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Grün und Natur

Die Geschichte der Menschheit ist geprägt vom Kampf gegen die Natur, genauer gesagt: gegen die Unbilden der Natur. Hitze und Dürre, Nässe und Überschwemmungen oder wilde Tiere und Schädlingsinvasionen waren eine ständige Bedrohung für das Überleben und forderten den ganzen Einsatz des Menschen: Was man für den Lebensunterhalt brauchte, mußte der Natur in zähem und erbarmungslosen Kampf abgerungen werden. Es ist unter diesem Gesichtspunkt verständlich, wenn der Mensch bestrebt war, sich die Erde untertan zu machen. Für einen Umgang mit der Natur auf der Basis von Verständnis und Achtung war in dieser Situation kein Platz.

Kreisverkehr mit Wechselbepflanzung
Hausmeisterschnitt an Kornelkirsche
Vorplatz einer Schule in Eggenfelden
Pausenhof einer Schule in Eggenfelden

Mit dem Siegeszug der Naturwissenschaften und der Industrialisierung war das lange ersehnte Ziel erreicht. Es schien, als sei der Mensch im Begriff, die Herrschaft über die äußere Welt anzutreten. Die Natur - in diesem Zusammenhang interessiert uns vorwiegend die belebte Natur - geriet in Vergessenheit. Während die Natur früher immerhin ein Gegener war, mit dem man rechnen mußte, ist heute vorwiegend Gleichgültigkeit zu beobachten. Der ehemals übermächtige Gegner liegt kraftlos am Boden. Letzte aktive Regungen wird der "Übermensch" durch den entsprechenden Einsatz an Technik endgültig ausmerzen.

Eine Zeit lang schien es, als würden wir einen neuen Umgang mit der Natur suchen. Mit der Ökologiebewegung wurde der Mensch aus dem Mittelpunkt herausgerückt. Es regte sich in der Öffentlichkeit ein kollektives Gewissen gegenüber der Umwelt. Bezeichnenderweise war allerdings weniger von der Natur die Rede, sondern eben nur von der Umwelt. "Umwelt" ist unpersönlich - wie ein diffuser äußerer Raum, den man nur aus dem einen Grunde nicht zerstört, weil man sich ja selbst darin aufhält. Ebenso, wie man das Haus, in dem man wohnt, nicht verfallen läßt, weil man sich damit letzten Endes nur selbst schadet. Aus dieser Auffassung spricht pures Eigeninteresse. So etwas wie Achtung vor der Natur hat auch hier keinen Platz. Während aber immerhin in der Hochphase der Ökologiebewegung eine allgemeine Diskussion über unser Verständnis im Gange war, sind die Themen mitlerweile institutionalisiert, so daß sich der Einzelne nur noch am Rande damit zu beschäftigen braucht. Die Sorge um Natur und Umwelt liegt heute bei Verbänden und politischen Parteien in guten Händen. Die sorgen dafür, daß die Natur in Schutzgebieten Rückzugsräume erhält. Man kann sein Gewissen durch Spenden und Beiträge oder bei Wahlen entlasten, ohne sich selbst mit Verantwortung belasten zu müssen.

Die Natur wird in Reservate zurückgedrängt. Auf den übrigen Flächen herrscht dafür umso mehr überwiegend Gleichgültigkeit. Die Rechte sind klar aufgeteilt. In unserem alltäglichen Leben hat die Natur vielleicht noch weniger Platz als jemals zuvor. Sie ist noch gründlicher besiegt als ehedem, weil ihr jeder Wert in unserem Denken und Handeln abhanden gekommen ist. Sie ist nicht einmal mehr der Unwert, den es zu bekämpfen und zu veredeln galt. Sie existiert einfach nicht mehr in unserem Weltbild, wo es sich im Rahmen unseres alltäglichen Lebens bewegt.

Die Konsequenzen dieses Denkens sieht man auf Schritt und Tritt. Natur ist zu etwas geworden, was uns nicht mehr persönlich betrifft. Natur ist etwas für Naturschutzgebiete, aber nicht für unsere unmittelbare Umgebung im besiedelten Bereich: Im Garten, in Außenanlagen von Schulen und Kindergärten, im öffentlichen und gewerblichen Grün. Wenn man die Ergebnisse der gärtnerischen Arbeit sieht, ist man mitunter entsetzt über die Banalität des gestalteten Grüns. Auch hier ist Grün kein Wert, den es zu pflegen und zu erhalten gilt, sondern eher ein Mittel, um die Abstandsflächen zwischen den Gebäuden kostengünstig, funktional und pflegeleicht im Griff zu haben. Es ist bezeichnend, daß eintönige Bodendeckerflächen, in denen der Wert der einzelnen Pflanze gleich Null ist, so beliebt sind, weil sie "sauber und adrett" aussehen, v.a. aber "pflegeleicht" sind.

Man darf , um diese Gedankengänge nachvollziehen zu können, Natur nicht mit Wildnis gleichsetzen, sonst verfällt man einem Dualismus in der Betrachtungsweise, durch den man sich immer weiter vom Wesentlichen entfernt. Natur ist nicht nur dort, wo der Mensch nicht eingreift. Natur umfaßt alles, was als lebendige Kraft in jedem Organismus den Willen zum Leben, zur Entfaltung und zur Entwicklung antreibt. Dabei ist es ganz gleich, ob dieser Organismus auf "natürliche" Weise entstanden ist oder mit Hilfe des Menschen durch Auslese, Züchtung, Pflege oder andere Beeinflussung. Alles andere liefe auf die Unterscheidung zwischen wertvollem und minderwertigen Leben hinaus. Um diesen Gedanken noch exakter zu fassen, möchte ich mich hier auf die gärtnerische Umgebung beschränken, auch weil man hier von Dingen redet, die allgemein geläufig sind.

Sobald man anfängt, die ursprüngliche Natur (Wildnis) zu verändern, ist man gezwungen, eine Auslese zu treffen. In gärtnerischen Anlagen, in der Nahrungsmittelproduktion (Gemüsebau, Obstbau, Landwirtschaft) muß man zwischen gewünschten und ungewünschten Pflanzen, zwischen Kulturpflanze und Unkraut unterscheiden. Alles andere wäre blauäugig und illusorisch. Die Natur hat eine Eigendynamik, die sich mit den Zielen und Ansprüchen der Kulturgesellschaft nicht vereinbaren läßt. Diese Eigendynamik ist nicht ausschließlich den "natürlichen" Wildpflanzen zu eigen, sondern im Kern auch jeder Kulturpflanze. Auch diese wollen sich entwickeln; sie wollen wachsen, blühen und fruchten, sie wollen werden und wieder vergehen und widersetzen sich damit dem Idealzustand, den wir von ihnen erwarten. Leben ist nie ein Zustand, sondern immer und überall Entwicklung. Man könnte dieses Prinzip als die "innere Natur" aller Lebewesen bezeichnen, im Gegensatz zu der äußeren Erscheinung.

Es kommt darauf an, beides nicht zu verwechseln. Die Eingriffe und Pflegemaßnahmen in die äußeren Erscheinungen sind notwendige Mittel der Kulturgesellschaft. Nur sollte man dabei nicht die Achtung vor dem Wert des Lebewesens verlieren. Auch die Kulturpflanze (als Pflanzenart, nicht als Individuum) hat ein einzigartiges Wesen, das Achtung verdient. Gedanken- und Interesselosigkeit degradiert dieses Wesen zur Bedeutungslosigkeit. Sobald man in die ursprüngliche Natur eingreift - und das tut man, sobald man sich irgendwo niederläßt - übernimmt man auch einen Teil Verantwortung. Ohne Pflege wird sich wieder Wildnis einstellen. Das aber wird niemand ernsthaft wollen. Die "wildromantischen" Landschaften wirken nur auf großen, freien Flächen ästhetisch. Ein Ausschnitt daraus in der Größe von nur wenigen Quadratmetern hat mit dieser Romantik nicht mehr das mindeste gemein. Er würde nur unordentlich und ungepflegt aussehen. Ganz davon abgesehen bringt es uns dem Verständnis von Natur kein bißchen weiter, wenn man sie nur im Licht der Schwärmerei betrachtet.

Das gleiche gilt allerdings für die heute gänginge Auffassung, die Natur und Grün im besiedelten Bereich vor allem unter funktionalen Gesichtspunkten betrachtet. - In grünen Flächen versickert Regenwasser und braucht nicht über teure Kanäle oder künstliche Versickerungen abgeführt zu werden. Pflanzen binden Staub und bewirken durch ihre Verdunstung ein angenehmeres Kleinklima. Sie sorgen für Lärm- und Sichtschutz, für Schatten, und, und, und, ... Die Pflanze, das Grün allgemein, gilt nicht als das Lebewesen, das sich seinen Platz in der Schöpfung erkämpft hat und den es zu recht beansprucht. Sie ist wie eine beliebige Ware unserer Wegwerf-Gesellschaft, die im Gegensatz zu einem technischen Erzeugnis die unerwünschte Eigenschaft hat, daß sie wachsen und gedeihen will und sich daher immer von dem menschlichen (Mittel-) Maß entfernt. Sie braucht Pflege, sie muß geschnitten werden, sie wirft Blätter ab, die mühsam zusammengekehrt und entsorgt werden müssen. Also ein absolut unprofessionelles Gehabe, das so ganz und gar nicht in unsere technisch perfekte Welt paßt. Auch hier zeigt sich wieder überaus deutlich die Gleichgültigkeit gegenüber der Natur, die weiter oben schon dargestellt wurde: Gerade das, was die ureigenste Eigenschaft der Pflanze ist, nämlich das Leben - ausgedrückt im Wachstum, im Werden und Vergehen - wird zunehmend als ihr größter Nachteil angesehen. Jeder Maschine, die man pflegen und warten muß, allen voran unser heißgeliebtes Auto, wird mehr Liebe und Zuwendung entgegengebracht als dem Teil der Natur, die sich auch in unserer unmittelbaren Umwelt entfalten will.

Die Art, wie Pflanzen vielerorts noch verwendet werden, spricht eine deutliche Sprache über die Denkweise des Verwenders. Wechselbepflanzungen mit Sommerflor zielen auf Farbeffekte. Auch hier drückt sich eine Siegerpose des Menschen aus: Durch züchterische "Verbesserungen" gehorcht die Pflanze dem Willen des Menschen. Sie präsentiert über lange Zeit das gleiche Bild, vorwiegend eine bestimmte Blüten- oder Blattfarbe. Die ganze Art der Züchtung und der Verwendung zielt auf die möglichst lange Erhaltung des Zustandes ab, der für unsere Augen das meiste zu bieten hat. Alles, was ursprüngliches Leben an dieser Pflanze ist, wird ausgeklammert. Entwicklungszyklen werden dem Betrachter bewußt vorenthalten. Die Jugendentwicklung spielt sich in der Gärtnerei ab, die Reife- und Altersstadien auf der Komposthalde. Es ist kein Zufall, daß diese Art der Pflanzenverwendung aus der Zeit des Absolutismus stammt, wo die "Parterres", also die Schmuckbeete, zu Füßen der herrschaftlichen Schlösser den Macht- und Repräsentationsanspruch des Regenten bekräftigten.

Eine andere Art, Pflanzen zu behandeln, ist bei der Pflege von einfachen Grünflächen immer wieder zu beobachten. Es ist der Schnitt von Sträuchern mit der Heckenschere, der mitlerweile sogar im großen Stil bei Verkehrsbegleitgrün mit modernen Großmaschinen angewendet wird. Hier wird kein Unterschied mehr gemacht zwischen verschiedenen Arten. Die Maschine behandelt alle gleich. Alles, was der angehende Gärtner über den Habitus einer Pflanze lernt, also über die individuelle Form und die Art der Verzweigung (grazil, steif, aufrecht, überhängend, kompakt, ausladend) kann er getrost wieder vergessen. Das Wesen jeder einzelnen Art wird aus Kostengründen ignoriert. Um eine solche Pseudopflege durchführen zu können, braucht man nichts mehr von Pflanzen zu verstehen. Die Ausbildung, wenn man das so nennen darf, kann sich auf Unfallverhütung für den sachgemäßen Gebrauch der Heckenschere und deren Wartung (Ölen nicht vergessen!) beschränken.

Ein drittes Beispiel soll noch einmal ganz allgemein auf den Stellenwert einer lebendigen, grünen Umgebung hinweisen. Es zeigt die Situation einer Schule aus dem Ausland: vor der Schule, im halböffentlichen Raum zwischen Straße und Schulgebäude, wurde gestalterisch Wert auf eine ansprechende Darstellung nach außen gelegt. Auch ein Kunstobjekt darf da nicht fehlen. Im Pausenhof, der nach außen nicht sichtbar ist und "nur" für die Schüler dazusein braucht, herrscht dagegen gähnende Leere. Grob geschätz kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß die Kosten für den Eingangsbereich, der nur der Repräsentation dient, in der Tendenz höher sind als die für den Pausenhof, wo sich die Schüler u.a. auch für den Unterricht sammeln sollen. Wie ganz anders wirken da doch die neuen NaturErlebnisRäume , die in erster Linie auf die Ansprüche der Schüler ausgerichtet sind! Ob das vielleicht nebenbei auch etwas über den Stellenwert der Kinder in unserer Gesellschaft aussagt, die doch durch die äußere Umgebung noch leichter zu prägen sind als wir Erwachsene?

Es ist nicht beabsichtigt, jemandem die Verantwortung für die beschriebene Situation zuzuweisen. Es wäre ungerecht, einem einzelnen oder einer Gruppe die ganze Schuld aufzuladen. Wenn der hier dargestellte Prozeß des Umgangs mit der Natur zutrifft, dann ist es ganz normal, daß der Kampf gegen die Natur mit dem Siegeszug von Naturwissenschaft und Technik abgeschlossen ist. Wenn wir aber auf diesem Weg weitergehen, lösen wir uns von unserem eigenen Sein. Deshalb ist es erforderlich, die Gleichgültigkeit zu überwinden und über ein neues Verständnis und einen neuen Umgang mit der Natur und ihren Erscheinungen nachzudenken. Das sollte nicht aus einem Gefühl der Überheblichkeit und Machbarkeit heraus erfolgen, sondern aus Achtung vor den Grundlagen allen Lebens. Jede Art von Leben, das wir in irgendeiner Weise beeinflussen, verdient unsere Achtung und Aufmerksamkeit.

Das mag alles ziemlich theoretisch und vielleicht sogar überspannt klingen. Wer die Zeichen der Zeit aufmerksam beobachtet, wird allerdings bemerken, daß vielen Menschen das alte Verständnis nicht mehr ausreicht. Die Zuwächse in der Gartenbranche trotz allgemeiner Flaute zeugen davon, daß der Wert der grünen Umgebung in den Augen der Gartenbesitzer gestiegen ist. Die Gründe dafür mögen bei jedem einzelnen unterschiedlich sein. In Verbindung mit anderen Erscheinungen, z.B. der Feng-Shui-Philosophie , darf man wenigstens eine Sehnsucht nach neuen Werten registrieren. Wenn die Gesellschaft sich noch nicht auf einen neuen Wert geeinigt hat, ist die Vielzahl an Meinungen und Anschauungen durchaus verständlich. Viele Firmen nutzen diese gärende Situation, um die Stimmung für ihre eigenennützigen Ziele zu kanalisieren. Schon allein aus diesem Grunde wäre es erstrebenswert, an der Meinungsbildung mitzuwirken.

Die Konsequenzen des hier dargestellten Naturverständnisses sind umfassend; die Schlußfolgerung für den gezeigten Zusammenhang klingt dagegen vergleichsweise banal: Es geht darum, die Natur - und damit ist nun jede Erscheinungsform des Lebens gemeint - endlich in unser Weltbild aufzunehmen und zu integrieren. Der treffende Satz: "Die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur" gilt nur dort, wo sich unberührte Wildnis ausbreitet. Wo wir in die Wildnis eingreifen, müssen wir uns auch weiterhin kümmern und sorgen. Vor der Sorge muß aber zuallererst das Bemühen um ein Verständnis für das Wesen und die Ansprüche lebendiger Wesen stehen. Das bedeutet, daß für alle Maßnahmen im Freiraumbereich derjenige zuständig ist oder zumindest gleichberechtigt beteiligt wird, der die erforderlichen Fachkenntnisse besitzt, und nicht der, der das billigste Angebot abgibt.

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