieser Harmonie sein, damit sein Leben davon profitiert, er will "erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält".

Die Geschichte, v.a. der Neuzeit, zeigt auch die Schattenseite dieser Anschauung, die sich in allen Bereichen des Lebens, im wirtschaftlichen und sozialen Umfeld oder in der Umwelt, zeigen. Um Neues zu schaffen, muss Altes überwunden werden. Wer einseitig auf das Neue fixiert ist, kümmert sich nicht um die Schäden, die entstehen, wenn alte Überlieferungen, Existenzen und soziale Bindungen und vieles, was damit zusammenhängt, zerstört werden. Die Hinwendung zu östlichen Weltanschauungen im Westen ist bestimmt zum Teil eine Folge der Angst, was noch alles auf uns zu kommen wird, wenn die Entwicklung so weitergeht. Trotzdem steckt in dieser westlichen Anschauung ein großes Potential. Der Drang nach Weiterentwicklung umfasst auch und gerade das innere Wesen des Menschen. Die westliche (christlich geprägte) Anschauung will das Ich, die Persönlichkeit, nicht dämpfen, sondern veredeln, zur höchsten Kraft entwickeln. Der göttliche Funke soll im Innern zum Leuchten gebracht werden, damit der Mensch verwandelt wird und sich zum Erfassen und Leben des göttlichen Willens heraufentwickelt.

Diese Tendenz kann man bei vielen Denkern der Neuzeit finden, beispielsweise bei Goethe, Schiller, Herder, Hegel, Tolstoi, Schweitzer und vielen anderen, die alle auf ihre Weise versuchen, die Vernunft zu veredeln und als letzte Instanz bei allen Entscheidungen etablieren möchten.

Beide Anschauungen, die westliche und die östliche, haben ihre Berechtigung, aber beide haben Vor- und Nachteile. Im Feng Shui wird der Persönlichkeit kaum Macht über die Verhältnisse zuerkannt. Alle Kraft geht von einer harmonischen oder unharmonischen Umwelt aus, die über die Persönlichkeit bestimmt. Für denjenigen, der sich dieser Vorstellung hingibt, ergibt sich eine äußerst bequeme Möglichkeit, seinem Leben eine bestimmte Richtung zu geben. Man braucht sich nicht innerlich anzustrengen, braucht nicht aus eigener Kraft sein Leben verändern, um seine Ziele zu erreichen; es reicht, wenn man seine Umgebung harmonisiert, Blockaden abbaut und Lücken schließt. Das alles muss man nicht einmal selbst tun; mit vergleichsweise geringem finanziellen Aufwand kann man sich einen Feng-Shui-Berater engagieren, der das alles für einen in die Hand nimmt.

Auch dazu gibt es von Goethe ein schönes Zitat, das den Unterschied zwischen beiden Anschauungen deutlich zum Ausdruck bringt:

"Feiger Gedanke, bängliches Schwanken,
weibisches Zagen, ängstliches Klagen
wendet kein Elend, macht dich nicht frei!
Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten;
nimmer sich beugen, kräftig sich zeigen
rufet die Arme der Götter herbei."

Auch bei Goethe ist die Welt noch erfüllt von Göttern und Geistern. Der gravierende Unterschied in der Anschauung besteht in der Stellung des Menschen gegenüber diesen Göttern. Statt sich mehr passiv in die Harmonie des Chi einzuleben, wird ein aktives Handeln gefordert. Der Mensch muss selbst etwas tun, um sich der Hilfe der Götter würdig zu erweisen. Er muss sich aktiv zu den Göttern hin entwickeln, auch wenn er auf diesem Weg Fehler macht, d.h. wenn er die Harmonie verletzt. Im Feng Shui dagegen will man gerade das vermeiden.

Bei strenger Auslegung der Feng-Shui-Philosophie besteht die Gefahr, in Stagnation zu erstarren. Notwendige, wünschenswerte oder wichtige Veränderungen werden u.U. unterlassen aus Angst, die Harmonie zu zerstören. Die äußere Harmonie ist ein Zustand, in dem Veränderungen nicht mehr erwünscht sind. Wer wenigstens im Ansatz begriffen hat, dass Leben nie auf einem Zustand verharren kann, sondern immer in Entwicklung ist, dem muss eine solche Auslegung fremd sein (siehe auch meine Schrift 'Naturerkenntnis – Selbsterkenntnis' , besonders den Abschnitt "Stagnation und Vielfalt").

Noch etwas anderes muss wenigstens im Ansatz angesprochen werden. Die Wirkung der Umwelt, bzw. dem Chi, auf die Persönlichkeit ist eine magische. Dieser Gedanke erscheint unserer aufgeklärten Zeit befremdlich, ja geradezu suspekt. Alles, was nicht messbar oder mit dem Verstand nicht fassbar ist, wird schnell als esotherisch-spiritistische Wahnvorstellung abgetan, die man – wenn überhaupt – nur aus gebührendem Abstand betrachten darf. In der Weltanschauung des Feng Shui ist das aber eine Realität, weshalb man sich auch mit solchen Gedankengängen befassen muss, falls man sich von der Beachtung der Grundsätze und Regeln eine Wirkung erhofft. Wer Goethes Faust kennt, wird im Verhältnis von Faust zu Mephisto etwas ähnliches erkennen. (Womit keineswegs die Umwelt des Feng Shui als Mephisto-ähnlich oder gar gleich bewertet wird. Hier geht es nur um die Art einer magischen Wirkung). Faust kann sich die Kräfte des Mephisto zunutze machen; allerdings nur, weil er ihm seine Seele verkauft. Er entgeht seinem Schicksal letzten Endes nur deswegen, weil ihm irdischer Genuss nur eine Zwischenstufe auf dem Weg zur höchsten Erkenntnis ist, weil er nie zur Ruhe kommt und "im Augenblick verweilen" möchte. Er wandelt auf einem schmalen Grat über den Abgründen irdischer Leidenschaften und Wohllebens, die ihn auf Schritt und Tritt gefangen nehmen wollen. Der magischen Abhängigkeit können sich nur die stärksten Naturen entziehen.

Die Schwachen können sich zwar die magische Wirkung zunutze machen und auf diese Weise subjektive Verbesserungen ihres Lebens erreichen. Dafür kommen sie eher in die Gefahr, die eigenen Kräfte brach liegen zu lassen und ihre Lebensziele einer unpersönlichen, wenn auch harmonischen Umwelt anzuvertrauen. Wer seine Schwäche pflegt, wird nie zu Kräften gelangen. Mir kommt das eher wie ein Rückschritt vor. Ich wage sogar zu behaupten, dass der Schwache auf lange Sicht noch schwächer wird, wenn er sich ausschließlich auf die Magie der Umgebung verlässt. Dagegen wird ein Starker, der auf seine eigene Kraft vertraut, zusätzlich von den Einflüssen profitieren, die ihm aus der Umgebung zufliessen. Man wird erinnert an das Wort aus den Evangelien, wo es heißt: "Wer da hat, dem wird gegeben, damit er die Fülle habe - wer nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat."

Das Alte ist nicht automatisch besser, nur weil das Neue noch unvollkommen ist. Es ist das Charakteristikum jeder Entwicklung, dass Wahrheiten, die absolute Gültigkeit zu haben scheinen, mit der Zeit ihre Gültigkeit verlieren und neuen Wahrheiten Platz machen müssen. Das Neue ist nicht immer auf Anhieb besser, manches muss auch wieder komplett verworfen werden, weil es sich eher als eine Sackgasse entpuppt als ein neuer Weg. Man vergisst dann leicht, dass das Alte keineswegs perfekt war und auch seine Nachteile hatte. Und je weiter das Alte zurückliegt, desto stärker verschwimmen in der Erinnerung die Nachteile und die Vorteile erscheinen mehr und mehr in verklärter Gestalt.

Diese Überlegungen sollen nicht auf eine generelle Ablehnung der Feng-Shui-Philosophie hinauslaufen. Der Harmoniegedanke ist sicherlich eine Bereicherung für die westliche, kalte Verstandeskultur, denn auch hier fällt man leicht in ein anderes Extrem. Die einseitige Ausrichtung auf materielle Werte lässt die Seele brach liegen. Das mag für die wirtschaftliche Elite, die mit aller Macht die einseitige Richtung verfolgt – mitunter ohne Rücksicht auf die zwangsläufig entstehenden Kollateralschäden – bedeutungslos sein. Es ist ja gerade das Kennzeichen der ungehemmten wirtschaftlichen Entwicklung, dass sie sich keine Zügel anlegen lassen will. Harmonie würde eine Einschränkung bedeuten, weil sie jedem die Verantwortung auferlegen würde, sich nicht ausschließlich Gedanken um die eigene Gewinnmaximierung zu machen, sondern auch um die möglichen Nachteile, die für andere damit verbunden sind. Gewinnmaximierung und Harmonie schließen sich aus. Die Leidtragenden sind auch hier die Schwachen, die auf der Strecke bleiben und die Klasse der neuen Armut vermehren.

Das Gedankengut des Feng Shui ist keineswegs ein einheitliches System. Es enthält verschiedene Ansätze, die nebeneinander Gültigkeit haben. Das liegt zum großen Teil daran, dass in der chinesischen Mentalität das Alte grundsätzlich mit "altehrwürdig" gleichgesetzt wird. Das Alte wird daher nicht verworfen, wenn etwas neues entsteht, sondern wird weiter gepflegt. Ein gutes Beispiel ist der chinesische Kalender, der in der astrologischen Ausprägung des Feng Shui eine große Bedeutung hat. Ein Zitat aus dem schon erwähnten Buch von Joachim Boßlet gibt dazu einen interessanten Einblick:

"Interessant ist die Tatsache, daß die Magnetabweichung um das Jahr 1000 n.Chr. von 7,5° Nord-Nordost allmählich auf eine westliche Abweichung schwenkte. Ausgrabungen und Messungen an noch erhaltenen Stadtmauern, von denen die Entstehungszeit in etwa genannt werden kann, bestätigen diese These. Für die Feng-Shui-Lehre bedeutete die Magnetabweichung den Beginn des komplizierten Kompasses mit seinen verschiedenen Begutachtungsbezügen.... Es ist bemerkenswert, daß die Ringe, die sich im Laufe der Zeit als obsolet erwiesen, nicht aus der Begutachtung verbannt wurden. Dies muß im Zusammenhang mit der chinesischen Gelehrtentradition gesehen werden, deren besonderes Merkmal es ist, dem Altertum nachzueifern. Die Feng-Shui -Lehre stand wie die Philosophie und die Geschichtsschreibung auch in dieser Tradition, da sie von Gelehrten weitergegeben und praktiziert wurde. Hatten Feng-Shui -Handbücher einen gewissen Status erlangt, konnte ihr Inhalt im allgemeinen nicht mehr kritisiert werden. Es wäre einer Ketzerei gleichgekommen, die Kompaßringe, welche Qiu Yanhan und Yang Yunsong zugeschrieben wurden, als nicht mehr zeitgemäß zu betrachten. Daher konnten mit ihnen die Erscheinungen der Magnetabweichung nicht mehr korrekt beschrieben werden. So wurde das Ideale beibehalten und mit dem Neuen ergänzt und in einem System vernetzt. Das Phänomen der Magnetabweichung wurde auf unterschiedliche Weise mit der Fünf-Elementen-Lehre und der Yin-Yang-Theorie erklärt. Die unterschiedlichen Erklärungsmodelle zur Magnetabweichung sind charakteristisch für die gesamte Theoriebildung der Feng-Shui -Lehre. Auch die Anwendung der verschiedenen Ringe war keineswegs einheitlich. Schon in songzeitlichen Feng-Shui -Werken wird auf die unterschiedliche Verwendung der Ringe bei der Begutachtung hingewiesen.."

Es ist schwierig, aber notwendig, die Wahrheiten aus alten Weltanschauungen herauszufiltern, wenn sie für heutige Generationen nützlich sein sollen. Eine kritiklose Nachahmung in schwärmerischem Glauben kann nicht das Ziel einer frei urteilenden Vernunft sein. (Genausowenig kann es deren Ziel sein, mit einem überlegenen Lächeln alles alte ab zu tun, nur weil es nicht mit dem Verstand auf Anhieb erfassbar ist.) Die mentale Abhängigkeit von der Umgebung, der Umwelt und der Anordnung der Raumprinzipien würde ich als überwunden und nicht mehr zeitgemäß betrachten. Die Sehnsucht nach einer harmonischen Welt wird dagegen immer aktuell sein, weil sie eng mit dem seelischen und körperlichen Wohlbefinden von uns Menschen zusammenhängt. Das wird in einem anderen Kapitel ausführlicher betrachtet.

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