Ralph Eid, Landschaftsarchitekt

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Herbst

Leben erleben –
Eine kleine Philosophie des Gartens

Bedeutung des Gartens

Wenn man Gartenbesitzer oder solche, die es gerne wären, fragt, was ihnen am Garten im Allgemeinen oder im Besonderen liegt, wird man sehr viele unterschiedliche Antworten erhalten. Es geht da um frische Luft, um Freizeit, um Erholung, um Freude an der Gartenarbeit und, und, und... Doch das sind nur die vordergründigen Argumente. Wer sich selbst genau beobachtet, wird sicher schon festgestellt haben, dass die tiefen Ursachen seiner Handlungen und Gefühle oft sehr verschwommen sind und aus unbewussten Regionen kommen, in die man mit dem Verstand nicht eindringt. Ganz besonders gilt das von rein subjektiven Empfindungen, was einem gefällt oder nicht gefällt, was einem wichtig ist und was weniger, weil man das nicht mit dem Verstand entscheidet, sondern emotional. Die Werbestrategen wissen darüber sehr genau Bescheid: Kaufentscheidungen werden nicht in erster Linie mit dem Verstand getroffen, sondern aus einem dunklen Gefühlshintergrund heraus. Dementsprechend zielen die Werbeanzeigen oder -spots weniger auf den Verstand, als auf Emotion.

Beim Statussymbol Nummer Eins, dem Auto, lässt sich das sehr gut beobachten. In erster Linie geht es da um Fahrspaß, um Emotione, um Abenteuer, um Freiheit, und erst in zweiter Linie um Sparsamkeit oder Nützlichkeit. Bezeichnend für die ganze Branche ist ein Werbeslogan von Harley Davidson: "Wir verkaufen eine Ideologie - das Motorrad bekommen sie gratis dazu!"

Hier werden ganz gezielt archaische Instinkte angesprochen, die dem einen oder anderen, wenn er sich denn ihrer bewusst wäre, recht peinlich wären.

Auch bei dem, was einem am Garten gefällt oder nicht gefällt, geht es in erster Linie um gefühlte Werte. Allerdings um ganz andere wie beim Auto. Mit Rudelverhalten, Revierkämpfen, Macht und Status, die in PS-Stärke, Beschleunigung und Geschwindigkeit ihren Ausdruck finden, kommt man im Garten (glücklicherweise) nicht weit. Hier spielen eher "weiche" Beweggründe wie Geborgenheit, Schönheit, Ruhe und Frieden die überwiegende Rolle. Ich halte zwar nicht viel von den Vergleichen mit der Evolution des Menschen aus einem Affendasein heraus, aber hier drängt sich auch mir auf Anhieb das Klischee des Urmenschen auf, der sich morgens auf die Jagd begibt und sich draußen in der Wildnis als Mann bewähren muss, während die Frau dafür sorgt, dass er sich abends in eine warme Höhle zurückziehen und seine Wunden lecken kann. Was damals Höhle mit Brombeeren davor war, ist heute das Haus mit Garten dahinter.

Anmut und Schönheit, also Eigenschaften, die für den Garten große Bedeutung haben, sind eher weibliche Qualitäten. Männliches Imponiergehabe ist im Garten eine Randerscheinung und drückt sich höchstens in imponierenden Gartenzäunen oder in der Vollausstattung des Rasenmähers aus. Ich habe den Verdacht, dass die derzeit recht beliebten minimalistischen Gärten ihr Dasein ebenfalls eher männlichen Entscheidungen verdanken, weil hier klare, reduzierte Formen mit einseitiger Bepflanzung vorherrschen, die dem Verstand viel mehr entsprechen als dem Gefühl. Während aber in den Frühzeiten der Gartenkultur die rechtwinkligen Formen Ausdruck von menschlichem Selbstbewusstsein waren, empfinde ich sie heute als hilflosen Ausdruck begrenzten menschlichen Verstandes.

Der Garten ist in vieler Hinsicht prädestiniert für eine emotionale Wahrnehmung, weil man ihn bei vordergründiger Betrachtung nicht unbedingt zum Leben braucht. Es gibt sogar viele Menschen, die bewusst eine Wohnung ohne eigenen Garten bevorzugen, die also keinen Wert auf einen eigenen Garten legen. Sie suchen dann allerdings den "grünen" Teil des Lebens in Stadtparks, bei Spaziergängen in der Umgebung oder auf Ausflügen in die letzten naturähnlichen Landschaften. Alles was die Wohnung, bzw. das Haus betrifft, lässt sich viel mehr mit reinem Verstandesdenken behandeln. Da geht es um technische Fragen, um Größe, um Raumbeziehungen, um Ver- und Entsorgung, grob gesagt um materielles Wohlbefinden. Was ja nicht ausschließt, dass die emotionale Seite immer mitentscheidet: Beim Baustil, bei der Materialwahl für Bodenbeläge oder der Einrichtung. Während also beim Haus der Verstand die Regie führt und das Gefühl sich unterordnen muss, ist es beim Garten anders: Es ist vielleicht nicht direkt umgekehrt, dafür ist das Verstandesdenken viel zu sehr in unserer Zivilisation verwurzelt; aber beim Garten hat die emotionale Seite ein viel größeres Gewicht. Hier geht es (falls man sich ernsthaft für Gestaltung interessiert) nicht in erster Linie darum, wie man zu technisch korrekten Lösungen kommt, sondern um die Frage: "Wie fühle ich mich wohl?" Das Gefühl spielt hier die entscheidende Rolle.

Nun sagt das allerdings auch nicht viel mehr über die Bedeutung des Gartens aus. Man kommt ein Stück weiter, wenn man sich den Garten im Spannungsfeld der beiden Pole, aus denen er sich ableitet, betrachtet.

Da ist zum einen das Haus, also die Architektur. Ebenso wie man sich im Haus die verschiedenen Zimmer je nach dem vorgesehenen Zweck einrichtet, also Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, usw., ist es erklärtes Ziel in der Gartengestaltung, Räume zu schaffen. Das kann ganz streng mit Mauern, mit (Sichtschutz-) Zäunen, mit Hochbeeten, Wegen und Hecken geschehen oder aber wesentlich weicher durch Pflanzungen. Entscheidend ist, dass man versucht, eine vorgegebene Fläche zu strukturieren und damit die einzelnen Nutzungsmöglichkeiten gegeneinander abzugrenzen. Den Nutzgarten trennt man bewusst von dem Wohn-, bzw. Ziergarten ab, die Spielwiese für Kinder von dem empfindlicheren Blumenbeet, Ruhezonen für Stunden der Muße bekommen schon wieder den Charakter der Architektur und werden als Pavillon oder zumindest als Pergola klar aus der Fläche herausgearbeitet. Generell kann man sagen, dass mit der Strukturierung, also der Formensprache, der strengen oder weichen Linien, eine charakteristische Grundform entsteht, die den späteren Stil des Gartens entscheidend prägt. Dieser Stil steht in vielfacher Beziehung zum Charakterbild des Besitzers. Die Entsprechungen sind dabei ebenso vielfältig und können nicht auf simple Zusammenhänge reduziert werden. Aber auch wenn (was ich persönlich allerdings nicht glaube) der Charakter des Besitzers sich nicht oder nur am Rande im Charakter des Gartens widerspiegelt, so kann man doch feststellen, dass die Struktur, wie sie sich aus der Formensprache ergibt, den Charakter eines Gartens prägt. Ein Beispiel für die unterschiedlichen Ausdrucksformen ist unter Gartengestaltung ausführlich beschrieben.


Die Grundform entscheidet über den gefühlten Charakter eines Gartens. Weiche Linien wirken i.d.R. freundlicher als harte, symmetrische Formen künstlicher als asymmetrische. Doch das alles ist nur dann nachvollziehbar, wenn die gesamte Gestaltung unter einer einheitlichen Maxime steht, die in sich stimmig ist. Wer zwei gerade Linien mal eben durch einen Bogen verbindet, der zeigt damit nur seine Hilflosigkeit, ein klares Konzept zu verfolgen. Und wer aus verschiedenen Stilrichtungen Details zusammenträgt, die nichts miteinander zu tun haben, dem fehlt womöglich überhaupt jeder klare Ansatz zu einer einheitlichen Lösung. Ausnahmen bestätigen immer die Regel. Da es im Hinblick auf Gestaltung keine festen Regeln gibt, kann durchaus auch der Fall eintreten, wo ein einziger Bogen in einem ansonsten rechtwinkligen und nur aus geraden Linien bestehenden Konzept genau das Tüpfelchen auf dem i ist.

Wenn eine Mauer einfach parallel zu den Höhenlinien gebaut wird, um mit geringstem Aufwand eine ebene Fläche in einem geneigten Grundstück zu erhalten, ist das in erster Linie eine technische Lösung, für die man keine künstlerischen Ambitionen braucht. Erst wenn die Mauer durch ihre Form, durch die Linienführung in horizontaler oder gar vertikaler Dimension dem Garten eine individuelle Struktur aufprägt, wird aus alltäglichen Bauelementen künstlerischer Ausdruck. (siehe Fotos rechts)

Die in Form erstarrte Idee kommt allerdings an eine Grenze. Wo die Form zum Selbstzweck wird, entsteht in der Architektur das Gebäude, in der Kunst die Skulptur. Beides sind Ideen, die in festen Formen ihr Leben aushauchen, sich quasi in der Form materialisieren. Im Zusammenhang mit dem Garten ist in erster Linie die Architektur interessant.

Dem entgegen steht das Leben, das die Form fort und fort auflöst und verwandelt. Leben ist Veränderung im Sinne von Entwicklung. Während sich die feste Form der Architektur und der Skulptur auch verwandelt, indem sie im Laufe der Jahre, Jahrhunderte oder Jahrtausende zerfällt, strebt Leben immer nach neuen Gestaltungen. Die Verwandlungen in der Architektur, bzw. Kunst bedeuten Verfall und Auflösung, die Verwandlungen des Lebens bedeuten immer neue Entwicklungen. Geburt, Wachstum, Reife und Tod sind dabei aber keine zeitlich begrenzten Erscheinungen, die einen Anfang und ein Ende haben, sondern es sind Teile von Zyklen ohne Anfang und ohne Ende. Nur das Individuum erlebt den Tod; ob als Ende seiner Existenz oder als Verwandlung, sei in diesem Rahmen dahingestellt (s.a. Leben als Wirklichkeit). Dabei sind die Zyklen nicht wie ein einfaches Auf- und Ab, bzw. ein fortdauernder Kreislauf zu sehen, sondern eher als Höherentwicklung: Jeder Kreislauf wiederholt sich nicht in der gleichen Weise, sondern unter veränderten Rahmenbedingungen und damit auf einer höheren Stufe des Lebens (s.a. Naturerkenntnis - Selbsterkenntnis).

Und damit wären wir beim anderen Pol des Gartens, nämlich den Pflanzen, die den Garten mit Leben erfüllen. Während auf der einen Seite die Architektur, bzw. die Skulptur als Auskristallisation einer (menschlichen) Idee steht, hat man es auf der anderen Seite mit der Natur zu tun, mit einer unendlichen Vielfalt von (nicht menschlichen, um nicht zu sagen göttlichen) Ideen, die mehr oder weniger in Verwandlung begriffen sind.

Für ein tieferes Verständnis der hier beschriebenen Verhältnisse muss man den Naturbegriff weiter fassen als das, was heute allgemeiner materialistischer Konsens ist. Die vorherrschende Lehrmeinung ist immer noch die der Selbstorganisation der Materie. Also auf den Urknall folgt die Ausdehnung des Universums, die Energie kristallisiert zu den ersten Teilchen, diese zu Atomen, die durch Fusion und Spaltung neue Atome ausbrüten, die Atome wiederum organisieren sich zu ersten organischen Verbindungen, die zu immer komplexeren und irgendwann fängt ein so entstandenes menschliches Gehirn an zu denken und eines dieser Sorte schreibt dann diesen Text.
 
Man muss sich einmal schonungslos klarmachen, dass dieser Ansatz seine Tücken hat. Es ist lediglich ein Versuch, die Evolution mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu erklären. Diese Mittel sind aber, da sie verifizierbar, also wiederholbar und nachvollziehbar sein müssen, auf unsere Wahrnehmungsmöglichkeiten beschränkt. Und für alles, was wir nicht sehen, hören, riechen, schmecken, tasten können, gibt es Messinstrumente, die einen Ausschnitt dieser Sinne verfeinert registrieren. Aber auch diese Instrumente liefern nur Informationen über unsere materielle Welt. So genau und detailliert diese Informationen auch mittlerweile sind, so können doch die Schlussfolgerungen aus diesen Informationen sich wiederum auch nur auf den Teil der Welt beziehen, aus dem die Information stammt. Eine geistige, himmlische, göttliche Welt oder wie immer man eine Wirklichkeit jenseits unserer Sinne nennen will, ist mit diesen Methoden nicht wahrnehmbar. Das berechtigt aber nicht zu dem Schluss, dass sie nicht existiert. Nach dem Motto: Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Die Wissenschaft kann lediglich Modelle für einen Teil der Welt aufstellen, mit denen man diesen Teil erklären und in der Folge auch berechnen kann. Jeder ehrliche Wissenschaftler wird das bestätigen. Wenn neue Erkenntnisse, z.B. durch verfeinerte Meßmethoden, auftauchen, dann werden diese Modelle verändert oder sogar ganz verworfen. Das hat es zu allen Zeiten gegeben und wird es auch in der Zukunft immer wieder geben. Man denke z.B. an das geozentrische, bzw. das heliozentrische Weltbild: Es war ja keineswegs so, dass das geozentrische Bild, also mit der Erde im Mittelpunkt des Kosmos, zu völlig falschen Ergebnissen bei der Betrachtung der Welt geführt hätte. Man konnte auch in diesem System die Planetenbahnen (wozu man auch die Sonne zählte) sehr genau berechnen. Es gab lediglich geringe Unstimmigkeiten, die man auch mit Messungenauigkeiten hätte abtun können. Mit dem heliozentrischen Modell wurden diese Ungenauigkeiten beseitigt. Einen wirklichen Beweis für die Richtigkeit dieses Modells haben wir genau genommen erst, seitdem wir Satelliten ins All schicken, die die Erde von außen beobachten können.
 
Im Grunde genommen braucht man nur seinen gesunden Menschenverstand zusammenzunehmen, um sich das deutlich vor Augen zu führen. Trotz aller noch so schlüssigen Beweisführung, mit der man die belebte oder die unbelebte Welt zu erklären versucht - man bewegt sich immer nur im Bereich der materiellen Existenz. Dort herrschen Gesetze, mit denen die Wirklichkeit erklärbar und berechenbar ist. Auf eine Existenz einer völlig anderen Welt kann man mit diesen Methoden nicht schließen. Alles andere wäre ungefähr so, als ob ein Blinder beweisen wollte, dass es keine Farben gibt. Er kann sich zwar im Leben soweit arrangieren, dass er sich zurecht findet. Weil er inmitten von sehenden Menschen in der Minderheit ist, glaubt er der Mehrheit, dass es Licht und Farben gibt. In der Wissenschaft ist es eher umgekehrt: Die heutige Menschheit ist dem materiellen Denken in der Mehrheit hingegeben. Dennoch hat sie dadurch nicht die Macht der Wahrheit auf ihrer Seite, sondern lediglich die Macht der Mehrheit. Wahrheit hat nichts mit Mehrheitsentscheidungen zu tun. Der Glaube an eine geistlose Welt resultiert daher mehr aus einem Gruppenzwang, statt aus echter Überzeugung.
 
Ein anderes Beispiel, wie man mit einem Ausschnitt aus der Wirklichkeit so gut leben kann, dass man kein Verlangen nach der vollen Wirklichkeit zu haben braucht, ist das Teilchenmodell in der Atomphysik, das ich hier noch öfter strapazieren werde. Das liegt daran, dass in den kleinsten Strukturen Verhältnisse herrschen, die unsere Vorstellungskraft sprengen. Dass ein Atom aus einem Kern besteht, um den herum die Elektronen kreisen, ist ein Modell, mit dem man gut zurecht kommt. Das Elektron wird dabei als kleines Teilchen angenommen, das wie jedes andere Teilchen eine Ladung und eine Masse und damit einen Impuls besitzt, was man rechnerisch sehr gut erfassen kann und was in den Beschleunigeranlagen genauestens anwendbar ist. Doch seit Heisenberg ist bekannt, dass das nur die halbe Wirklichkeit ist. Ein Elektron verhält sich eben nicht nur wie ein Teilchen, sondern auch wie eine Welle, beispielsweise wie Licht. Je nachdem, mit welchen Methoden man misst, erhält man als Ergebnis ein Teilchen oder eine Welle. Bis jetzt ist es meines Wissens noch nicht gelungen, diese beiden Teile der Wirklichkeit zu einer einzigen zusammenzufügen. Auch die Erstellung einer Weltformel scheitert bisher u.a. an diesem Problem.
 
Ein drittes Beispiel ist unser Raum-Zeit-Empfinden. Die meisten Phänomene kann man berechnen, wenn man den Ort und die Geschwindigkeit, bzw. die Beschleunigung eines Körpers kennt. Ob ich von Hamburg nach München fahre und wissen will, wann ich dort ankomme, oder ob ich wissen will, wann der Mond genau zwischen Sonne und Erde steht und damit die nächste Sonnenfinsternis berechnen kann: Prinzipiell sind beide Aufgaben mit den gleichen Mitteln zu lösen. Erst wenn man es mit Geschwindigkeiten zu tun hat, die der Lichtgeschwindigkeit nahe kommen, beginnt alles zu verschwimmen. Trotzdem kommt man im Alltag bis weit über die Grenzen unseres Sonnensystems ohne die Lichtgeschwindigkeit sehr gut zurecht.
 
Das alles sagt uns überdeutlich, dass man sich mit einem Teil der Wirklichkeit im Leben sehr gut zurecht finden kann, ja dass man sogar von dem anderen Teil gar nichts zu wissen braucht und trotzdem ohne Probleme den Alltag meistern kann. Das berechtigt aber nicht dazu, den anderen Teil zu leugnen. Selbstverständlich ist das auch noch lange kein Beweis für die Existenz eines anderen Teiles. Worauf es mir ankommt, ist die vorurteilslose Betrachtung der Phänomene. Es geht lediglich um die simple Logik, ob das, was wir nicht sehen, deswegen auch nicht existiert.
 
Dort wo man es mit dem Leben, bzw. dem Leben in der Natur zu tun hat, kommt die rein materialistische Anschauung an ihre Grenze. Viele Überlegungen, die die Natur betreffen, hängen damit zusammen, ob man dem Leben einen Sinn zuerkennen kann oder nicht. Aus der darwinistisch-materialistischen Weltanschauung wird man nur unter großen Anstrengungen eine Ehrfurcht vor dem Leben, wie Albert Schweitzer seine Ethik genannt hat, entwickeln können. Aus einer Weltanschauung, die auch göttllich-geistige Impulse zumindest in Erwägung zieht, resultiert sie quasi automatisch. Das habe ich in meiner Schrift Naturerkenntnis - Selbsterkenntnis ausführlicher zu erklären versucht.

Es liegt mir fern, jemanden zu einer bestimmten Weltanschauung zu drängen. Aber um die Natur zu verstehen, wird man um eine Erweiterung der derzeit herrschenden Lehre nicht herum kommen. Und um es ganz deutlich zu sagen, damit nicht irgendwelche Spekulationen die Runde machen: ich bin kein Kreationist, kein Anbeter des Intelligent Design, ich gehöre keiner Sekte an und aus der Kirche bin ich schon lange ausgetreten. Auch der Buddhismus ist mir als Doktrin fremd, ebenso wie sonstige Religionssysteme. Wenn ich mich selbst irgendwo einordnen müsste, würde ich mich als freier Christ bezeichnen, der auch bereit ist, Ansichten aus fremden Welt-, bzw. Religionsanschauungen zu übernehmen, wenn sich aus ihrer Berücksichtigung eine innere Logik ergibt, mit der sich die Phänomene der Welt erklären lassen. Oder vereinfacht ausgedrückt: wenn sie sich als Wahrheit erweisen.

Was hat das alles mit dem Garten zu tun? Wenn man den Versuch macht, den Garten im Spannungsfeld zwischen Architektur und Natur zu beschreiben, dann hat man es auf der einen Seite - wie angesprochen - mit der Form gewordenen menschlichen Idee zu tun. Wenn man nun die Natur lediglich als Sammelsurium von unterschiedlichen Genen betrachtet, dann verliert man sich auf der anderen Seite im Nichts. Dann allerdings wird auch der Garten beliebig, je nach Interessen und Vorlieben des Besitzers.

Ganz anders stellt sich die Situation dar, wenn das, was in der (belebten) Natur sichtbar ist, nur die äußere Erscheinung einer göttlichen Idee ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir diese Idee kennen oder nur die vage Vorstellung haben, dass sie existiert. Wichtig ist lediglich, ob das Gefühl, das einem der Garten vermittelt (s.o.), einen realen Hintergrund hat oder nur auf einer Illusion beruht. (Wobei es wahrscheinlich genügend Menschen gibt, denen diese Unterscheidung ziemlich egal ist. Wenn ich einer Illusion anhänge und weiß es nicht, dann ist diese Illusion für mich eben Realität.)

Nur dann, wenn man der Natur eine Bedeutung zumisst, die über das äußere Erscheinungsbild hinausgeht, bekommt auch der Garten eine eigene Qualität. Und auf einmal sind die Anschauungen über die Natur, die bei der historischen Betrachtung eine Rolle gespielt haben, wieder hoch aktuell. Es wurden 3 Aspekte herausgearbeitet, die man bei der Betrachtung der Natur berücksichtigen muss:

Verständnis für die Natur ist im Garten eher möglich als in der Landschaft, in der freien Natur. Dort findet man die wilde Natur, den Kampf ums Überleben, die Konkurrenz der einzelnen Pflanzen und Tiere um Licht, Wasser, Nährstoffe oder einfach Nahrung. Es ist bezeichnend, dass die edle Seite der Natur viel eher in der Kulturlandschaft zu finden ist als in der wilden Landschaft. Die schönen Blumenwiesen, die Kalkmagerrasen und Feuchtwiesen sind durch Pflege entstanden. Das ist Gartenland im großen Stil. In der wilden Natur hat man es nicht einfach, die schönen, ästhetischen, edlen Gewächse zu finden. Sie sind dort entweder mit anderen Wildpflanzen verwoben, so dass ihre Schönheit gar nicht richtig zur Geltung kommt, oder aber - wie bei den Waldpflanzen - so vereinzelt, dass man lange suchen muss, bis man einzelne Exemplare findet. Den dritten Aspekt, die erhabene, gewaltige Natur, findet man wieder leichter in der Landschaft, wenn auch nicht auf Schritt und Tritt. Im Hochgebirge, an großen Gewässern, am Meer oder an Einzelschöpfungen der Natur wie dem Donaudurchbruch bei Weltenburg empfindet man deutlich die eigene Bedeutungslosigkeit gegenüber der Größe der Naturgewalten.

Die Natur ist immer eine Einheit, alle drei Aspekte sind immer gleichzeitig und gleichbedeutend vorhanden. Es kommt auf den Standpunkt des Betrachters an, welchen Aspekt man in erster Linie wahrnimmt. Wenn man im Gebirge auf 3000 m Höhe mit leichter Kleidung ankommt und bei Wind und Wetter vor Kälte schlottert, wird man wenig von der erhabenen Größe der Natur wahrnehmen. Nur wenn man bei schönem Wetter auf dem Gipfel steht, ist der Eindruck vollkommen.

Im Garten ist man dem mittleren Aspekt, der Schönheit, am nächsten. Vorausgesetzt man ist bereit, sich aktiv zu einem entsprechenden Verständnis durchzuringen. Das beginnt mit der richtigen Gestaltung und hört bei der Pflege noch lange nicht auf. Ursprünglich schöne Gärten und Anlagen verkommen, wenn die Besitzer oder andere Verantwortlichen im Vordergrund in erster Linie die Arbeit sehen. Wenn Laub als Dreck empfunden wird, geht das frische Grün im Frühjahr und das warme Farbenspiel des Herbstes gefühllos an einem vorüber. Wer Sträucher und Bäume nur als grünen Sichtschutz wahrnimmt und alle Gehölze mit der Heckenschere in eine Einheitsform zwingt, wird von den subtilen Unterschieden von Wuchsformen, Blatt- und Blütenfarben und -formen höchstens am Rande etwas bemerken.

Neben der Nutzung, die in diesen Betrachtungen nur am Rande interessiert, geht es im Garten immer um die Ästhetik, und zwar sowohl der Form, als auch des Inhaltes, also der Pflanzen. Von diesem Gesichtspunkt aus kann man den Garten als eine Synthese von Architektur und ästhetischer Natur betrachten. Hier wird bewusst das herausgearbeitet, was in der Natur an edlen Formen und Farben zu finden ist und in einem strukturierenden Rahmen kultiviert. Und es muss betont werden, dass hier eine echte Synthese stattfindet: das eine ohne das andere ist nur ein mickriger Teil. Man kann zwar Räume nur durch architektonische Elemente formen, und das wird auch gemacht. Trotzdem fehlt dort der lebendige Inhalt. Ein architektonischer Garten, bzw. eine solche Außenanlage, ist nur ein Haus ohne Dach und bisweilen auch ohne Wände. Die halbarchitektonischen Bäume wie Kugelrobinien, die v.a. Hochbauarchitekten allenthalben pflanzen, weil die schon selbst fast eine Skulptur sind und kaum Leben versprühen, ändern daran überhaupt nichts.

Auch die Abgrenzung vom Nutzgarten mit Gemüse, Kräutern und Obst gegenüber dem reinen Ziergarten fällt jetzt leicht: Der Nutzgarten befriedigt ja lediglich die physischen Bedürfnisse der Ernährung, wenn man einmal von den damit verbundenen (kulinarischen) Genüssen absieht, die wieder mehr die emotionale Seite ansprechen. Nahrungsaufnahme ist eine einseitige Tätigkeit: ich nehme mir etwas aus der Natur, um meine Existenz zu sichern. Ob die Kartoffel schön gewachsen ist oder nicht, spielt keine Rolle. Wichtiger ist die Größe, bzw. der Ertrag pro Fläche. Das ist ja der Hauptgrund, warum die Kartoffel beliebter ist als die Topinambur, die vom ganzen Erscheinungsbild viel eher auch eine Zierpflanze ist, im Ertrag aber nicht mithalten kann und in der Ernte viel mühsamer zu handhaben ist.

Wenn man die drei Kategorien der Naturerscheinung auf den Nutzgarten anwenden wollte, dann befände man sich in der ersten Kategorie: der wilden Natur. Jetzt natürlich nicht mehr in der ursprünglichen Wildheit, sondern in der vom Menschen gezähmten Form. Die wilde Natur, die sich der Mensch untertan gemacht hat, und die ihm nun dienen muss. Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur entspricht auf dieser Ebene eher dem von einem Herrscher zu seinem Untergebenen. Lediglich in der Form der Opferhandlung, z.B. beim Erntedank, verzichtet er für einen Moment auf die Nutzung und stattet der Natur, bzw. deren Schöpfer, seinen Dank ab.

Den Ziergarten kann man in die zweite Kategorie einordnen: die edle Natur. Man hat es zwar auch dort nicht mehr mit der ursprünglichen Natur zu tun, die Elemente des Gartens sind in aller Regel ebenfalls züchterisch bearbeitet. Sie dienen aber nicht dem profanen Nutzen der Ernährung, sondern der Erbauung. Die entsprechenden Pflanzen werden im Garten kultiviert, um sich an ihrer Schönheit zu erfreuen. Die Pflanze an sich darf so bleiben wie sie ist, durch die Züchtung werden lediglich hervorragende Eigenschaften herausgehoben. Dass das mitunter auch übertrieben werden kann, zeigen die Sommerblumen (s. unter Grüne Impressionen/Grün und Natur). Am Kern der Sache ändert das aber nichts. Gerade in der neueren Art der Pflanzenverwendung für den Garten mit großflächigen Staudenpflanzungen (z.B. Piet Oudolf) wird ja großer Wert auf natürliches Aussehen gelegt. Vorbilder sind natürliche Pflanzengesellschaften, hauptsächlich die Prärien Nordamerikas, aus denen auch viele der verwendeten Stauden stammen. Hier kommt die Pflanze in Ihrer vollen Erscheinung zur Geltung. Bei der Planung einer Bepflanzung spielt der gesamte Habitus eine große Rolle, ebenso die Blattformen und -farben oder die Form der Blüte. Die Farbe der Blüte ist zwar ein wichtiger, aber nicht der ausschließliche Aspekt.

Der wichtigste Unterschied zwischen Nutzgarten und Ziergarten ist in den einleitenden Überlegungen über die Sinneserfahrungen bereits angesprochen worden: Was ich esse, um es zu genießen, muss ich zerstören, entweder indem ich es zerkaue oder vorher koche bzw. auf andere Weise gare. Die Nahrungsaufnahme ist ein kurzer Genuss, auf den die Verdauung mit der chemischen Auflösung folgt. Im Gegensatz dazu ist der ästhetische Genuss an Dauer und Erhaltung interessiert. An einem Salbei im Staudenbeet mit einer Blütezeit von mehreren Wochen kann ich mich länger erfreuen als an seinen abgeschnittenen Trieben, die ich in die Vase stelle.

Und wenn man versucht, die emotionalen Wirkungen, die im Garten eine sehr große, wenn nicht sogar die wichtigste Rolle spielen, in Worte zu fassen, dann bewegt man sich auf dünnem Eis, weil sie nicht mehr richtig greifbar sind, weil Empfindungen in hohem Maße persönlich geprägt sind. Was der eine deutlich empfindet, ist für einen anderen emotionale Spinnerei. So ist die folgende Beschreibung meine ganz persönliche subjektive Empfindung, und jeder mag selbst entscheiden, inwieweit er diese nachvollziehen kann: Was sich in einem anspruchsvoll gestalteten Garten in Augenblicken der Muße abspielt, ist wie eine Kommunikation zwischen der Seele des Menschen mit der Seele der Natur. Da ist nichts mehr von Herrscher und Untergebenem, eher ein demütig dankbares Staunen. Im Garten kann man das Leben der Natur miterleben, weil die unmittelbare Nähe zu den Lebensprozessen wie Geburt, Wachstum, Reife und Tod hier immer präsent ist. Gerade weil man im Garten Tag für Tag die feinen Veränderungen viel subtiler wahrnehmen kann als auf Ausflügen in die Natur, wo man immer nur eine Momentaufnahme geboten bekommt, ist die Beziehung wesentlich enger und intensiver als dort. Auch wenn man es im Garten nicht mit der sozusagen unverfälschten Natur zu tun hat, sind doch die Lebensprozesse hier wie dort die gleichen. Für ausführlichere Informationen sei wieder auf Naturerkenntnis - Selbsterkenntnis verwiesen.

Man muss sich darüber im klaren sein, dass Natur nicht gleichbedeutend mit dem äußeren Erscheinungsbild der Landschaft ist. Die Natur besteht nicht aus den heimischen Pflanzen, wie das viele glauben und vielleicht ebenso viele glauben machen wollen. Die Natur ist nicht die kleinbäuerliche Kulturlandschaft, was von amtlichen und ehrenamtlichen "Naturschützern" unisono vorgebetet wird. Die Natur - das sind die lebendigen Prozesse, die in der Entwicklung von einzelnen Individuen von der Keimung über Wachstum, Vermehrung und Tod ebenso wie in der von Lebensgemeinschaften zum Ausdruck kommen. Leben ist ein Entwicklungsprozess, der in Kreisläufen vonstatten geht, und nicht irgendwo stehen bleibt, weil er geraden einen Idealzustand erreicht hat. Gerade das ist es aber, was in der Erhaltung der kleinbäuerlichen Kulturlandschaft angestrebt wird: Die Erhaltung eines als ideal oder optimal angesehenen Zustandes der Landschaft. Das aber ist nichts anderes als Gartengestaltung im großen Stil. Die Entwicklung, in der Botanik Sukzession genannt, hat dort, wo sie eigentlich hingehört, kaum einen Spielraum.

Nun wäre es allerdings naiv zu glauben, dass im Garten die natürliche Entwicklung gewollt oder mindestens geduldet würde. Eher ist das Gegenteil der Fall. Beim Garten wird immer ein bestimmtes Bild angestrebt, das der Besitzer oder der Gestalter im Auge hat. Manche Pflanzen dürfen sich aussäen und damit auch ausbreiten, beispielsweise der zweijährige Fingerhut oder die bei uns nicht winterharten Verbenen; das sind aber Ausnahmen, die höchstens die Regel bestätigen. In jedem bewusst gestalteten Garten ist die natürliche Sukzession nicht willkommen. Das würde heißen, alles, was an Unkraut anfliegt, wachsen zu lassen und nicht einzugreifen, keine Gehölze zu schneiden, um ihren Idealzustand zu erhalten, keine Schnecken bekämpfen, um schwache Pflanzen zu schützen. Also doch keine Natur?

Wie alles auf dieser Welt sind die Zusammenhänge nicht einfach und mit ein paar Worten zu erklären. Im Garten hat man es mit den gleichen Lebensprozessen zu tun, die sich in der wilden Natur abspielen. Was man hier sieht, ist aber nur ein Bild, ein Gleichnis der Natur. Man vergegenwärtige sich eine Staudenpflanzung, wie sie im Frühjahr aus der kahlen Erde herauswächst, in kurzer Zeit zu einer Höhe von 2 Metern heranwächst und dann, nach kurzer Blüte und Reifezeit, langsam wieder abstirbt. In der Natur passiert etwas ähnliches auf einem Rohbodenstandort, der langsam von Pflanzen besiedelt wird, sich mit einer grünen Decke überzieht und im Laufe der Jahre und Jahrzehnte zu einem Wald wird, der dann nach weiteren Jahrzehnten wieder zusammenbricht. Die Entwicklung einer Staudenpflanzung im Garten läuft nach dem gleichen Schema ab, nur viel schneller, wie im Zeitraffer.

Wenn auch die Schönheit und Anmut von Blüten und Blättern oder der ausdrucksstarken Wuchsform einer Pflanze ein wesentlicher Aspekt für das Erlebnis Garten ist, so ist das doch keineswegs der einzige. Hinzu kommt der dynamische Entwicklungsprozess des Werden und Vergehens, der im Garten nach Jahreszeiten bemessen wird, wofür in der Natur Jahrzehnte und Jahrhunderte vergehen müssen. Beides zusammen, die reine Ästhetik und die dynamische Entwicklung, verschmelzen im Garten zu einer Einheit. Als ob die wilde Natur in gemäßigter Form sich wieder Geltung verschafft. Nach Jahrhunderten und Jahrtausenden des Kampfes mit der wilden Natur keimt auch im Garten der zaghafte Versuch, sie wieder in unser Weltbild zu integrieren.

Dazu passt vielleicht ein Zitat von Kenneth Clark, der eine Hymne auf den menschlichen Geist geschrieben hat ("Zivilisation - von den Gedanken, Bauten, Büchern, Kunstwerken und Genies, die den Glanz des Abendlandes schufen"). In dem Kapitel über die Anbetung der Natur beschreibt er die ab etwa 1725 aufkommende Verklärung der Natur als Ersatzreligion für das immer mehr an Einfluss verlierende Christentum. Am Beispiel Rousseaus, der Galionsfigur der neuen Bewegung, der einerseits die 'Träumereien eines einsamen Wanderers' geschrieben hatte, aber auch das Evangelium der Revolution von 1789, den 'Contrat Social', meint er zu erkennen, dass "das Mitgefühl mit den Stummen und Unterdrückten notwendigerweise mit einer Verherrlichung der Natur einherzugehen scheint". Wobei er die Anfänge dieser Entwicklung schon bei Franz von Assisi sucht.

Ich glaube zwar nicht, dass man die Natur anbeten sollte. Das verhindert eine rationale Auseinandersetzung mit den Vorgängen in der Natur. Allerdings halte ich ein lediglich mit dem Verstand erlangtes Verständnis der Erscheinungen als einseitig und daher nicht der Wirklichkeit entsprechend. Wenn es um die Natur, insbesondere um das Leben in der Natur geht, sind noch andere Arten der Wahrnehmung gefragt. Und da hat der Garten durchaus seine Vorzüge. Durch die gemäßigte, idealisierte Präsenz der Natur hat man allerdings im Garten die unvergleichliche Möglichkeit, sich als Teil dieser Natur zu empfinden. Hier ist man nicht, wie in der Landschaft, ein Staubkorn in der Weite von Horizont zu Horizont, sondern gleichzeitig Handelnder, der das, was er genießen will, aktiv schaffen und danach auch erhalten muss. Erst die Sorge um den Erhalt dieser menschlichen Schöpfung, die Pflegebemühungen, knüpfen die vielfältigen Beziehungen und das Verständnis oder wenigstens die Ahnung für etwas, was hinter den äußeren Erscheinungen als schöpferische Kraft sich entfaltet. Robert Harrison hat der Sorge ein volles Kapitel in seinem Buch 'Gärten - ein Versuch über das Wesen des Menschen' gewidmet. Er empfindet die Vertreibung aus dem Paradies als den Nährboden von Leben, Wachstum, Erscheinung und Form. Es heißt dort:

"Erst nach dem Sündenfall erlangte Adam ein gewisses Maß an Widerstandskraft und Charakter. In Eden war er zwar nicht durch Sorgen belastet, aber unfähig zur Hingabe. Alles war für ihn (und für seine Frau) da. Nach seiner Verbannung war er für alle Dinge da, denn nur dadurch, dass er sich hingab, konnte er eine Umwelt, die nicht zu seinem Vergnügen existierte und die von ihm seine tägliche Arbeit forderte, zu einem von Menschen bewohnbaren Ort machen. Aus dieser Ausweitung des Ichs in die Welt wurde die Liebe zu etwas anderem als ihm selbst (und damit die menschliche Kultur als solche) geboren.... So sahen die unmöglichen Alternativen des Gartens aus: in seinen Grenzen in moralischer Bewusstlosigkeit zu leben oder um den Preis des Hinausgeworfenwerdens ein Gefühl für die Wirklichkeit zu entwickeln.... In Eden waren Adam und Eva viel zu schön und daher auch herzlos. Ihr menschliches Herz mussten sie sich außerhalb des Gartens erwerben, und sei es nur, um zu lernen, was Schönheit ist und was ein Geschenk ist. Durch Adam und Eva haben wir ein Geschenk verloren, aber ein Herz gewonnen, und in vieler Hinsicht sind wir immer noch dabei, unser Herz zu gewinnen." Und gegen Ende des Buches quasi als Quintessenz:

"Eva fand einen Weg, uns aus dem Paradies vertreiben zu lassen, um die Menschheit auf den Weg zur Reife zu führen." Weil die Gärtnerei "zu einer Verwandlung der Wahrnehmung führt - weg von der Oberfläche in die Tiefe". Daraus folgt zwangsläufig ein ethisches Grundprinzip: "Man muss dem Boden mehr geben, als man von ihm fordert", was weiter zu der Erkenntnis führt: "Die Kultivierung des Erdbodens und die Kultivierung des Geistes sind wesensgleich." Im Gegensatz zum Garten steht demnach die Technik: "sie nimmt mehr, als sie gibt - keine Demut, keine Hingabe, keine sorgende Berufung."

Nach Jahrtausenden der Entfremdung von der Natur sucht der Mensch im Garten wieder den Weg zurück zum Paradies. Durch die Nähe, um nicht zu sagen, den unmittelbaren Kontakt mit den Lebensprozessen entsteht eine innige Verbindung. Ähnlich wie man einen geliebten Menschen ohne viele Worte versteht, weil die Liebe eine unmittelbare Erfahrung ohne den Umweg über den Verstand vermittelt, findet der Mensch durch die Hingabe an die edle Seite der Natur wieder Zugang zu den Tiefen des Seins. Nicht mit dem Verstand, durch mathematische Formeln, sondern im Miterleben der schöpferischen Kräfte, die im Menschen wie in der Natur die gleichen sind.

Oder, wie Harrison das formuliert: "Unsere menschlichen Gärten mögen uns wie kleine Gucklöcher erscheinen, die inmitten der gefallenen Welt einen Blick auf das Paradies gewähren."

Der Garten liegt im Spannungsfeld zwischen Architektur/Kunst und Natur, zwischen menschlichen und göttlichen Ideen und Formen. Er ist eine rein menschliche Schöpfung, die aber, falls er dementsprechend gestaltet wird, die göttliche Schöpfung zu integrieren versucht. Im Garten ist der Mensch den Ursprüngen seines Daseins am nächsten, was die direkte Empfindung betrifft. Durch die Darstellung der Natur in der menschlichen (architektonischen) Form entsteht ein Werk wie eine Hymne an die Schöpfung. Er hat das Potential, statt des ewigen Kampfes gegen die widrigen Kräften der Natur einen Akt der Versöhnung zu schaffen. Es ist eine Art von Dankbarkeit, weil die Empfindungen, die der Mensch in den Garten hineinlebt, der göttlichen Seele wieder etwas zurückgeben.

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