Ralph Eid, Landschaftsarchitekt

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natürliche Gestaltung

Leben erleben –
Eine kleine Philosophie des Gartens

Einige Gestaltungsansätze

Haben die bisherigen Ausführungen nun irgendwelche Konsequenzen in Bezug auf die Gestaltung des Gartens? Bisher wurden ja aus den Zeiterscheinungen Rückschlüsse auf die Intentionen der Gestalter, bzw. der Besitzer gezogen. Eine aktive Umsetzung des gefundenen Wissens wäre der nächste Schritt.

Wenn wir bei der Charakteristik des Gartens als Synthese von Architektur und Natur bleiben, dann ist die Richtung vorgegeben. Dann scheidet eine architekturbetonte Anlage, in der die Natur nur Staffage ist, aus. Das gleiche gilt für die naturbetonte Gestaltung, die dann eigentlich kaum mehr etwas mit Gestaltung zu tun hat.

Die erste, architekturbezogene Gestaltungsart, ist im Moment wieder sehr modern. Gerade Linien, geometrische Formen, geschnittene Hecken und Einfassungen, Formgehölze: Selbst die Pflanzen werden Architektur. Im Vordergrund steht v.a. der Raumeindruck mit klar voneinander abgegrenzten Bereichen. Die zweite, naturbetonte, hat ihre Blüte schon hinter sich: der Öko-Garten, in dem alles wild durcheinander wachsen darf, in dem Wasser vorwiegend als Lebensraum für Kröten und Frösche, weniger als Zierde für ästhetische Ansprüche zu gelten hat. Wo der Schwerpunkt auf dem Lebensraum für möglichst viele und vorwiegend seltene Tier- und Pflanzenarten liegt und weniger in der gestalterischen Qualität.

Ich behaupte, die Architektur verliert, trotz aller Beteuerungen des Gegenteils, den Menschen aus den Augen, sobald sie die Absicht hat, Sinn stiften zu wollen. Eine interessante Übersicht über diese Tendenz fand ich in einem Artikel über die Gartenstadt, in dem über ein Gedankenaustausch von internationalen Experten berichtet wurde (Weihenstephaner Forum: Lockruf der Gartenstadt in Taspo Gartendesign 1/2011). Der zentralistische Ansatz, in dem Stadtplaner durch architektonische Strukturen soziale Verhältnisse 'anstiften' wollen, gipfelt in der Kunststadt Celebration, wo der Walt-Disney-Konzern eine neue Stadt quasi aus dem Nichts aus dem Boden gestampft hat. Vorausgegangen war eine eingehende Untersuchung der beliebtesten amerikanischen Kleinstädte, in der herauszufinden versucht wurde, was das Leben dort so lebenswert macht. Man fand eine ideale Mischung aus Straßenbreite, Grünstreifen- und Gehwegbreite heraus, aus Fassadenfarben oder Länge und Breite der Veranden, damit die Menschen die Umgebung als harmonisch und angenehm empfinden. Daraus wurde dann die neue Stadt entwickelt. Damit die Zufriedenheit auch tatsächlich garantiert werden kann, müssen Käufer eines Hauses einen Vertrag unterschreiben, in der "von der Fassadenfarbe über die Mähfrequenz des Rasens bis hin zu der verpflichtenden Teilnahme an Wohltätigkeitsveranstaltungen das Zusammenleben geregelt ist." Hier richtet sich also nicht der Mensch seine Umgebung ein, damit er sich wohl fühlt, sondern die Umgebung macht den sich wohlfühlenden Menschen. Das wirkt krank und ist es auch, aber genau nach diesem Muster, wenn auch nicht so extrem durchexerziert, wurden immer wieder städteplanerische Konzepte aufgestellt. Eigeninitiative, individuelle Ansprüche und Vorlieben, alles was die ureigene Persönlichkeit des Menschen betrifft, werden dort konsequent ignoriert. Demgegenüber steht das Konzept der fraktalen Strukturen, wobei der Begriff Konzept schon irreführend ist. Gemeint ist damit ein natürlich anmutendes Wachstum um einen Stadtkern herum, wodurch Siedlungen und Vororte entstehen, die immer noch von Grüngürteln, bzw. freier Landschaft durchzogen sind. Das ist ein dezentrales Prinzip, wo der einzelne wesentlich mehr Möglichkeiten hat, seinen Lebensstil zu verwirklichen. Wenn er Wert legt auf die Nähe der anderen dort lebenden Menschen, dann wird er versuchen, ein harmonisches Verhältnis zu ihnen aufzubauen. Er wird dann von allzu individualistischen Exzessen Abstand nehmen, die ihn als Außenseiter abstempeln, er wird vielleicht statt einer hohen Hecke um sein Grundstück einem offenen, freundlichen Vorgarten den Vorzug geben, der für andere einladend wirkt und damit seiner Lebenseinstellung Ausdruck verleiht. Vielleicht gelangt man dann zu solchen Kleinstädten, die das Vorbild für Celebration waren, aber umgekehrt wird das ganz sicher nicht funktionieren, weil es die persönliche Freiheit einengt und Zwänge schafft.

Mit den modernen, architektonischen Gärten hat es eine ähnliche Bewandtnis. Sie sind eine Abstraktion des Raumes, aus dem sie in letzter Konsequenz auch den Menschen abstrahieren. Sie sind ein Bild zum Anschauen, kein Raum zum Leben. Der wichtigste Platz in diesen Gärten ist eine große Terrasse direkt am Haus und vielleicht noch eine etwas abseits, von der man seinen Garten bewundert. Es gibt keinen Grund, warum man den Garten benutzen sollte, weil alles auf visuelle Eindrücke abzielt, die man von der Terrasse aus vollständig überblickt. Das geometrische Wasserbecken aus scharfkantigem, glatten Material mit glasklarem Wasser nimmt bereits einen schmutzigen Fingerabdruck übel, die Formgehölze haben nichts mehr mit lebendigen Pflanzen zu tun und der Rasen ist lediglich eine leere, grüne Fläche, in der die übrigen Formen umso stärker zur Geltung gelangen sollen.

Wenn man diese Gärten positiv würdigen wollte, müsste man sie wohl als zeitgemässe Interpretation des Zen-Gartens, bzw. der chinesisch/japanischen Gartenlinie charakterisieren. Hier wie dort geht es um die Betrachtung, um Kontemplation. Das Thema Natur oder Raum wird abstrahiert, der Sinn bleibt dem naiven Betrachter verborgen und erschliesst sich nur dem Eingeweihten. Hier geht es nicht um unmittelbare Erfahrung, um das Miterleben der lebendigen Kräfte, sondern um eine aktive (verstandesmässige) Überbrückung zwischen Form und Sinn.

Mir ist das alles viel zu steril und ungemütlich. Der Garten ist ja schließlich nicht wie ein Bild an der Wand, das man sich anschaut; das allerdings zwangsläufig irgendwann langweilig und fad wird, wenn man es oft genug gesehen hat. Der Garten sollte, das wurde ja bereits angesprochen, neben allem anderen, was er sowieso an Bedürfnissen erfüllen muss, ein Ort der Kommunikation mit den Wesenskräften der Natur sein. Das geht nur, wenn sich das Leben voll entfalten kann, wenn es nicht herabgedämpft wird wie beim Rasen oder dem Bux mit exaktem Formschnitt. Wenn also alle Lebensphasen - Geburt, Wachstum, Reife, Tod - voll zur Geltung gelangen dürfen. Und, was erst die Kommunikation möglich macht, wenn die intime Nähe zu dem lebendigen Geschehen gewährleistet ist.

Es geht vorwärts ...
ist der Titel einer Erzählung von Hermann Hesse. Es geht darin um eine neue Stadt, die in der Wildnis aus dem Boden gestampft wurde. Die Wildnis wurde zurückgedrängt, Straßen wurden gebaut, Industrieanlagen, Siedlungen; kurz und gut: die Zivilisation hielt Einzug. Tiere und Pflanzen verloren ihren Lebensraum, der Mensch übernahm das Zepter. Es war ein Ingenieur, der die Arbeiten für die Infrastruktur leitete, der dieses Wort aussprach. Nach Jahren der Blüte versiegten die Bodenschätze, die Industrieanlagen wurden wertlos, die dort lebenden Menschen wanderten ab, weil sie keine Arbeit mehr fanden. Die Anlagen verrotteten, die Siedlungen verfielen, die Infrastruktur zerbrach. Die Natur eroberte sich ihr ehemaliges Terrain wieder zurück.
"Es geht vorwärts", meinte ein Specht, der an einer Kiefer hämmerte, als er beobachtete, wie die menschliche Schöpfung allmählich unter einem grünen Blätterdach verschwand.
Zivilisation und Natur scheinen sich auf ein und derselben Fläche auszuschließen, wie die Erzählung von Hermann Hesse zeigt. Es gibt nur einen Ort, wo sie eine Synthese eingehen, und das ist der Garten. Dort wird versucht, ein Bild der Natur in Form von ausgewählten Pflanzen in architektonischem Kontext zu kultivieren.

Es wird hier nicht darum gehen, etwas vollständig neues zu erfinden. Eher darum, das bereits bestehende neu oder einfach anders zu bewerten. Der Ablauf der Geschichte, ob das nun Gartengeschichte, Kunstgeschichte oder Gesellschaftsgeschichte ist, funktioniert in der Regel nach ähnlichen Gesetzen. Es ist selten, dass etwas absolut neues entsteht. Vielmehr ist irgendwann die Zeit reif für eine Strömung, die sich schon längere Zeit im Verborgenen, von irgendwelchen Außenseitern repräsentiert, gehalten hat. Ich selbst kann nur einige wenige Ansätze vermitteln, von denen ich glaube, dass sie wichtig sind. Da ich ein Typ bin, dessen Leben sich mehr in Gefühlen als in Gedanken abspielt, wird das Hauptaugenmerk, wie das sich ja auch in den vorherigen Abschnitten abgezeichnet hat, auf der Gefühlsebene liegen. Und darin liegt eine grundsätzliche Schwierigkeit: Gefühle sprachlich zu vermitteln, ist nicht einfach. Man muss sich erst einmal selbst über die Hintergründe seiner Gefühle im Klaren werden, aus welcher Region sie stammen und in welche Richtung sie abzielen. Man möge mir also verzeihen, wenn die folgenden Ausführungen nicht so klar und deutlich ausfallen, wie man das erwarten sollte.

Unser Ziel wird es sein, eine möglichst innige und intime Verbindung zu der Natur zu gewinnen. Nicht so wie im Ökogarten, wo mehr der Verstand gekitzelt wird, weil die Pflanzenauswahl dort von Kriterien wie heimisch und darüber hinaus selten oder gefährdet bestimmt wird. Ob eine Pflanze oder ein Tier heimisch, selten oder gar gefährdet ist, die ich mit entsprechendem Aufwand in meinem Garten ansiedeln kann, kann ich nur mit dem Verstand erfassen. Und wenn der an erster Stelle steht, sind die Gefühle von vornherein im Nachteil. Für das unmittelbare Gefühl, für die Freude an dem, was ich empfinde, spielt es keine Rolle, ob beispielsweise die Pflanzen heimisch oder fremdländisch, selten sind oder immer noch häufig vorkommen, oder ob sie gar in der freien Landschaft überhaupt nicht vorkommen, weil sie durch Züchtung schon sehr weit von der Ursprungsart entfernt sind.

1. Der Schwerpunkt in diesem Zusammenhang wird auf den Stauden und Gräsern liegen. Deshalb verlieren andere Gestaltungsprinzipien, wie Raumbildung - ob durch feste Elemente oder durch Strukturgehölze - und Sichtschutz, nicht an Bedeutung, sie müssen aber hier nicht extra behandelt werden. Stauden und Gräser haben v.a. deshalb so große Bedeutung, weil sie in kurzer Zeit, während einer Vegetationsperiode, einen vollen Lebenszyklus durchlaufen. Das ist zwar nicht ganz richtig, da Stauden ja mehrjährige Pflanzen sind, die nicht in jedem Frühjahr von neuem keimen müssen. Sie überwintern mit unterirdischen oder ebenerdigen Organen: Rhizome, Wurzeln, Blattrosetten o.ä. Darauf kommt es aber in erster Linie gar nicht an. Wichtig ist vielmehr die Empfindung dieses Lebensrhythmus, wobei Stauden gegenüber Einjährigen klar im Vorteil sind. Da sie die Kräfte, die sie im Sommer gesammelt haben, in ihren Überwinterungsorganen speichern, erfolgt der Austrieb im Frühjahr auffallend kraftvoll und vital. Bei Einjährigen, auch den besonders stark wachsenden, wie Sonnenblumen oder Getreide, dauert es wesentlich länger, bis die Pflanzen eine entsprechende Größe erreicht haben, so dass man sie als wirksame Gestalt wahrnimmt. Es kommt hinzu, dass sie freie Zwischenräume brauchen, da der zarte Keimling zunächst noch sehr empfindlich gegenüber Beschattung oder Wurzeldruck ist, und erst mit zunehmendem Alter die Kräfte sammeln muss, die die Stauden in ihren Überwinterungsorganen schon mitbringen.

Trotzdem sind die Wirkungen, die Stauden und Gräser auf unsere Wahrnehmung ausüben, die gleichen wie die von Einjährigen. Der Austrieb im Frühjahr entspricht der Keimung, nur dass eben pro Pflanze nicht nur ein schwacher Trieb erscheint, sondern gleich mehrere, und zwar im Verhältnis zu Keimpflanzen bereits sehr kräftige. Es ist ein ganz besonderes Erlebnis, wenn man im April das frische Grün der Stauden erlebt, wie es sich machtvoll aus der Erde den Weg zum Licht freikämpft. Ganz besonders, wenn die Flächen mit Blättern oder mit einer Mulchschicht aus Rinde, Riesel oder Häckselgut dick abgedeckt sind, so dass man nach dem Rückschnitt der alten Triebe nur die kahle Fläche vor Augen hat. Es ist jedes Mal im Frühjahr wie ein Neuanfang, und es ist jedes Mal das gleiche, aber dennoch niemals langweilig werdende Erlebnis, wie nach der langen Zeit des Winters die Natur wieder zum Leben erwacht. Vielleicht liegt das ja auch daran, dass wir uns inmitten unserer wohlig warmen Wohnungen, dem unaufhörlich fortdauernden hektischen Treiben der Wirtschaft, der steigenden und fallenden Aktienkurse, einsam fühlen, wenn um uns herum alles leblos erscheint. Da hilft auch der immergrüne Garten nicht viel, da die grüne Farbe nicht über die Herrschaft des Todes hinwegtäuschen kann. Wenn man einmal vom Bambus absieht, dann ist das Grün der winterlichen Blätter stumpf, es fehlt ihm die lebendige Frische, die erst der neue Austrieb im Frühling wieder vermittelt. Auch daran kann man bereits einen zentralen Aspekt des Lebens erkennen: Die Veränderung. Erst der neue, wachsende Trieb weist auf wirkende Lebensprozesse hin, die immergrüne Pflanze im Winter ist nur ein totes Bild des Lebens, ähnlich wie die grüne, fast leblose Rasenfläche.

Ich möchte behaupten, dass die Ruhepause im Winter wichtig ist, um überhaupt etwas über die Wesenskräfte des Lebens erfahren zu können. Nur durch den Verlust des Lebens, die Totenstille des Winters, gewinnt das Leben einen Wert, der weit über die bloße Abfolge der Jahreszeiten hinausgeht. Wer keine Tiefen erlebt, weiß auch die Höhen nicht zu schätzen. Erst das Gefühl eines Mangels weckt die Sehnsucht nach der Fülle. Wer alles hat, wird träge und faul. Das erinnert mich an ein anderes Märchen von Herrmann Hesse: Augustus. Augustus war ein Mensch, der - durch den Zauber eines Wunsches - von allen geliebt wurde. Auch wenn er seine Mitmenschen beleidigte, belog und betrog, wurde ihm das verziehen. Doch das machte ihn nicht glücklich, im Gegenteil: je mehr er von anderen geliebt wurde, desto leerer fühlte er sich. Bis er es so satt hatte, dass er seinem Leben ein Ende machen wollte. Im letzten Moment wurde ihm klar, dass es besser ist zu lieben, als geliebt zu werden. Und so begann aus dem tiefsten Punkt seines Lebens der lange Weg zum wirklichen Leben.



Nach dem langen Warten während des Winters beginnt im Frühling die Zeit des Wachstums. Überall zeigt sich frisches Grün, das sich fast gleichzeitig entfaltet, wenn die Zeit reif ist. Und auch hier sind die Stauden klar im Vorteil: Weil sie wie aus dem Nichts erscheinen, ist der Effekt entsprechend größer als bei Gehölzen, die ihre Form, sofern sie ein gewisses Alter bereits erreicht haben, nur noch marginal verändern. Eine Haselnuss, die schon eine Höhe von 5 Metern erreicht hat, wächst zwar auch weiter, aber im Verhältnis zu ihrer Größe ist der Zuwachs nicht mehr wahrnehmbar. Noch weniger ist das bei Bäumen der Fall. Dass ein Baum wächst, merkt man in der Wachstumsperiode nicht. Erst nach einigen Jahren 'sieht' man den Unterschied zu früher. Man muss seine Erinnerung zur Hilfe nehmen, um den Wachstumsvorgang in seiner Vorstellung erfassen zu können. Stauden waren im März noch nicht zu sehen, im April beginnen sie, sich zu entfalten, bis zum Mai ist die Fläche geschlossen, Ende Mai ist bereits eine Höhe von einem Meter erreicht und Ende Juni sind es, wenn man die entsprechenden Pflanzen verwendet hat, gut und gerne zwei Meter. Es wäre übertrieben zu behaupten, man könne den Pflanzen beim Wachsen zuschauen, dennoch ist das eine schöne Umschreibung der tatsächlichen Verhältnisse. Das entscheidende, was hier passiert, ist die Veränderung des Raumes. Im Spätwinter ist alles noch leer und offen, so dass es kaum Hindernisse in den Blickbeziehungen gibt. Falls eine dichte Randbepflanzung fehlt, ist der Garten ein Teil der Umgebung, der Nachbargärten oder der Landschaft. Bei entsprechenden Grundstücken hat man den Eindruck von Weite, die auch durch Zäune kaum getrübt wird. Innerhalb von nur wenigen Wochen ist nicht bloß die Fläche grün geworden, sondern durch das ernorme Wachstum hat sich der Raum mit Leben gefüllt. Die Weite ist einer Abgeschlossenheit gewichen. Das kann im Extremfall sogar so weit gehen, dass man sich im Sommer beengt fühlt, weil der Gartenraum kleiner geworden ist. Noch von gar nicht langer Zeit konnte man mit seinen Blicken das gesamte Grundstück auf einmal erfassen, im Sommer ist das nicht mehr möglich. Damit erhält der Garten dann eine intime Atmosphäre, die Abgeschiedenheit und Geborgenheit vermittelt. Auch wenn keine einzige Blüte zu sehen wäre - nur durch die Raumveränderung vermittelt der Garten ein unvergleichliches Erlebnis. Je kleiner ein Garten oder Gartenteil ist, desto deutlicher wird man diese Empfindung nachvollziehen können.

Wenn diese Zeit der stärksten Veränderungen durch die Farben der Blüten noch zusätzlich gesteigert wird, ist das Gartenerlebnis perfekt. In keiner anderen Zeit des Jahres gibt es so viel zu sehen und zu erleben wie im Frühjahr. Bevor man sich an einem Ereignis satt gesehen hat, gibt es irgendwo anders bereits wieder etwas neues. Im Sommer ist das nicht mehr der Fall. Da geht es ruhiger und gediegener zu, die Zeit vergeht langsamer. Nach zwei, drei, vielleicht sogar vier Wochen hat sich kaum etwas verändert. Es ist die Zeit der Reife, in der das Wachstum zur Ruhe gekommen ist. Die Lebensprozesse sind jetzt nicht mehr so deutlich sichtbar. Die Blüte und die Fruchtbildung verändern nicht mehr die Gestalt, sondern nur noch die Farbe. Langsamer bedeutet auch länger. Im Frühjahr wird die Blüte mit dem schnellen Wachstum mitgerissen, so dass kaum eine Pflanze länger als zwei Wochen blüht. Die Sommerblüher dagegen lassen sich auch mit der Blüte viel mehr Zeit. Vier bis sechs Wochen Blütezeit, manchmal noch länger, sind im Sommer keine Seltenheit. Es ist fast wie im Winter: die Zeit scheint still zu stehen, sogar die Fülle wird irgendwann langweilig. Beinahe sehnt man sich nach dem Herbst, wo sich wieder etwas tut. Nicht mehr so schnell und nicht so auffällig wie im Frühjahr, aber deutlich. Man hat das Gefühl, die Natur hält für einen Augenblick den Atem an.

Ein Jahr ist wie ein Atemzug im Leben der Natur. Im Frühjahr atmet sie das Licht der Sonne ein, alles bläht sich auf, der leere Raum füllt sich mit Leben. Im Sommer verharrt sie in Beschaulichkeit, um dann im Herbst wieder auszuatmen und die Kräfte der Sonne, die die Pflanzen im Frühjahr und Sommer in sich aufgenommen haben, der Erde zu übergeben. Das ist kein Sterben, wie das manchmal behauptet wird, sondern ein großes Fest nach getaner Arbeit. Wo der eine bei Anblick der warmen Herbstfarben im Wissen auf die Nähe des Winters Wehmut empfindet, erkenne ich die Freude, Zufriedenheit und auch Dankbarkeit der Natur, bevor sie sich zur Ruhe begibt. Dann folgt wieder ein Innehalten, in harten Wintern beinahe ein Atemstillstand.




Es herrscht zwar Stille, aber keine Totenstille. Tiere sind immer noch aktiv; gerade in Gärten mit vielfältiger Bepflanzung, mit Bäumen, mit Fruchtsträuchern oder den zurückgebliebenen Samenständen der Stauden finden sie noch Nahrung. Ganz besonders bezaubernd sind die kalten, klaren Wintertage, wenn die Pflanzen mit Rauhreif überzogen sind. Was von Frühjahr bis zum Herbst die Blüten der Pflanzen sind, das ahmt die Natur im Winter mit den sonderbarsten und fast ebenso mannigfaltigen Kristallen nach.

Durch die Nähe zu den Geschehnissen hat man im Garten die unvergleichliche Möglichkeit, die Lebensprozesse in der Natur hautnah mitzuerleben. Man ist nicht bloß der Zuschauer aus sicherer Entfernung, man nimmt teil am Geschehen. Im Garten ist man an Geburt (Keimung), Wachstum, Reife und Tod emotional beteiligt.

2. Bisher ging es um eine mehr emotionale Nähe zu dem Geschehen im Garte. Wir können noch einen Schritt weiter gehen und auch die räumliche Nähe ein gutes Stück verbessern. Dabei geht es um die Terrasse im weitesten Sinne, d.h. um den Platz, wo man sich in der Regel aufhält. Ob sie akkurat gepflastert ist oder nur aus etwas Kies mit einem Tisch und einigen Stühlen besteht, ist für unsere Betrachtungen zunächst gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, wo sie sich befindet. Komische Frage, wird sich mancher sagen: Vor der Wohnzimmertür, wo sonst? Das ist bequem und praktisch: Man ist mit ein paar Schritten im Freien und kann sich dort gleich wieder nieder lassen. Außerdem macht das jeder so. Und was jeder macht, muss einfach gut sein.

Wenn sich die Ansprüche ändern, muss man u.U. auch die äußeren Verhältnisse anpassen. Wenn man die Nähe zur Natur sucht, dann sollte man konsequent sein und seinen Aufenthaltsort dort wählen, wo Natur ist. Das ist in der Regel nicht am Haus. Schöner wäre es, die Terrasse inmitten von üppigem Grün zu bauen, wo sich das Leben ausbreitet. Es mag sein, dass man dann ein paar Schritte weiter gehen muss. Da der Garten aber per se ein Ort der Muße ist, dürfte das kein großes Problem darstellen. Die Rush Hour spielt sich nicht im Garten ab.

Der entscheidende Unterschied zwischen der Terrasse am Haus und einer mitten im Grünen ist die Atmosphäre. Die Lage direkt am Haus ist von der Architektur des Hauses geprägt. Die Wand im Rücken, eine Markise oder gar eine Pergola zum Schutz vor zu starker Sonneneinstrahlung verleihen den Charakter eines Zimmers im Freien. Dieser Platz gibt zwar ein Gefühl von Sicherheit, weil er nur nach einer Seite hin offen ist. Doch wir leben ja nicht mehr in der Wildnis, wo es auf kurze Fluchtwege in die sichere Höhle ankommt. Im Garten liegt niemand auf der Lauer, vor dem wir auf der Hut sein müssen. Auch ich musste das erst lernen. Als ich vor zwanzig Jahren ein altes Haus mit Grundstück erworben habe, weil ich mir keinen Neubau leisten konnte, gab es dort gar keine Terrasse. Es gab auch keine Tür vom Wohnzimmer nach draußen. Das Wohnzimmer war früher die Gaststube eines kleinen Wirtshauses, der Zugang nach draußen war die Haustür. Die ist es auch bis heute geblieben. Als Aufenthaltsbereich bot sich der Platz unter einer großen Kastanie an, knapp zehn Meter vom Haus entfernt. Was damals eher eine Notlösung war, möchte ich heute nicht mehr missen. Unter der Baumkrone brennt mir im Sommer die Sonne nicht in die Augen, die Luftfeuchtigkeit ist aufgrund der Transpiration der Blätter immer etwas höher als auf einer heißen Terrasse am Haus. Ich sitze dort in einem Meer aus üppig grünen Farnen, die sich im Laufe der Jahre die schattigen Randbereiche erfolgreich erkämpft haben. Für vertikale Strukturen als Ersatz für die Hauswand im Rücken sorgen einige Horste Waldgeißbart, eine Eibe und ein paar Stechpalmen. Doch das sind alles weiche Formen, kein Vergleich zu den harten, geraden Linien des Hauses.

Was wünschenswert wäre, ist nicht immer machbar. Wenn der Dachüberstand des Hauses sehr breit ausfällt, so dass kein Regentropfen bis ans Haus gelangen kann, entsteht ein Todesstreifen, den man nur mit hohem Aufwand begrünen kann. Man muss dann ständig bewässern, in staubiger Umgebung sollte man auch regelmäßig die Blätter der Pflanzen abspritzen. In solchen Fällen tendiere auch ich zu einer Terrasse direkt am Haus. Bein einem Neubau ist das etwas anderes. Da hat man es selbst in der Hand, ob man sich frühzeitig Gedanken über das Aussehen des Gartens macht oder nicht. Man kann den Dachüberstand auf ein Minimum begrenzen oder sogar ganz darauf verzichten. Mit den heutigen bautechnischen Möglichkeiten bleibt das Mauerwerk auch dann trocken, wenn der Regen an die Hauswand prasselt. Dann kann man wirklich bis an die Wand pflanzen. Es ist herrlich, durch ein Blütenmeer ein paar Schritte bis zur Terrasse zu gehen. Wenn man die Staudenflächen mit Riesel oder Splitt mulcht, kann man getrost auf den obligatorischen Dränstreifen verzichten. Die Mulchschicht übernimmt in diesem Fall auch gleich den Spritzschutz für die Mauer mit. Ansonsten gibt es hässliche Schmutzflecken an der Wand, die immer dann entstehen, wenn die Regentropfen auf den ungeschützten Boden fallen und wieder hoch spritzen.

Die hier gezeigten Fotos von Terrassen abseits vom Haus sind erste vorsichtige Tastversuche, die bestimmt noch nicht den Idealzustand repräsentieren. Doch auch wenn sich die Terrasse zu einem Ort der Kontemplation wandelt, verliert sie nicht ihre bisherigen Aufgaben. Sie darf nach wie vor in erster Linie Platz für Geselligkeit im großen und kleinen Kreis sein. Das eine schließt das andere nicht aus, wie das im Zen-Garten der Fall ist. Dort wäre eine fröhliche, laut lärmende Runde ein Sakrileg.

Bei alledem darf man den Zusammenhang nicht aus den Augen verlieren. Die beiden Punkte - Verwendung von Stauden zur Raumbildung und Verlagerung der Terrasse vom Haus weg in den Garten - sind Gestaltungskriterien, die in ein schlüssiges Gesamtkonzept eingebunden werden müssen. Auch wenn die Terrasse ein wichtiger Bestandteil des Gartens ist, ist sie nicht der einzige. Auch sie muss sich unterordnen in den größeren Zusammenhang. Alles andere hat wenig mit Gestaltung zu tun. Und die ist wichtig, sonst würde der menschliche Beitrag fehlen. Wie in dem Abschnitt über die Bedeutung des Gartens beschrieben, macht erst die gelungene Synthese zwischen menschlichen Ideen (Architektur) und göttlichen Ideen (Natur) den Garten aus. Die Architektur setzt die Natur bedeutungsvoll in Szene und erhöht damit ihre Wirkung.
(grundsätzliches zur Gestaltung s.u. Gartengestaltung)

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