Ralph Eid, Landschaftsarchitekt

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Naturverjüngung im Bayerischen Wald

Verteidigungspositionen

Seit den Anfängen der Naturschutzbewegung ist viel erreicht worden. Der Umweltschutzgedanke ist in der Gesellschaft als allgemeines, verschwommenes Ziel etabliert, d.h. als ein allgemeines Gut, das allerdings im Einzelfall mit anderen Zielen abgewogen werden muss und dann nur allzu oft den kürzeren zieht. Selbst die Industrie fühlt sich als Erhalter und Bewahrer einer gesunden Umwelt, wie man es immer wieder in ihren Hochglanzbroschüren und in anderen Werbemedien erfahren kann. Detaillierte Gesetze regeln den Umgang mit Natur und Umwelt, in der Bayerischen Verfassung (Art. 141) ist der Naturschutz sogar als Staatsziel festgelegt. Seit einigen Jahren gilt die Ausgleichsregelung in der Bauleitplanung, wonach Eingriffe weitgehend vermieden werden sollen, bzw. unvermeidliche Eingriffe ausgeglichen werden müssen. Grund zum Aufatmen?

Wer die Situation vor Ort kennt, sieht das anders. Hier wird der Naturschutz immer weiter in die Defensive gedrängt. Der hauptamtliche Naturschutz gibt offen zu, dass es vor gerade einmal zwanzig Jahren wesentlich leichter war, etwas zu bewegen oder naturzerstörende Projekte zu verhindern. Während damals die Schönheit einer Landschaft noch gleichberechtigt neben Gefährdungsgrad oder der Seltenheit von dort vorkommenden Arten als Wert bei der Abwägung gegenüber konkurrierenden Interessen galt, beschränkt sich die Argumentation heute ausschliesslich auf Rote-Liste-Arten. Eine Landschaft oder ein Grundstück, die keine gefährdeten Arten aufzuweisen haben, haben wenig Aussicht, als erhaltungswürdig eingestuft zu werden und haben keine Chance, Gehör zu finden in der Abwägung mit möglichen wirtschaftlichen Zielen. Der Naturschutz versucht zu retten, was noch zu retten ist, und ergibt sich seinem Schicksal. Die Konzentration der Argumentation auf gefährdete Arten nimmt zu, man versucht sogar, die "reine Lehre" auszubauen, indem man nicht nur die einzelnen Arten klassifiziert, sondern Unterarten und endemische Sippen in den gleichen Status wie die Arten erhebt, um so weitere Argumentationshilfen zu erhalten. Mir erscheint das nicht wie eine Stärkung der eigenen Position, wie eine Rückbesinnung auf die eigentlichen Ziele, sondern eher als Kapitulation vor der eigentlichen Aufgabe.

Das eigentliche Problem liegt vielleicht darin begründet, dass wir gar nicht einmal klar wissen, was man unter dem Begriff "Natur" überhaupt zu verstehen hat. Die Natur ist ein diffuses Sammelsurium von Vorstellungen, in dem von schwärmerischen Emotionsausbrüchen über ökologisch verbrämte Wertvorstellungen bis hin zu darwinistischem Nihilismus alles vertreten ist. Im Grunde genommen entbehrt die Naturschutzarbeit jeder vernünftigen Grundlage, weil jeder, der an Entscheidungen über naturrelevante Themen beteiligt ist, etwas anderes darunter versteht. Wie soll man sich gegenseitig wenigstens verständigen können, wenn man ständig aneinander vorbei redet? Es fängt schon damit an, dass wir uns daran gewöhnt haben, zwischen Natur und Nicht-Natur zu unterscheiden. Nur dadurch ist es zu verstehen, dass z.B. die Landwirtschaft ungehindert Böden und Gewässer vergiften kann, die Lebensbedingungen der Nutztiere vielfach der Tierquälerei gleich kommen, die Industrie und ihr Gefolge die Landschaft versiegelt, und, und, und .... Gar nicht zu reden davon, was im Zuge der Globalisierung weltweit im Namen des Fortschritts vor sich geht. Es gibt auf der Erde keinen einzigen Fleck, der nicht Natur ist. Nur weil wir es durch die Technik geschafft haben, riesige Flächen zu versiegeln, zu asphaltieren, die ursprüngliche Pflanzen- und Tierwelt auszurotten, ist doch immer noch alles und überall Natur. Sobald Strassen nicht mehr befahren werden, Bankette nicht mehr gemäht werden, wird sich in gar nicht allzulanger Zeit auch auf der sechsspurigen Autobahn wieder Wald einstellen. Für mich ist das wahre Natur: der Wille und die Kraft, jeden noch so lebensfeindlichen Fleck mit Leben zu erfüllen. Die schöne Landschaft, die seltenen und gefährdeten Arten sind nur äussere Erscheinung. Wie Goethe im Faust sagt: "der Gottheit lebendiges Kleid". Das Wesen der Natur ist mehr als die Summe der einzelnen Lebewesen. Doch das nur am Rande. Mit den grundsätzlichen Überlegungen hat das nichts zu tun.

Die Unterscheidung zwischen Natur und Nicht-Natur hat dazu geführt, dass die Natur zu einer Rest-Natur verkommen ist, wo alle gefährdeten oder vor dem Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten sich auf engem Raum zusammendrängen müssen. Diese Restflächen werden gehegt und gepflegt, während die übrigen Flächen der umso hemmungsloseren Nutzung preisgegeben werden. Landwirtschaft, Gewerbe, Industrie und Verkehr beanspruchen die unbeschränkte Verfügungsgewalt über ihren Teil der Landschaft ohne behindernde Auflagen. Der Naturschutz unterstützt diese Denkweise, indem er sich auf die sogenannten "wertvollen" Flächen beschränkt, d.h. indem er seine Zuständigkeit für die gesamte Fläche abgibt. Er lässt sich immer weiter in die Defensive drängen, indem er nur noch wenige Stellen verteidigt, diese aber dafür umso heftiger. Es scheint, als habe er für sich selbst bereits die Kapitulation vollzogen. In allen öffentlichen Äusserungen wird von Natur immer nur im Sinne von einem besonderen Teil dieser Natur gesprochen, von dem Teil nämlich, der aus irgendwelchen Gründen besonders geschützt werden muss. Wenn diese Trennung im Bewusstsein des Einzelnen und der Gesellschaft allgemein vollzogen ist, braucht man sich nicht mehr unmittelbar verantwortlich für sein Handeln in Bezug auf Natur und Umwelt zu fühlen. Denn es kommt hinzu, dass nicht nur die Flächen aufgeteilt werden, sondern auch die Verantwortung. Die Verantwortung für die Rest-Natur liegt in der Hand der Naturschutzbehörden und der Verbände. Es gibt detaillierte Gesetze, die alles genauestens regeln. Das entbindet den Einzelnen (ebenso wie einzelne juristische Personen - Gemeinden, Ämter, Firmen) davon, sich selbst seine Gedanken zu machen. Und es ist natürlich wesentlich bequemer, sich dort zu betätigen, wo man selbst nicht betroffen ist. Man kann sein gutes Gewissen getrost auf Flächen und Handlungen projizieren, die einem persönlich nicht im mindesten weh tun.

Es schadet der Sache des Naturschutzes, wenn man die Polarisierung zwischen Natur und Nicht-Natur unterstützt. Das ist keine Stärkung der eigenen Position, sondern ein Beharren in einer bereits angeschlagenen Verteidigungsstellung. Das alles soll nicht heissen, dass man den Schutz und die Pflege der bisherigen Flächen aufgeben soll. Das ist alles auch weiterhin wichtig, um ein Artenpotential zu erhalten, das bei günstigeren Verhältnissen wieder Ausbreitungsmöglichkeiten findet. Aber man darf sich der Diskussion nicht verschliessen, ob das die richtige Zukunftsperspektive ist. Man kann zwar den bisherigen konservierenden Schutz mit guten Argumenten begründen, aber jedes Argument lässt sich bei Bedarf mit einem Gegenargument entkräften oder zumindest relativieren. Und da haben andere, wie die Erfahrung zeigt, die Nase vorn. Ich bin überzeugt davon, dass wir eine offene Diskussion brauchen, was Natur bedeutet und wie wir unser Verhalten darauf einzustellen haben. Das ist kein philosophisches Geschwafel, wie mir von den konservativen Altvorderen immer wieder vorgeworfen wird, wenn ich versuche, etwas über das Wesen der Natur herauszufinden und dabei alte Konzepte in frage stelle. Auch für den Naturschutz wäre es besser, die Diskussion in den eigenen Reihen zu -führen, als sie sich von aussen aufdrängen zu lassen. Denn das würde nur dazu führen, dass man sich auch weiterhin auf Rückzugsgefechte beschränkt. Auf der Flucht ist noch keine Schlacht gewonnen worden.

2006

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