Ralph Eid, Landschaftsarchitekt

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Steppensalbei und Steppenkerze

Lebensanschauung

Ein schöner Garten ist ein Platz, wo man die Seele baumeln lassen kann - ein geflügeltes Wort, bei dem man ans Entspannen und ans Genießen denkt, an frische Luft, an Blüten mit vollen Farben und angenehm berauschenden Düften, an das Brummen von Hummeln und Bienen, das Zirpen von Grillen, an das dumpfe Quaken von Fröschen und Kröten oder das anmutig lautlose Schweben der Schmetterlinge.

"Lebensqualität" nennt man das. Obwohl viele Menschen, danach gefragt, Lebensqualität als wichtiges Kriterium bei der Wahl und der Gestaltung ihres unmittelbaren Wohnumfeldes nennen würden, ist es doch nichts konkretes, das man in Zahlen und Fakten fassen kann. Es ist ein unbestimmtes Gefühl, vielleicht die Sehnsucht nach dem Paradies, nach der heilen Welt. Der Garten als Ersatz für die Natur, die wir zerstört haben? Auch die schlechte wirtschaftliche Entwicklung kann diesen Trend nicht stoppen. Es scheint sogar, als sei der Garten dabei, das Auto als Statussymbol zu überholen.

Dabei sind die Ansprüche, die an den Garten gestellt werden, recht unterschiedlich. Viele begnügen sich mit einem Sichtschutz aus ein paar Blütensträuchern, etwas Rasen als Spielraum für Kinder und einer Ecke mit frischen Kräutern für die Küche. Andere sehen den Garten als ihre ganz persönliche heile Welt an, die sie sich als Ausgleich für ein Stück verlorengegangene Natur im Kleinen selbst wieder erschaffen. Es kommt bestimmt nicht von ungefähr, dass parallel zu dem Verlust an natürlichen Gewässern in unserer Landschaft durch Uferverbau, Verrohrung, Dränierung, Zuschüttung und dergleichen mehr in den Gärten die Zahl der künstlichen Teiche und Bachläufe immer weiter zunimmt. Dabei gibt es viele unterschiedliche Vorlieben, die in der Regel als durchaus gleichberechtigt angesehen werden. Da der Garten im Wesentlichen ein künstliches Gebilde ist, das auch nur durch künstlichen Aufwand erhalten werden kann, ist man nicht geneigt, einen Zusammenhang anzunehmen zwischen der Art, wie der Garten gestaltet wird, und der Einstellung seiner Besitzer der Umwelt gegenüber. Was vordergründig wie zurechtgemacht aussieht, führt bei näherem Hinsehen zu interessanten Einblicken in die menschliche Psyche. Ein Blick in die Vergangenheit und ein Vergleich mit der Gegenwart sagt viel über die Einstellung der Menschen der Natur gegenüber, aber auch über die bewussten und unbewussten Sehnsüchte. Der Privatgarten, so wie er sich heute für uns darstellt, ist ein relativ junges Kulturgut. Vorläufer werden gesucht in Kloster- und Bauerngärten, die der Nahrungs-, Gewürz- und Arzneipflanzenproduktion dienten. Der heutige Nutzgarten mit Gemüse, Kräutern und Obstgehölzen kann wohl als direkter Nachkomme dieser Linie angesehen werden. Hier hat sich, außer in technischen Dingen, kaum eine Entwicklung abgespielt. Andere Vorläufer der Gartenkultur sind zweifellos die Hofgärten v.a. der Barockzeit. Diese Linie lohnt es sich, näher zu betrachten. Von damals bis heute hat sich eine Entwicklung vollzogen, die viel über die geistige Entwicklung des Menschen aussagt. Die Hofgärten an den Schlössern der Fürsten und Könige waren als Repräsentationsflächen Mittel zur Demonstration von Macht. Neben dem Ausdruck der weltlichen Herrschaft drückt sich in dieser Form aber auch in erheblichem Maße der Anspruch auf Macht über die Natur in allen Ihren Erscheinungen aus. Geschnittene Hecken, in denen der Pflanze die beschränkte menschliche Form aufgezwungen wird, und gepflegte Rasenflächen, in denen jede Art von spontanem Leben ausgemerzt wurde, waren die hauptsächlichen Gestaltungselemente. Blühende Pflanzen waren nur in den geometrischen Beeten mit Sommerblumen geduldet, in denen sie bunte, wiederum geometrische Linien und Flächen bildeten. Die Pflanzen durften sich nicht ihrem eigenen Wesen nach entwickeln. Der Pflanze als solche wurde keine Achtung entgegengebracht, die Art der Verwendung diente lediglich dem Ausdruck der Macht des Menschen auch über die Natur.

Das soll kein Vorwurf sein. Es ist nur allzu verständlich, dass man sich nach Jahrhunderten und Jahrtausenden des Kampfes ums Dasein, den man mit den Kräften der Natur führte - gegen Hitze und Kälte, wilde Tiere und Schädlingsinvasionen, Dürre und Hochwasser - allmählich als Sieger fühlte. Diese Parkanlagen waren Ausdruck des menschlichen Willens, die Natur zu unterwerfen. Aber immerhin war die Natur damals noch eine Kraft, die man ernst nehmen musste, mit der man sich auseinandersetzen musste. Auch wenn der Verstand triumphierte, indem alles einer strengen Symmetrie unterworfen wurde, so war man sich doch mehr oder weniger bewusst, dass das Kräfteverhältnis etwa ausgeglichen war. Es war eine permanente intensive Pflege notwendig, um den Status quo zu erhalten. Bei allem, was man als Erfolg verbuchen konnte, sah man sich doch gezwungen, der Natur den ihr gebührenden Respekt zu zollen. Die Natur wurde zwar als Feind angesehen, aber als einen, den man respektiert. Mit der Industrialisierung und Mechanisierung sind dann Kräfte frei geworden, von denen man damals kaum zu träumen wagte. Die Kräfte des einzelnen haben sich verhundert- und vertausendfacht, der Kampf ist leichter geworden. Seitdem hat sich einiges verändert. Die Natur ist nicht mehr der Feind, der sie ehemals war. Der Schauplatz des Kampfes ums Dasein hat sich auf die Arbeitswelt und damit auf die zwischenmenschlichen Beziehungen verlagert. Die Natur, bzw. die Umwelt, hat dagegen heute einen hohen ideellen Stellenwert in unserem Bewusstsein, wenn man den Meinungsumfragen glauben darf. - Es mag sein, dass sie einen Platz in unseren Köpfen hat als ein Ideal, das man sich wünscht. Welchen Wert jeder einzelne für sich persönlich diesen Themen beimisst, kann man aber am besten vor seiner Haustür ablesen.

Da gibt es Leute, die auch heute noch alles asphaltieren oder zupflastern. Und die die restlichen Flächen mit Rasen grün übertünchen. Auch wenn man heute mehr Wert auf optisch ansprechende Pflasterflächen legt als noch vor 20 oder 30 Jahren, in der Hochzeit des Beton-Verbundpflasters, so ändert das doch tendenziell recht wenig. Bezogen auf die Natur kann man hier nur noch Gleichgültigkeit erkennen. Das Interesse für die Natur im persönlichen Bereich tendiert heute gegen Null, wenn man als Maßstab eine Haltung sucht, die auf innigem Verständnis beruht Wer allerdings in einer blühenden Forsythie schon eine Manifestation von echtem Naturgebahren sieht, der steht bestenfalls am Anfang dieses Verständnisses. In diesem Sinne haben wir also eher einen Rückschritt vollzogen. Statt Feindschaft und Kampf ist nur noch Gleichgültigkeit geblieben. Die Natur wird nicht mehr als ein Wert angesehen, weder als Unwert, den es zu veredeln gilt, und noch weniger als einen höheren Wert, um den man sich sorgen muss. Hier zeigt sich nur noch maßlose Arroganz. Was damals nur wenigen vorbehalten war, hat heute jeder verinnerlicht.. Mit einem recht geringen Teil seines Einkommens kann sich jeder im Vergleich zu früher riesige Energiemengen kaufen, mit denen man seine 100 oder 200 qm Boden abtöten und auf lange Zeit versiegeln kann. Die Forderung nach Pflegeleichtigkeit spiegelt in letzter Konsequenz die innere Einstellung des Einzelnen wider: Der Garten, das private Stück lebendige Umwelt, ist zu einem Ding, einer Sache neben vielen anderen geworden, und wird auch so behandelt. Der Wert "Natur" existiert überhaupt nicht mehr im Weltbild vieler Menschen. Im Sinne unserer Zeit gilt sie bestenfalls noch als totes Kapital, das keinen Ertrag bringt.

Daneben zeigt sich seit einigen Jahren eine neue Art, Umwelt als Repräsentationsgrün zu gestalten. Viele Firmen, wenn man den Veröffentlichungen in den Fachzeitschriften glauben darf, legen neuerdings wieder Wert auf repräsentative, symmetrische Außenanlagen, mit gepflegten Rasenflächen und großen und leeren gepflasterten Plätzen. Hier lebt das barocke Gedankengut wieder auf, wobei allerdings kein Gedanke mehr an den Kampf gegen die Natur verschwendet wird. Hier ist die Natur bereits besiegt, sie tritt allenfalls noch als ein untertäniger Sklave in Erscheinung. Die Technik übt die absolute Herrschaft aus, sei es als High-Tech-Bewässerungssystem, oder in der Kraft der tausend Gärtner in Form von selektiven Herbiziden, die jedes unerwünschte Grün sofort ausmerzen. In einer Zeit, die geprägt ist vom Glauben an die Allmacht der Technik, die es als legitim erachtet, dass das Streben nach Profit und Macht alles andere in den Schatten stellt, hat die Natur keinen Platz mehr. Mehr um das schlechte Gewissen zu beruhigen lässt man sich herab, irgendwo, wo es einem nicht weh tut, der Natur ein Recht auf Selbstentfaltung zuzugestehen. So dürfen im Bayerischen Wald, der für die Wirtschaft uninteressant ist, die Borkenkäfer ihr Werk verrichten, ohne dass sich die Waldbauern dagegen wehren dürfen. Dabei wollen diese auch nichts anderes, als was ihnen die Vorbilder des wirtschaftlichen und politischen Lebens vormachen: Ein Stück vom großen Kuchen, ohne Rücksicht auf die Leichen rechts und links des Weges. Es kann einem Angst und Bange werden, wenn man diese Entwicklung mit wachen Augen betrachtet.

Glücklicherweise denken offenbar noch nicht alle Menschen in gleicher Weise. Als Beleg, dass viele Menschen nicht mit der allgemein vorherrschenden Meinung einverstanden sind, dürfen die vielen fernöstlichen Weltanschauungen, die im letzten Jahrhundert in mehreren Wellen zu uns gekommen sind, angesehen werden. Indische Yogatechniken, buddhistisches oder, noch gar nicht so lange, auch indianisches Gedankengut, gelten als ganzheitliche Betrachtungsweisen, die auch den seelischen Aspekt betonen. Statt kaltem Verstandesdenken, das nur gelten lässt, was sichtbar oder messbar ist, wird hier viel Wert auf das gelegt, was man bei uns diffus als Unterbewusstsein bezeichnet. Der Trend der letzen Jahre ist Feng Shui, das als eine alte chinesische Harmonielehre in Haus und Garten Einzug gehalten hat. Könnte das der Ausgleich sein? Statt Krieg gegen die Natur oder Gleichgültigkeit der Natur gegenüber wieder Achtung vor unserer Um-Welt zu entwickeln? Im Feng Shui, zumindest in der Form, die im Garten zum Ausdruck kommt, sucht der Mensch das harmonische Miteinander mit der Natur. Es ist wie eine Kommunikation von Seele zu Seele - der Seele des Raumes, des Garten, der Landschaft mit der Seele des Bewohners. Auch wenn Feng Shui westliche Züge angenommen hat ("wie kann ich den Garten gestalten, dass meine Seele den größtmöglichen Nutzen hat?"), so kommt doch die Anziehungskraft auch aus den ursprünglichen Absichten - die harmonische Eingliederung des Menschen in seine Umgebung. Ein glückliches und erfülltes Leben kann - gemäß der Anschauung der Feng-Shui-Pilosophie - nur in einer harmonischen Umwelt gedeihen, wo alle Einseitigkeit aufgelöst ist. Dem Fluss des Chi, der Lebensenergie, gilt das Hauptaugenmerk. Es gilt als wichtig, diese Lebensenergie im beständigen Fließen zu erhalten, weil sie nur dann ihre positive Wirkung entfalten kann. Dabei darf sie weder zu schnell, noch zu langsam fließen; beides ist der Harmonie abträglich. Die Seele der Natur und die Seele des Menschen werden als gleichberechtigte Qualitäten angesehen, die miteinander in Beziehung treten. Der Mensch, der einen bestimmten Teil der Natur "in Besitz" nimmt, ist sich bewusst, dass er damit nicht der Beherrscher dieses Teils ist, und noch weniger der gesamten Natur. Er weiß, dass es ihm nur so lange gut geht, solange er die Harmonie nicht verletzt. In der praktischen Anwendung geht es bei Feng-Shui-Gestaltungen sehr oft darum, die schlechten Einflüsse, die durch einseitige oder falsche Eingriffe entstanden sind, wieder auszugleichen. Bis zu einem gewissen Grad ist man der Überzeugung, dass jeder negative Eingriff durch einen entsprechenden positiven Ausgleich kompensiert werden kann. Das klingt eigentlich ganz vertraut. So ähnlich heißt es im Naturschutzgesetz im Zusammenhang mit der Eingriffsregelung. Sollten wir etwa bereits auf einem guten Wege sein?

Bei genauerer Betrachtung fallen allerdings auch in dem so harmonischen Weltbild des Feng Shui Schwächen auf. Letzten Endes wird mit den Mitteln, die Feng-Shui bereitstellt, auf einen Idealzustand abgezielt. Dieser Idealzustand - und das ist das Entscheidende - ist aber in erster Linie ein Zustand. Ohne auf die Einzelheiten dieser Anschauung eingehen zu können, denn dazu reicht der Rahmen hier nicht aus, seien nur die wichtigsten Punkte angesprochen. Die persönliche Umgebung, sei es im Haus oder im Garten, wird in ein gleichmäßiges Raster von 9 Feldern aufgeteilt, von denen jedes Feld eine eigene Bedeutung hat. Da gibt es den Bereich für Reichtum, für Ruhm, für Partnerschaft, für Familie, Kinder und hilfreiche Freunde, für Wissen und Karriere, und schließlich, gewissermaßen als der Mittelpunkt, von dem alle Energie ausstrahlt, das Tai Chi. In den neun Feldern des Bagua gibt es keine Bewegung. Wenn erst einmal alles optimal aufeinander abgestimmt ist, ist keine Veränderung mehr erwünscht, weil jede Veränderung Unruhe bewirkt und das Gleichgewicht stört. Mehr noch gilt das für die 5 Elemente Metall, Wasser, Holz, Feuer und Erde, die sich gegenseitig fördern oder schwächen. Jedes Element fördert ein anderes, so dass sich ein geschlossener Kreis ergibt: Das fünfte fördert wieder das erste, und immer so weiter; ohne Ende bis in alle Ewigkeit. Demgegenüber schwächt jedes Element das ihm gegenüberliegende: Feuer hat Macht über Metall, Metall über Holz, Holz über Erde, Erde über Wasser, Wasser über Feuer - hier beginnt der Kreislauf von neuem. Der Schwerpunkt der Betrachtungsweise liegt im Ausgleich. Das Ziel: die Harmonie, ist ein Zustand, in dem man mit sich selbst und der Welt zufrieden ist und alle Wünsche zur Ruhe kommen. Der Entwicklungsgedanke hat darin wenig Platz. Der Fluss des Chi, der Lebenskraft, wird gerne mit dem Fluss des Wassers verglichen: Ein Bach, der langsam und gleichmäßig dahinfließt, nach rechts und links mäandert und beschaulich die Talaue durchzieht. Auch hier liegt der Schwerpunkt der Betrachtungsweise im ruhig-sanften Fließen. Kein Wort von Erosion an den Ufern, von Abtrag und Auftrag, vom Wandern der Mäander. Auch ein Bach in der Ebene verändert seinen Lauf, die Dynamik liegt nicht im Zustand des Fließens an sich, sondern in der Wirkung der Strömung: In der Veränderung der Gestalt, in der Bildung von Altarmen und Verlandung. Der Bach gräbt die Landschaft um und gestaltet sie immerfort neu. Es ist eine einseitige Betrachtungsweise, die Fließgewässer als Lebensadern zu sehen, die den Tälern lebenswichtiges Nass spenden. Genaugenommen sind die Bäche und Flüsse die natürlichen Abwasserkanäle, über die überschüssiges Regenwasser abgeführt wird. Was die Erde nicht für sich behalten kann, fließt wieder zurück ins Meer. In den Zeiten, in denen der Bach ruhig dahinfließt, entwässert er die umliegende Landschaft. Nur wenn er über die Ufer tritt, wenn er sich aus seinem Korsett befreit und alles überschwemmt, und manchmal auch alles, was sich ihm in den Weg stellt, zerstört, bewässert und düngt er das Land.

Hier wird der Gegensatz zwischen der westlichen und der östlichen Anschauung besonders deutlich: Die gleiche Erscheinung - der Fluss des Wassers, im übertragenen Sinne des Chi - wird einmal als Ausdruck perfekter Harmonie gesehen, weil man sich auf die seelische Wirkung konzentriert, auf der anderen Seite werden Einzelphänomene betrachtet, so dass man sich im speziellen verliert und die Harmonie übersieht. Die eine Anschauung führt zu einer Fülle von Erkenntnissen, lässt aber die Seele brach liegen und führt in die Sackgasse des Materialismus. Die Seele des Menschen und die Seele der Natur, was immer das auch sein mag, haben keinen Platz mehr und werden ignoriert. Die logische Folge ist die eingangs erwähnte Gleichgültigkeit. Die andere Anschauung betont zwar die seelischen Aspekte, interessiert sich aber wenig für die äußere Realität und flüchtet sich in die Harmonie. So wie sich die Situation heute darstellt, stehen sich beide Anschauungen polar gegenüber. Je nach persönlichen Interessen, Vorlieben, Voraussetzungen fühlt man sich mehr zu der einen oder anderen hingezogen. Nun könnte man sich auf den Standpunkt stellen: Jeder darf doch von dem überzeugt sein, was er für sich als wichtig und richtig erkannt hat. Das klingt logisch, wäre da nicht überall in allen Gesellschaftsbereichen dieser Dualismus vorhanden, der immer weiter auf Polarisation statt auf Ausgleich hinzielt. Wirtschaftliche Freiheit gegen soziale Gerechtigkeit, berufs- und wirtschaftsbezogene Bildung statt humanistische Erziehung, Arbeitsleben und Freizeit, ungehemmte industrialisierte Landwirtschaft gegenüber Beschränkungen z.B. durch die FFH-Richtlinien. Ich möchte diesen Gegensatz, nur um zu einem Begriff zu gelangen, den Gegensatz zwischen Verstand und Gemüt nennen. Es geht dabei lediglich um eine gewisse Charakterisierung, nicht um eine genaue Analyse der Situation. Es kommt darauf an, einen Weg zum gegenseitigen Verständnis zu finden, damit die Kluft nicht noch größer wird. Ausgangspunkt dieser Betrachtungen war der Wert, der dem Garten beigemessen wird. Es wurde versucht, zu zeigen, dass es nichts nützt, sondern den Status quo eher noch festigt, wenn der Garten als Fluchtweg empfunden wird. Jemand, der sich selbst seine heile Welt schafft, braucht sich nicht um das Chaos, das ihn draußen umgibt, zu kümmern.

Es könnte aber einen anderen Weg geben, auf dem der Garten sehr wohl eine wichtige Aufgabe erfüllen könnte, entsprechende Gestaltung vorausgesetzt. Entsprechende Darstelllungen finden sich v.a. unter der Rubrik Gartenmeditationen und den Grünen Impressionen (oder ausführlicher in meiner Gartenphilosophie). Hier sollen nur kurze Andeutungen gemacht werden. Obwohl der Garten ein gestaltetes Kulturobjekt ist, das mit Natur im strengen Sinne nichts zu tun hat (der Naturgarten ist ein Widerspruch in sich), ist das, was sich dort in den Lebensprozessen abspielt, trotz allem immer noch natürlich. Ob eine Pflanze in Holland vermehrt und dann in Bayern gepflanzt wird, ob es eine natürliche Art ist oder eine Zuchtform, die sich kaum noch selbst erhalten kann - die Lebensprozesse sind überall die gleichen. Leben ist die geheimnisvolle Kraft, die uns mit allen anderen Geschöpfen verbindet. Im Garten hat man die Möglichkeit, sich mit dem Leben auseinander zu setzen und aus dieser Auseinandersetzung neue Erkenntnisse zu gewinnen. Wer ein Gefühl dafür gewinnt, was Leben bedeutet, der muss auch Verständnis und Achtung vor diesem Leben empfinden. Und aus Verständnis und Achtung erwächst Verantwortung, die immer mehr als persönliche Verantwortung empfunden werden muss, die man nicht abgeben kann an eine Partei, einen Verein oder einen Verband. Die Verantwortung, wenn sie fruchtbar sein soll, muss sich (auch) in der persönlichen Umgebung auswirken und von dort die weiter entfernt liegenden Bereiche des Lebens erfassen. Es läuft alles immer wieder in der einen Erkenntnis von Albert Schweitzer zusammen, die er in seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben formuliert hat, und die zur treibenden Kraft für alles ethische Denken und Handeln werden kann: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will." Wir dürfen nicht ignorieren, dass alles, was wir im sozialen, im wirtschaftlichen oder im politischen Bereich unternehmen oder unterlassen, Auswirkungen hat auf alles Leben, das uns umgibt.

2004

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