Ralph Eid, Landschaftsarchitekt

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Leben erleben –
Eine kleine Philosophie des Gartens

Wie ich die Welt sehe

Mir ist natürlich bewusst, dass die enge Verbindung von einem eher alltäglichen und willkürlichen Gegenstand, wie es der Garten in den Augen der meisten Menschen oft noch ist, mit religiösen Empfindungen, die immer wieder anklingen, für viele abstoßend wirkt. Umso mehr, als ich das vor 20 Jahren selbst ebenso empfunden hätte. Das liegt vielleicht mit daran, dass es viele Seelenfänger gibt, von denen man immer wieder liest und hört, die mit höchsten Versprechungen ihre Anhänger an sich binden und Stück für Stück ihren Willen brechen, bis sie als gleichgeschaltetes Element nützliches Werkzeug der jeweiligen Organisation werden. Es ist eine durchaus berechtigte Angst, die einen beschleicht, wenn man sich einem Gebiet nähert, das man nicht kennt und noch nicht versteht, von dem man aber spürt, dass es die Substanz des eigenen Wesens berührt. Fehltritte, die auf unbekanntem Terrain nie zu vermeiden sind, können fatale Wirkungen haben. Auch davon liest und hört man immer wieder.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle ein paar Worte über mich, meine Art zu denken und zu fühlen, für ein besseres Verstehen preisgeben. Das fällt mir nicht leicht, weil ich einerseits finde, das Thema, um das es hier geht, hat nichts mit der Persönlichkeit des Verfassers zu tun. Wenn die geschilderten Gedankengänge eine Berechtigung haben, dann haben sie die auch ohne die persönliche Einstellung des Verfassers. Die anderen Bedenken wiegen schwerer. Sie beziehen sich auf die merkwürdige Tatsache, dass das, was der andere versteht, u.U. nichts damit zu tun hat, was der eine gesagt hat. Man eignet sich im Laufe seines Lebens ein Wissen an, das von eigenen Anlagen und Vorlieben, von der gesellschaftlichen Herkunft und Stellung, und von vielen anderen Einflüssen geprägt ist. Neues versucht man erst einmal mit dem schon vorhandenen in Beziehung zu bringen. Das ist auch richtig so, denn niemand kann gleichzeitig in zwei Welten leben. Da kann es leicht passieren, dass man etwas neues falsch einsortiert. Und schon wird aus einem objektiv harmlosen Gedanken ein subjektiv unmöglicher, womöglich gefährlicher. Ich habe das erlebt in meiner Zeit im Vorstand einer Kreisgruppe beim Bund Naturschutz, wo ich mit meinen Gedanken zum Wesen der Natur angeeckt bin. Eine ganz besonders "einfühlsame" Kollegin war sich irgendwann sicher, ich sei Anhänger des Intelligent Design, einem ziemlich verschrobenen Ableger des Kreationismus, dem christlichen Pendant zu den grassierenden fundamentalistischen Religionsauffassungen. Wenn man, wie besagte Person, von der ausschließlichen Richtigkeit der eigenen Weltanschauung überzeugt ist, muss also eine andere Anschauung falsch sein. Die wird dann in die Schublade eingeordnet, in der ohne Unterschied alles drin ist, was in irgendeiner Weise falsch ist. Und wenn sie erst einmal diesen Stempel erhalten hat, braucht man sich nicht mehr damit auseinander zu setzen.

In ähnlicher Weise versuchen die meisten durchaus religiös eingestellten Menschen, das Problem auszulagern. Sie haben ihr alltägliches Leben, in dem sie ihrem Beruf und ihren Hobbys nachgehen, mit der Familie und Freunden zusammenleben; ihr Glaube ist davon unabhängig. Das heißt aber, dass das Leben, so wie es konkret abläuft, nichts mit dem Glauben zu tun hat. Das sind zwei verschiedene Dinge, die quasi nebeneinander herlaufen. In unserem christlichen Kulturkreis hat ja die Kirche dafür gesorgt, dass das bestens funktioniert: Der Mensch sündigt, die Kirche als Mittler zu Gott vergibt. Anders hätte sie ihre Daseinsberechtigung schon längst verloren.

Mir ist das zu wenig. Ich will erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das ist eine gewagte Lebensauffassung, dessen bin ich mir bewusst. Es wird mir mit meinem beschränkten Verstand nie möglich sein, zu einem Wissen im eigentlichen Sinn über das Innerste der Welt zu gelangen. Dennoch reicht mir ein bloßer Glaube an einen Gott, der in der Tradition überliefert wird und der in verschiedenen Traditionen anders aussieht, nicht aus. Das wäre mir zu beliebig. Nur weil ich mich per Geburt und/oder Erziehung in eine bestimmte Tradition eingelebt habe, kann ich nicht davon ausgehen, dass ich es gerade hier mit der Wahrheit zu tun habe. Der Glaube ist, sofern er nicht einfach nur aus der Tradition stammt, etwas persönliches, das mehr mit Vorlieben, nicht selten wohl auch mit Bequemlichkeit zu tun hat und weniger mit der Wahrheit. Nun verhält es sich mit der Wahrheit ähnlich wie mit dem Wissen: Sie ist nicht zu erreichen. Was ich anstrebe, liegt irgendwo zwischen Glauben und Wahrheit - ich würde es mit persönlicher Gewissheit bezeichnen.

Das Problem ist vielschichtig. Die religiösen Traditionen haben ihren zwingenden Wert verloren. Anerkannt ist nur, was sich dem Verstand erschließt. Doch der Verstand ist begrenzt. Wenn er für das Unendliche eine Erklärung sucht, findet er keinen Halt. Besonders deutlich empfand ich das beim Lesen eines Buches von André Compte-Sponville ('Woran glaubt ein Atheist - Spiritualität ohne Gott'), dessen Schriften den Philosophiemarkt explodieren ließen, wie es im Umschlagtext heißt. Obwohl er als Atheist ganz vernünftige Ansichten über Religiosität und Spiritualität hat, kommt er mir, wenn er über die Existenz eines Gottes nachdenkt, vor wie ein verstörtes und verbittertes Waisenkind, das mit seinen Eltern hadert, weil sie es im Stich gelassen haben; obwohl es die Umstände, wie es dazu kam, gar nicht kennt. Der Verstand hat seine Wurzeln in der diesseitigen Welt. Er kann nur in Analogien von bekanntem denken. Deshalb ist es ihm per se nicht möglich, von sich aus (wie das in der Philosophie immer wieder versucht wird) irgendetwas über eine jenseitige Welt auszusagen, die keine Entsprechung im Diesseits hat. Wenn ich etwas über Hintergründe des Seins in Erfahrung bringen will, dann bin ich auf Offenbarungen aus diesem Sein angewiesen. Mein Verstand, oder in diesem Fall besser: meine Vernunft, wird deswegen nicht überflüssig. Im Gegenteil: In der Regel sind diese Offenbarungen nicht rein, so dass ich immer zwischen wahr und unwahr, richtig und falsch entscheiden muss. (Dazu gibt es auch in den Gartenmeditationen einen eigenen Beitrag)

Ich bin mittlerweile überzeugt davon, dass das Leben ein Kontinuum ist, d.h. es beginnt nicht bei der Zeugung oder der Geburt und endet nicht mit dem Tod. Die kurze Zeitspanne des Lebens auf dieser Welt ist lediglich ein Ausschnitt aus der Ewigkeit des Daseins. Und der ist nicht der einzige. Man nennt das Reinkarnation, Wiedergeburt. Man sagt, das sei eine Sache des Glaubens. Es gibt eben Menschen, die an so etwas glauben, und solche, die das nicht tun. Auch das ist mir zu wenig. Mir geht es zwar auch wie den meisten meiner Zeitgenossen: ich sehe nur das deutlich, was mir meine 5 Sinne vermitteln. Und diese Erfahrungen sind alle an die materielle Welt gekoppelt. Alles, was ich dann und wann als eine mehr oder weniger deutliche Empfindung verspüre, ist so verschwommen, dass ich es nicht als objektive Wahrheit ansehen darf. Auch mir ist es nicht gegeben, über die Welt, die uns umgibt, hinauszuschauen. Auch ich bin auf meinen Verstand, bzw. meine Vernunft angewiesen. Das mag nicht besonders viel sein für das Thema, um das es hier geht, aber es ist fürs erste ausreichend. Wenn man sich intensiv mit der Thematik des Lebens beschäftigt, wird man überall Spuren finden, die über unseren beschränkten Horizont hinausführen. Die Offenbarungen im christlichen Kulturkreis kamen vorwiegend durch die sog. Propheten, in anderen Kulturen waren es die Mysterien, daneben gibt es wohl noch viele andere Arten, auf die man Informationen erhalten kann. Die Offenbarungen sprechen heute mit anderer Stimme, sie sind aber keineswegs verstummt. Es gibt Erfahrungsberichte von Menschen, die klinisch tot waren und dann doch wieder zum Leben erwachten. Es gibt die Rückführungen in der Hypnose, wo sich Menschen an ein früheres Leben erinnern. Es gibt ganz merkwürdige Phänomene im Zusammenhang mit Lebenserscheinungen, die nicht in die anerkannte Lehrmeinung passen. (Einige davon sind in meiner Schrift Naturerkenntnis-Selbsterkenntnis beschrieben). Und es gibt sogenannte Medien, die in Trance mit der jenseitigen Welt kommunizieren. Und nicht zuletzt gibt es die hellsichtigen Menschen, die auch ohne einen dämmerhaften Trancezustand Einblick in geistige Welten haben. Jedes dieser Phänomene für sich kann man als Humbug abtun. Und es wird wohl in der Tat auf diesem Gebiet viel Schwindel beteiligt sein. Wenn man das alles abzieht, bleibt doch ein Rest von Übereinstimmung, den man nicht einfach wegleugnen kann. Wenn man es sich nicht einfach macht, dann wird man zumindest bis zu dem Punkt kommen, wo man sich sagt: Ich kann das zwar nicht alles so ohne weiteres glauben, aber ich muss doch zugestehen, dass ich viele Phänomene nicht mit dem herrschenden (rein materialistischen) Weltbild in Einklang bringen kann. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die die materialistische Sicht sprengen. Es ist bereits ein großer Fortschritt, wenn man erkennt, dass es lediglich eine Arroganz der herrschenden Machtverhältnisse ist, wenn Phänomene, die nicht in das materialistische System passen, konsequent verleugnet werden. Man möchte jedem zurufen: Lasst Euch nicht einlullen von der Meinung der Vielen. Die Wahrheit hat sich zu allen Zeiten den Weg aus dem Verborgenen suchen müssen. Das war so, als die Erde noch eine Scheibe im Mittelpunkt der Welt war, und das ist es heute wieder, wo die Erde nicht einmal eine Lichtsekunde in einem Universum von mehr als 13 Milliarden Lichtjahren ist.

Wie es scheint, sind wir auch in der Physik gerade in einem Paradigmenwechsel begriffen. Hat man im letzten Jahrhundert (im 20. Jh. - ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass sogar ein neues Jahrtausend angebrochen hat) mit aller Macht versucht, in immer kleinere Strukturen vorzudringen, weil man glaubte, man könne irgendwann zu der letzen Wahrheit gelangen, mit der man dann alles darauf aufbauend erklären kann, so mehren sich heute die Zweifel, ob das überhaupt der richtige Weg ist. Neben vielen Ungereimtheiten, die man auch in der Physik nicht gerne wahrhaben will (Unzicker: Vom Urknall zum Durchknall), sind es grundsätzliche Probleme, die der Wahrheitsfindung im Wege stehen. Das Verhalten der kleinsten subatomaren Teilchen hat nämlich offenbar rein gar nichts damit zu tun, wie sich diese Teilchen im größeren Maßstab organisieren. Der Begriff Teilchen ist sogar bereits falsch, weil diese Strukturen auf der Quantenebene irgendetwas zwischen Welle und Teilchen sind, das sich unserer Vorstellungskraft entzieht. Man kann mit Hilfe der Quantenmechanik das Verhalten dieser Strukturen berechnen, eine Voraussage, wie sich diese Teilchen zu größeren Strukturen organisieren, ist allerdings nicht möglich. Robert B. Laughlin, Nobelpreisträger für Physik 1998, beschreibt das sehr eindringlich in seinem Buch 'Abschied von der Weltformel'. Die Organisationsprinzipien, die z.B. den Aufbau von Kristallen regeln, sind völlig unabhängig von den Gesetzen der Quantenmechanik. Es gibt offenbar keine Verbindung zwischen den Gesetzen, die in den kleinsten Maßstäben gelten und denen in größeren Maßstäben. Ob die Verhältnisse in der Quantenwelt so sind wie sie sind, spielt überhaupt keine Rolle, weil die Natur (hier geht es v.a. um die unbelebte) ihre eigenen Ordnungsprinzipien hat, die mit denen in der Quantenwelt rein gar nichts zu tun haben. Lt. Laughlin ist der reduktionistische Traum einer 'Theorie von allem', die Suche nach der Weltformel, an ihre Grenzen gekommen. Während jenseits davon die Welt der Emergenz - die Selbstorganisation der Natur - zu entdecken und zu verstehen ist. Von ihm stammt auch der schöne Satz, der als Überschrift über diesem Abschnitt stehen könnte, dass nämlich Ideologien Entdeckungen verhindern. Gerade wenn es um Leben geht, reicht es nicht aus, irgendetwas zu glauben oder nicht zu glauben. Wo unsere eigene Existenz im Spiel ist, ist ein verschwommener Glaube zuwenig. Da will ich - immer wieder - wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Jeder, dem das ebenso geht, muss sich selbst darum bemühen, ob es ihm gefällt oder nicht. Allgemeingültige Wahrheiten gibt es dafür in unserer Zeit nicht. Es ist eine gute Übung, wenn man seine Gefühle beobachtet, die einem beim Nachdenken über die Konsequenzen der verschiedenen Anschauungen kommen. Was bleibt von mir, wenn mein Leben vorbei ist? Wer nur die Materie sieht, wird höchstens noch einen Teil seiner Atome in anderen Lebewesen wieder finden. Von seiner Persönlichkeit bleibt nichts, nur Leere in der Unendlichkeit des Universums. Das ist kein schöner Gedanke, und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Genussgesellschaft zum großen Teil auf der Flucht vor diesem Gedanken beruht. Wer dagegen von der Göttlichkeit allen Lebens im Allgemeinen und der Ewigkeit des individuellen menschlichen Lebens im speziellen durchdrungen ist, der verliert die Angst vor der Leere und die Sucht nach Genuss und kann sein Leben Zielen widmen, die ihm für den Moment keinen Genuss bieten, die ihm im Gegenteil eher Unannehmlichkeiten bereiten oder gar Opfer auferlegen. Eine Analyse seiner Gefühle wird einem sagen, ob es sich lohnt, sich damit zu beschäftigen. Es ist in jedem Fall von Vorteil, wenn man sich der Defizite der herrschenden Lehrmeinung bewusst ist.

Dazu noch ein anderes Beispiel: ein guter Freund von mir ist promovierter Soziologe und überzeugter Materialist. Er vertritt vehement die Meinung, dass in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit immer der Mangel Anstoß für eine Weiterentwicklung gab. Im Mittelalter führte die steigende Bevölkerungszahl zu Problemen in der Erbfolge im Rahmen des feudalistischen Systems. Kinder, die keine Aussicht auf eine sichere Versorgung oder Existenz hatten, wurden deshalb kurzerhand ins Kloster geschickt, was den willkommenen Nebeneffekt hatte, dass aufgrund des Keuschheitsgelübdes die weitere Bevölkerungszunahme stark verlangsamt wurde. Man kann auf diese Weise sogar das Keuschheitsgelübde herleiten, ohne irgend etwas über die religiöse Dimension zu kennen. Dass man damit nicht die große Anhängerschar z.B. eines Franz von Assisi erklären kann, wird geflissentlich ausgeklammert. Später kam es dann wegen der doch weiter zunehmenden Bevölkerungszahl zum Zusammenbruch des Feudalismus, da er ein zu starres Korsett bildete für die vielen unterschiedlichen Wirtschaftszweige, die sich im Gefolge der Industrialisierung etablierten. Und auch das kann man mit der Methodik des Mangels folgerichtig erklären. Man kann damit nahezu alles in der geschichtlichen Entwicklung auf die äußeren Lebensbedingungen zurückführen. Diese Anschauung hat etwas bestechendes, weil sie die Geschichte mit rein logisch-deterministischen Erklärungen nachvollziehen kann. Sie überträgt das darwinistische Prinzip des 'Survival of the Fittest' von der Entstehung der Arten auf die Entstehung von Gesellschaftssystemen. Bei aller Logik bleiben offene Fragen, für die diese Theorie die Antwort schuldig bleibt. Wenn man mit dieser Theorie beispielsweise das in der Gartengeschichte beschriebene Bewässerungssystem der Perser betrachtet, kann man zur Not den Übergang vom Nomadentum zur Ackerbaukultur erklären: Der Mangel an ausreichendem Weideland bei zunehmender Stammesgröße zwingt die Menschen zu technischen Lösungen, eben der Bewässerung in wüstenähnlichen Gebieten. Dass man den gleichen Effekt auch mit einigen Kriegszügen gegen die Nachbarstämme erreicht hätte, was wesentlich einfacher und naheliegender gewesen wäre, sei hier einmal dahingestellt. Auch dass man damit lediglich unsere heutige Lebenseinstellung auf die Vorgeschichte projiziert, weil wir nicht viel mehr als technisch perfekte Lösungen zustande bringen, ohne uns über die Zusammenhänge des Lebens zu scheren, soll hier auch nicht interessieren. Es reicht schon aus, wenn man sich die Frage stellt, wieso die Beseitigung eines Mangels (an Weideland und Wasser) zu einer Hochkultur führen kann, die weit mehr leistet als die bloße Versorgung der wachsenden Bevölkerung. Diese Beweisführung ist nicht stimmig, bzw. kann sie nur dann diesen Eindruck erwecken, wenn sie alle unbequemen Fragen ausblendet.

Es geht also, wenn man an einer ehrlichen Würdigung der unterschiedlichen Weltanschauungen interessiert ist, weniger um irgendeinen Glauben, sondern um simple Logik. Das habe ich als Jugendlicher bereits in der Schule gelernt und daran hat sich bis heute nichts geändert. Wenn ich einen Sachverhalt beweisen will, dann muss ich das für alle Situationen tun, den dieser Sachverhalt einschließt. Ein einfaches Beispiel, das sich jeder veranschaulichen kann, ist die Winkelsumme in einem Dreieck. Sie beträgt immer 180°, wie man das aus der Geometrie kennt. Es wird nicht immer ausdrücklich darauf hingewiesen, dass dieser Satz nur für ein ebenes Dreieck gilt, weil alle Berechnungen in der Geometrie sich auf ebene Dreiecke beziehen. Der Satz ist aber bereits falsch, wenn man den Maßstab etwas vergrößert und sich auf der Erdoberfläche bewegt. Die Winkelsumme in einem Dreieck, das man vom Nordpol zum Äquator zieht, von dort auf dem Äquator weiter bis zu einem beliebigen Punkt und dann wieder zurück zum Nordpol, ist immer größer als 180° (die beiden Winkel am Äquator sind immer rechte, macht zusammen schon 180° - dann kommt noch der Winkel am Pol dazu). Man hat es bei der Erdoberfläche nämlich mit einer gekrümmten Fläche zu tun und schon ist vieles, was in der Ebene klar und eindeutig ist, überaus unklar und überhaupt nicht mehr eindeutig. So ähnlich verhält es sich auch mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft. Dass sie gültig sind, bedeutet nicht, dass es nichts anderes außerhalb ihrer Erfahrung geben kann. Es ist logisch nicht möglich, mit materialistischer Naturwissenschaft ein atheistisches Weltbild zu 'beweisen'. Genau so wenig bedeutet eine theistische Weltanschauung die Leugnung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse. Die eine ist lediglich eine Erweiterung der anderen.

Es ist ein merkwürdiges Phänomen menschlichen Strebens, dass das Erfassen des Daseins mit dem Verstand, wie es die Naturwissenschaft anstrebt, viele Fragen unserer Existenz offen lassen muss. Wem das nicht reicht, der sucht im Glauben einen Ausweg. Da stehen sich zwei Welten gegenüber, zwischen denen es keine Brücke zu geben scheint. Im Gegenteil: die Gefahr ist groß, dass bei einer Überbetonung der einen Welt die andere ihre Daseinsberechtigung verliert. Man kann das sehr deutlich an der Naturwissenschaft beobachten: je mehr sie die Gesetze der Welt begreift und die Abläufe berechnen kann, desto mehr verfällt sie einem Absolutheitsanspruch. Wenn die Materie sich selbst organisiert, braucht es kein göttliches Wesen, das dafür zuständig ist. Man verlagert das Problem damit zwar nur auf eine noch größere Entfernung, denn woher die Gesetze stammen, ist damit noch nicht erklärt; aber das nur am Rande. Wichtig ist zu begreifen, dass man mit naturwissenschaftlichen Methoden die Existenz eines göttlichen Wesens nicht widerlegen kann. Genauso wenig kann ein religiöses Denken die Gültigkeit der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in frage stellen. Das wurde zwar versucht - die Ketzerprozesse beispielsweise sind ein besonders unrühmliches Beispiel - und das wird auch heute noch versucht; man braucht nur die Bestrebungen der Kreationisten zu verfolgen. Mir scheint, diese Art der Leugnung von Tatsachen ist eine Folge der eigenen Unsicherheit. Man hat selbst kein volles Bewusstsein von der Wahrheit seines Glaubens und bekämpft die Naturwissenschaft aus Angst, seinen Glauben zu verlieren, weil die eigene Stellung schon brüchig ist. Das ist beinahe noch schlimmer als der Absolutheitsanspruch der Wissenschaft. Diese stützt sich immerhin auf Tatsachen, die nicht zu widerlegen sind, wenn auch die Interpretation bisweilen auf wackligen Beinen steht, wie das u.a. bei der darwinistischen Evolutionstheorie der Fall ist: der Ablauf der Evolution kann gut nachvollzogen werden; dass der Motor der Evolution ausschließlich der Zufall ist, ist allerdings eine Spekulation, die mit den naturwissenschaftlichen Methoden nicht zu beweisen ist (Der Zufall als Motor der Evolution ist zwar eine einleuchtende Erklärung, das bedeutet aber keineswegs, dass sie die einzig mögliche ist). Wenn man den anderen Teil des Lebens nur mit dem Glauben zu begreifen sucht (wobei das Verb 'Begreifen' schon eine falsche Charakteristik ist), setzt man die Eigenschaft, die den Menschen vor allen anderen Wesen auszeichnet, die Vernunft, leichtfertig aufs Spiel. Der Glaube liefert sich der Autorität aus, und setzt damit die Vernunft außer Kraft. Er wird anfällig für allerlei abstruse Theorien und Hypothesen, er schränkt die Freiheit ein zugunsten einer undurchsichtigen Dogmatik. Das schafft zwar eine, wenn auch trügerische Sicherheit im Leben, es opfert aber die Freiheit auf dem Altar des Unwissens. Aus dem Dualismus von weltlicher Erkenntnis und jenseitigem Glauben glaubt mancher, die immer noch nicht ganz abgeschaffte Gottheit wenigstens als Dilettant diskreditieren zu können, weil er seine Schöpfung, den Menschen, einer schier ausweglosen Situation aussetzt. Ich dagegen erkenne gerade in diesem Dualismus die Bestimmung des Menschen. Durch den Verlust jeder Autorität ist der Einzelne auf sich allein gestellt. Was aus ihm wird, hängt nur von ihm selbst ab. Er kann sich frei von allen Zwängen entscheiden, welchen Weg er gehen will. Hier erst ist der Ausgangspunkt für die menschliche Freiheit. Er kann sich gehen lassen und verloren gehen in der Unendlichkeit des Daseins, wie ein Staubkorn den Kräften der Naturgewalten ausgeliefert. Oder aber er lernt, sich des mächtigen Werkzeuges, das ihm zur Verfügung steht, der Vernunft, zu bedienen. Diese Vernunft ist durchaus in der Lage zu beurteilen, was wichtig und was unwichtig ist, vorausgesetzt sie macht sich die Mühe ernsthaft zu suchen.

George R.S. Mead beschreibt das ähnlich, wenn auch in einem anderen Zusammenhang: "Was ist die Natur dieser höheren Geistesgabe (der göttlichen Offenbarung, Anm. d. V.), die über dem Verstande steht, und warum sind die Aufzeichnungen ihrer Tätigkeit mit solchen Unvollkommenheiten und Unmöglichkeiten vermischt, die so leicht vom Verstande erkannt werden können? Dieses wird der Gelehrte als solcher und der Forscher als Forscher niemals erklären können; desgleichen wird der Mystiker als solcher das Problem nicht ins volle Licht stellen können. Die Vereinigung beider Naturen ist dazu erforderlich. Leider dürfte eine derartige Vereinigung so schwer zu finden sein, dass man ruhig annehmen kann, sie habe noch nicht stattgefunden. Der Mystiker will sich nie der strengen Folgerichtigkeit der Wissenschaft unterwerfen und der Gelehrte weigert sich irgendwelchen Wert auf die Methode der Mystiker zu legen. Und doch kann außerhalb der Ehe beider das Kind des Verständnisses nicht geboren werden."

Dass die Erlangung der Freiheit auch die Möglichkeit beinhaltet, verloren zu gehen, ist eine harte Nuss, die viele an der Güte und letztendlich auch an der Existenz eines Gottes zweifeln lassen. Auch ich habe lange gebraucht, um damit zurecht zu kommen. Eine letztgültige Erklärung zu diesem Problem wird es vielleicht nie geben. Denn das würde bedeuten, sich mit seinem begrenzten Verstand auf Augenhöhe mit dem göttlichen Geist zu bewegen. Die Offenbarung eines göttlichen Willens in irdisches Verständnis wird immmer nur unter gewaltigen Abstrichen möglich sein. Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass jeder Mensch die bestmögliche Hilfestellung erhält, derer er bedarf. Ohne ein Wissen um das Kontinuum des Lebens werden allerdings die Zweifel das Verständnis immer überwiegen.

Die geistige, jenseitige oder himmlische Welt ist etwas anderes als unsere irdische Welt, wenn es auch vielfältige Übergänge gibt. Aber je weiter man im Erfassen der höheren Wahrheit aufsteigt, desto mehr versagen die irdischen Begriffe, um die Verhältnisse darzustellen. Ein Mensch, der sich vorbereitet hat, um die höheren Wahrheiten zu erfassen, der nimmt diese Wahrheit unmittelbar auf, ohne Vermittlung seines Verstandes oder seiner Vorstellung. Ich selbst habe das, wenn auch in einem ziemlich banalen Zusammenhang, erleben dürfen. Es ist wie ein plötzliches Wissen, das ohne Vorbereitung und ohne vorherige gedankliche Beschäftigung einfach da ist. In diesem Moment gibt es keinen Zweifel; der kommt erst später, wenn man den Vorgang verstandesmäßig erfassen will. Solche Momente sind klar und deutlich, aber nicht reproduzierbar, weshalb die Wissenschaft ihnen mit gesteigertem Mißtrauen begegnet. Dazu kommt, dass solche Wahrnehmungen, wenn sie gedanklich verarbeitet werden, um sie anderen mitteilen zu können, in vieler Hinsicht durch das eigenes Weltbild, die eigenen Fehler und Schwächen getrübt werden. Und diese mehr oder weniger getrübte Wahrheit muss nun in irdische Vorstellungen übersetzt werden, wobei wieder Fehler entstehen, die diesmal allerdings nicht selbst zu verantworten sind, sondern die in der Natur der Sache begründet sind. Deshalb bestehen die meisten Schilderungen der überirdischen Verhältnisse aus Gleichnissen oder Bildern, die nur ein Abbild der Realität sind, aber nicht die Realität selbst. Wer allerdings in den Bildern die Realität sieht, der verfällt leicht einem Aberglauben oder er fühlt sich erhaben über die in seinen Augen kindlichen Darstellungen. Das ist die Art der aufgeklärten Wissenschaft. Doch die höchsten Wahrheiten lassen sich nicht in irdische Worte fassen. Alle Erklärungen sind nur noch Teilaspekte der Wahrheit. Wenn man - wieder einmal - die Beobachtungen auf der Ebene der Atome und darunter bemüht, kann man sich ein recht gutes Bild dieses Phänomens machen. Man sieht die Elementarteilchen sich einmal wie ein Teilchen, ein andermal wie eine Welle verhalten. Man nennt das den Dualismus Welle-Teilchen. Doch das ist nur eine hilflose Umschreibung der Quantenmaterie, weil diese Quanten ihrem Wesen nach weder Welle noch Teilchen sind. Sie sind etwas, für das es in der makroskopischen Welt keine Entsprechung gibt. Man kann sie zwar messen, und je nach dem verwendeten Messaufbau zeigen sie sich entweder als Teilchen oder als Welle. In Wirklichkeit hat man es mit etwas zu tun, für das es keine Beschreibung gibt. Robert B. Laughlin drückt es folgendermaßen aus:

"Quantenmechanische Materie besteht aus Wellen von nichts. Diese Vorstellung ist ein harter Brocken, weshalb man Studenten traditionell damit anfreundet, indem man zunächst etwas mit dem Namen Welle-Teilchen-Dualismus erklärt - der Vorstellung, Teilchen seien newtonsche Objekte, die gelegentlich miteinander wechselwirken, gebeugt werden und so fort, als wären sie Wellen. Das ist nicht richtig, aber wenn man es so lehrt, hindert man die geistigen Schaltkreise der Studenten am Durchbrennen. In Wahrheit gibt es keinen solchen Dualismus. Die ganze newtonsche Vorstellung von einem Objekt, das durch Position und Geschwindigkeit gekennzeichnet ist, ist falsch und muss durch etwas ersetzt werden, das wir Wellenfunktion nennen - eine Abstraktion, modelliert nach dem Vorbild der kleinen Druckschwankungen in der Luft, die beim Durchgang von Schall auftreten. Das wirft unweigerlich die Frage auf, was da eigentlich schwingt - ein wunderbares Beispiel für die Verwirrung, die man anrichtet, wenn man einen außergewöhnlichen Sachverhalt mit einem gewöhnlichen Wort benennt. Im normale Sprachgebrauch ist eine Welle die kollektive Bewegung irgendwelcher Objekte, etwa der Meeresoberfläche oder der begeisterten Sportfans auf einer Stadiontribüne. Außerhalb eines die Schwingungen übertragenden Mediums ergibt eine Welle keine Sinn. In der Physik wird jedoch eine altehrwürdige Tradition aufrechterhalten: Man unterscheidet nicht zwischen unbeobachtbaren und nichtexistenten Dingen. Obwohl also Licht sich verhält wie Wellen einer Substanz - die man in den Anfängen des Elektromagnetismus als Äther bezeichnete -, gibt es keinen direkten Nachweis für diese Substanz, weshalb wir erklären, sie existiere nicht. Aus den gleichen Gründen sehen wir das Medium, das sich bei der Ausbreitung quantenmechanischer Wellen bewegt, als nichtexistent an. Dieses Problem ist jedoch weit irritierender als das des Lichts, weil Quantenwellen Materie sind (Hervorhebung im Original, Anm. d. Verf.) und überdies messbare Aspekte aufweisen, die mit Schwingungen einer Substanz grundsätzlich unvereinbar sind. Sie sind etwas anderes, Eigenständiges."

Wenn ich über die Natur rede, dann ist das bei mir nicht nur die Natur der Naturwissenschaft, sondern auch das, was als geistige Macht sich wesentlich weiter entfaltet. Ich möchte das allerdings als reale Macht verstanden wissen, auch wenn ich das im einzelnen nicht weiter ausführe, weil das zu weit vom Thema wegführt. Ich gebrauche den Ausdruck Natur nicht als Metapher für alle schwärmerischen Gefühle, die ich in mir hege und über die ich mir keine Klarheit verschaffen kann oder will. Ich versuche, die Realität in meinen schwärmerischen Gefühlen, die auch ich selbstverständlich hege, zu entdecken. Wem das suspekt vorkommt, der ist vielleicht besser mit dem Buch von Gabriella Pape bedient ('Meine Philosophie lebendiger Gärten'), eine wunderbare Hymne auf den Garten, die auch voll von diesen schwärmerischen Gefühlen ist. Da sie diese Ausdrücke als Metapher benutzt, kann jeder das hineininterpretieren, was ihm am besten gefällt.



Wer sich ein wenig mit Fotografie oder Malerei auskennt, weiß, wie schwierig es ist, eine Stimmung festzuhalten. Was man empfindet, wenn man z.B. ein Foto von einer romantischen Landschaft in der Morgendämmerung macht, ist nicht unbedingt dasselbe wie das, was man beim Betrachten der Fotografie empfindet. In der realen Situation spielen viele Einflüsse keine oder wenigstens nur eine untergeordnete Rolle, die auf der Fotografie umso mehr ins Auge fallen. Beispielsweise wird man beim Betrachten der Landschaft Störungen unbewusst ausblenden, so dass sie kaum wahrgenommen werden. In der Fotografie dagegen sind alle sichtbaren Elemente gleichberechtigt. So kann es vorkommen, dass eine Stromleitung, die die Stimmung in der Landschaft kaum trübt, auf dem Foto plötzlich eine überragende, die Stimmung zerstörende Bedeutung gewinnt, so dass von den ursprünglichen Empfindungen nichts mehr übrig bleibt. Der umgekehrte Fall ist genauso möglich; für diese Betrachtungen ist er der wichtigere. Dabei geht es um die subtileren Einflüsse, wie Lichtstimmungen oder anderen Sinneseindrücke (Vogelgezwitscher, leise Geräusche durch Luftbewegungen u.v.a.), die uns draußen als Gesamtbild erscheinen, die aber in der Fotografie fehlen. Dann wirken die Bilder fade, weil sie nur einen Teil der Wahrnehmung, nämlich den visuellen, wider geben, den aber gnadenlos ehrlich. Was aber keineswegs bedeutet, dass der erste Eindruck falsch war. Beide geben die Realität wieder, das eine mal allerdings wesentlich umfassender. Die drei Fotos rechts mögen diesen Sachverhalt noch einmal verdeutlichen.

Jedes mal ist das die gleiche Aufnahme; bei der oberen sind Sättigung und Farbtemperatur stark reduziert, bei der unteren leicht verstärkt und zudem wurde der Himmel blau eingefärbt. Die mittlere ist unbearbeitet. Die untere überzeichnet zwar die visuelle Realität, gibt aber die Stimmung mit den warmen Farben der Herbstsonne, die der Fotograf festhalten wollte, reeller wider. Was durch die Nachbearbeitung des Fotos sichtbar wird, ist also in gewisser Weise realer als die beiden anderen, weil hier auch die unterschwelligen Empfindungen 'sichtbar' werden.

Das aber bedeutet nichts anderes, als dass die sichtbare Realität nicht die volle Realität wider gibt. Das mag der eine deutlicher spüren als ein anderer, die Unterschiede sind dennoch für jeden wahrnehmbar. Um wieder auf die Natur zurück zu kommen: Was in den Augen vieler Menschen lediglich Metapher ist, bzw. reine Schwärmerei, kann durchaus Realität sein, auch wenn wir das mit unseren Sinnen nicht bewusst wahrnehmen können.

Womit wir uns langsam dem Kern der Sache nähern. Wir haben uns im Laufe der letzten Jahrhunderte angewöhnt, als Realität nur die im weitesten Sinne sichtbare Welt anzuerkennen (wobei als sichtbar auch das verstanden werden kann, was über den Umweg von technischen Messungen in Tabellen, Diagrammen oder Formeln sichtbar gemacht wird). Die übrigen Sinne spielen nur eine untergeordnete Rolle, da ihre Eindrücke nur in Verbindung mit der visuellen Bestätigung Geltung haben. Letzten Endes wird nur der sichtbaren, nämlich der materiellen Welt Wirklichkeitscharakter zuerkannt, alles was darüber hinausgeht, ist Spekulation oder wird grundsätzlich geleugnet. Auch diejenigen, die noch an einen Gott glauben, haben das weitgehend akzeptiert. Sie halten das, was materialistischer, wissenschaftlicher Konsens ist, strikt getrennt von ihrem persönlichen Glauben. Dadurch wird die Entfernung zu diesem Gott immer größer; irgendwann existiert er nur noch als diffuses Wesen jenseits irgendeiner Unendlichkeit. Es besteht eine tiefe Kluft zwischen dieser Unendlichkeit im Jenseits und der diesseitigen Welt. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass der Glaube an ein fernes Jenseits das Leben im Diesseits nicht wirklich beeinflusst. Je weiter entfernt dieser Gott ist, desto mehr verschwimmt er im Nebel der Unklarheiten und entsprechend wenig konkret ist sein Einfluss auf die täglichen Lebensentscheidungen. Religiosität erscheint mir in diesem Sinne bisweilen lediglich als eine Rückversicherung für ein eventuelles Dasein nach dem Tod, an das man zwar nicht glauben kann, das man aber auch nicht ganz abtun möchte. (Dass die grundsätzlichen Lebensentscheidungen durchaus noch irgendwie in Mitleidenschaft gezogen werden, soll damit nicht in Abrede gestellt werden. Allerdings wird man dann viel stärker der Gefahr ausgesetzt, zu viele Kompromisse eingehen zu müssen.) Vielleicht ist das mit ein Grund, warum die östlichen Weltanschauungen, insbesondere der Buddhismus, bei aufgeklärten Menschen großen Zuspruch finden. Man braucht dort keinen Gott, weil man nur die Befreiung von der Welt sucht. Albert Schweitzer hat immer wieder deutlich darauf hingewiesen, dass mit dieser Weltanschauung keine aktive Ethik begründet werden kann, da sie zu einer passiven Lebenseinstellung führt, die einer Weiterentwicklung der kulturellen Evolution nicht förderlich ist.

Man könnte das auch ganz pragmatisch sehen: Auf der einen Seite ist die für das Jenseits blinde Mehrheit, die ihre Blindheit zur einzig zulässigen Wahrheit erklärt. Sie glauben nicht an ein Jenseits, weil sie es nicht wahrnehmen können. Die Unfähigkeit zu einer bestimmten Erfahrung wird so interpretiert, als ob diese Erfahrung prinzipiell gar nicht möglich sei. Eigentlich eine ziemlich armselige Einstellung, auch wenn sie von vielen geteilt wird. Und eine sehr arrogante: Wenn ich von einem Gott fordere, dass er mir gefälligst seine Weisheit mundgerecht zu Füssen legt, dann habe ich ein großes Defizit an Demut. Wie ein pubertierender Gymnasiast, der von seinen Lehrern erwartet, wie ein Student im letzten Semester behandelt zu werden.

Seit ich Nietzsches 'Antichrist' gelesen habe, erscheint mir die herrschende Lehrmeinung noch weniger als fundierte Erkenntnis. Was einem heute immer wieder als anerkannte wissenschaftliche Erkenntnis aufgetischt wird, hat Nietzsche bereits früher, noch dazu in viel genialerer Weise formuliert. Trotzdem hat er Unrecht. Man braucht allerdings eine gefestigte Überzeugung, um nicht auf seine Argumente hereinzufallen. Auf der anderen Seite gibt es gar nicht einmal wenige, die behaupten, sie könnten das eine oder andere aus diesem Jenseits deutlich wahrnehmen. Wer das nicht kann, hat nur die Möglichkeit, über den Umweg über die Vernunft die Glaubwürdigkeit dieser Wahrnehmungen zu beurteilen. Wenn man diese Wahrnehmungen miteinander vergleicht und versucht, sie in einen vernünftigen Zusammenhang zu bringen, dann erscheinen sie durchaus logisch nachvollziehbar. Es ist ja keineswegs so, dass man das, was die ersten in ihrer ausschließlichen Fixierung auf das Diesseits an Erkenntnissen gewinnen, ungültig werden muss, wenn man den zweiten Glauben schenkt. Im Gegenteil: Es ist lediglich eine enorme Erweiterung des Horizonts, was von den sog. Hellsehern berichtet wird. Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, sofern sie sich auf das beschränken, was mit ihrer Methode geleistet werden kann, werden dadurch nicht ungültig. Wenn ich als blinder Mensch zu entscheiden hätte, wem ich mehr Vertrauen schenken soll: einem anderen Blinden oder einem, der mir erzählt, er sei sehend, und mir dann die wunderbarsten Dinge beschreibt - wem sollte ich glauben? Hätte ich Grund, das alles zu leugnen? Wenn er behauptet, die Wärme, die ich tagsüber manchmal auf meiner Haut empfinde, komme von der Sonne, von der übrigens alles Licht in dieser Welt stammt! Oder wenn er mir von Wesen erzählt, die fliegen können, von denen ich aber immer nur ein - wenn auch liebliches - Gezwitscher höre. Lauter unmögliche Dinge, von denen mein blinder Freund behauptet, das seien alles Hirngespinste. Es wäre dumm von mir, wenn ich alles als unwahr und spekulativ ablehne, was ich nicht selbst sehen kann.

Mir erscheint so manches absolut logisch und daher immer noch in einem fast wissenschaftlichen Kontext, was für die meisten Menschen eine reine Frage des individuellen Glaubens ist. Und damit gewinnt auch die Natur einen Wert, der weit über schwärmerische Gefühle hinausgeht, nämlich als Offenbarung eines höheren Willens, der dem Leben Sinn und Geborgenheit gibt. Als freie und selbständig handelnde Wesen haben wir es in der Hand, diesen Sinn zu fördern oder zu behindern. Das geht jetzt weit über den Zusammenhang mit dem Garten hinaus, aber erst aus diesem Abstand gewinnt man die Möglichkeit, das Thema in einem weiteren Blickwinkel zu betrachten. Was über die sichtbare Welt hinausgeht, nenne ich Religion oder Esotherik, die sich für mich nicht widersprechen, sondern die letztendlich zu einer Einheit verschmelzen.
Ich gebe zu, dass das alles nicht leicht zu verstehen ist, wenn man sich noch keine Gedanken darüber gemacht hat. Das gewohnte Denkschema ist nicht leicht aufzugeben. Mir ist das auch nicht immer leicht gefallen; manches Hindernis habe ich erst einmal liegen lassen, bevor ich es nach Jahren aus dem Weg räumen konnte. Besonders die kirchlich geprägte Weltanschauung (ich bin protestantisch aufgewachsen) hat mich zwar nie befriedigt, dafür aber viele Denkgewohnheiten hinterlassen, die mich hinderten, den Blickwinkel zu wechseln. Mich hat z.B. die Bhagavadgita viel stärker fasziniert als das Neue Testament, zu dem ich erst sehr spät einen Zugang gefunden habe, v.a. durch die Schriften von Jakob Böhme, Jakob Lorber oder Rudolf Steiner. Albert Schweitzer, vor dem ich sehr große Hochachtung habe, hätte ich nicht verstehen können, wenn ich nicht ein grundlegendes Verständnis für die geistigen Zusammenhänge bei Rudolf Steiner gewonnen hätte. Er war der einzige, der die Unterschiede in den verschiedenen Weltanschauungs-, bzw. Religionssystemen wieder auf eine Einheit zurückführen konnte. Für mich war es eine entscheidende Frage, ob das monotheistische System, in dem ich aufgewachsen bin, mit dem polytheistischen der Bhagavadgita (die auch nicht immer als polytheistisch angesehen wird, weil über der Göttervielfalt die Einheit steht) irgendwie in Einklang zu bringen ist.

Die Beschäftigung mit diesen Fragen ist keineswegs rein persönlicher Natur, die keine Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben hat. Sie beeinflusst die grundsätzliche Art, Lösungen von Problemen zu suchen.

Der Atheist sucht die Lösung von Problemen tendenziell eher in gesellschaftlichen Gruppierungen, die verbindliche Regeln aufstellen, nach denen die gesellschaftlichen und insbesondere die wirtschaftlichen Abläufe geordnet werden. Er hofft auf ein ausgeklügeltes System, das darauf achtet, dass niemand benachteiligt wird. Das bekannteste und mittlerweile offenkundig gescheiterte ist der Kommunismus bzw. der real existierende Sozialismus. Aber auch die westlichen Demokratien machen prinzipiell keine Ausnahme. Bei jeder Krise (der Bankenkrise oder den gerade aktuellen Dioxinfunden in Futtermitteln) werden die Regeln angepasst. Das mehr oder weniger hektische Reagieren auf offenkundige Schwächen des Systems verhindert aber keine neue Krise, weil die grundsätzlichen Schwächen dieses Systems in der Unzulänglichkeit des Einzelnen oder einzelner Gruppen liegen und weniger in den verbindlichen Regeln.

Demgegenüber sucht ein gläubiger Mensch, der sich um ethische Prinzipien sorgt, zuerst seine eigene Reife zu erlangen, bevor er anderen Vorschriften macht (wenn er das überhaupt jemals machen wird). Weil er weiß, dass die Vorschriften, die ein unreifer Mensch macht, keinen Cent wert sind, ja dass sie sogar mehr schaden als nutzen. Wenn derjenige, der anderen Vorschriften macht, sie selbst nicht befolgt, wird er unglaubwürdig. Was ein großes Problem der politisch Verantwortlichen ist. Wer moralisch nicht gefestigt ist, der wird es auch nicht durch die Macht und/oder Würde eines Amtes. Im Gegenteil: Der moralisch unfertige Machtmensch wird seine Macht über die moralischen Bedenken stellen. Das sieht man gerade in Italien, wo Berlusconi die Würde des Staatschefs gefährdet sieht, wenn man ihm Umgang mit minderjährigen Prostituierten vorwirft. Demgegenüber steht ein Mann wie Albert Schweitzer, der das Wohl anderer Menschen über sein eigenes stellte. Er verzichtete auf ein Lehramt an der theologischen Fakultät der Universität Straßburg, um die Mühen eines erneuten Studiums, diesmal der Medizin, auf sich zu nehmen, damit er den Menschen in Zentralafrika helfen konnte. Erst durch sein eigenes Opfer wurde seine Philosophie der Ehrfurcht vor dem Leben glaubwürdig. Immerhin wurde er dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Ich will damit keineswegs behaupten, Gesetze oder gesellschaftliche Regeln seinen unwichtig. Sie können und müssen Auswüchse verhindern, aber auch nicht mehr. Die Regeln des Zusammenlebens auf der menschlichen Ebene können nicht durch Gesetze gemacht werden; sie sind das Resultat des persönlichen Willens jedes Einzelnen und erfordern daher genau diesen persönlichen Willen.

Alles hängt mit jedem zusammen. Es ist eine Illusion zu glauben, es sei ausreichend, sich auf ein Gebiet zu beschränken. Man erhält erst dann eine Ahnung vom Ganzen, wenn man seinen Horizont immer wieder überschreitet. Wer sich mit dem Garten beschäftigt, der muss aus dem Garten heraustreten, um ihn dann in einem neuen Licht zu betrachten.

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