Ralph Eid, Landschaftsarchitekt

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Trichterfarn

Leben erleben –
Eine kleine Philosophie des Gartens

Sinneserfahrungen

Ich lege keinen besonderen Wert auf das Haus, in dem ich wohne. Es muss trocken sein und im Winter erträglich warm. Ob es modern oder altmodisch ist, ausdrucksstark oder nichtssagend, klein oder groß, ist mir persönlich zwar nicht unbedingt gleichgültig, aber auch nicht übermäßig wichtig. Das Haus muss mein körperliches Wohlbefinden befriedigen, es muss mir Schutz und ein Stück Geborgenheit bieten – viel mehr kann es kaum leisten. Das Haus gibt mir die Möglichkeit, mein Leben unabhängig von der Witterung zu führen. Wenn es draußen kalt ist, kann ich heizen, wenn es heiß ist, brennt mir trotzdem die Sonne nicht auf den Kopf. Wenn es draußen regnet, sitze ich im trockenen, am Abend und in der Nacht kann ich eine Lampe anknipsen und fühle mich erhaben über die unbedingte Macht der Natur, die dem Menschen in früheren Zeiten seinen Lebensablauf vorgeschrieben hat. Auch im Winter kann ich 18 Stunden am Tag Helligkeit genießen. Und dennoch beschleicht mich mitunter das Gefühl, in einem Gefängnis zu sitzen. Mit dem Haus habe ich mich abgetrennt und losgelöst von der Natur. Ich habe mich unabhängig vom Gängelband der Witterung und der Jahreszeiten gemacht und habe damit aber auch die Verbindung mit meiner eigenen Lebensgrundlage verloren. Im Haus bin ich abgeschnitten von allem, was mich mit dem Leben in der Natur verbindet.

Ich habe zwar Schutz und Unabhängigkeit gewonnen, die Verbindung mit dem Leben habe ich aber verloren. Die paar Zimmerpflanzen an den Fenstern oder im Wintergarten sind nur ein armseliger Ersatz.
Die raffinierteste Technik kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass meine Seele noch etwas anderes braucht, ohne das sie kläglich dahinkümmert. Das bekomme ich aber nur draußen, wo ich der Natur, besser gesagt: dem Leben in der Natur, unmittelbar begegne. Es ist etwas anderes, ob ich die Erscheinungen der Natur durchs Fenster aus gebührendem Abstand beobachte, von wo ich nur den visuellen Eindruck erhalte und somit mehr oder weniger abgeschnitten bin von der vollen Realität. Oder ob ich mittendrin stehe und mit allen Sinnen, wie das oft so pauschal ausgedrückt wird, das Geschehen wahrnehme.

Wenn ich nur mit den Augen meine Umgebung betrachte, ist das bereits eine ins Abstrakte abgleitende Erfahrung. Da ist schon vieles, was erst die Gesamtheit der Wirklichkeit ausmachen könnte, herausgefiltert. Diese Erfahrung ist deshalb um vieles objektiver, damit aber für mich persönlich realitätsferner. Was ich mit den Augen sehe, sieht jeder andere ebenso. Die Interpretation mag zwar unterschiedlich ausfallen, die einen oder anderen Details fallen dem einem mehr auf als einem anderen, der Schwerpunkt des Interesses wird bei verschiedenen Beobachtern vielleicht ebenso verschieden sein. Die unterschiedliche persönliche Beurteilung des Geschauten kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass alles, was geschaut wird, einen mehr oder weniger großen Abstand zum Geschehen hat. Nur durch den Abstand wird es objektiv. Aber eben dadurch verliert es in meiner Erfahrung an Realität.

Es ist etwas grundsätzlich anderes, wenn ich meine Umgebung nicht nur mit den Augen wahrnehme. Diese erweiterte Erfahrung ist unmittelbarer. Sie degradiert mich nicht in der gleichen Weise zu einem außen stehenden Beobachter, der nur aus der Entfernung wahrnimmt, aber nicht teil hat am Geschehen. Sie lässt mich miterleben, was um mich herum vorgeht. Die Luft, die ich atme, ist gleichzeitig draußen aber auch in mir drinnen. Sie erfüllt meinen Körper innerlich und wird mit dem Blut in den äußersten Winkel transportiert. Diese Luft ist immer anders. Sie ist mal frisch und belebend, mal schwül und drückend. Sie ist morgens mit Tau gesättigt, mittags dagegen trocken. Im Frühling kommt mir die Luft kraftvoll und rein vor und ich habe das Bedürfnis, tief durchzuatmen und die ganze Welt in mich aufzunehmen. Im Sommer empfinde ich die Luft fast schon verbraucht; da kommt die Kraft nicht mehr von außen auf mich zu, da bin ich selbst gefordert, Kraft in mir zu entwickeln und zu entfalten. Im Winter muss ich mich schützen – wenn die äußere Realität ungehindert auf mich eindringen würde, würde ich erfrieren.

Im Haus ist alles gleichmäßig abgetötet. Jahrein, jahraus die gleiche Wohlfühltemperatur, keine Höhen und Tiefen, immer gleichmäßiges Mittelmaß. Keine unmittelbare Empfindung, die mich innerlich ergreift und bewegt.

Was für die Luft gilt, die ich atme, gilt auch für den Duft, den ich mit der Nase aufnehme. Damit ich den Duft wahrnehmen kann, muss ich die Stoffe erst in mich aufnehmen. Es gibt da keine klare Trennung zwischen innen und außen. Die Umgebung wird zu einem Teil von mir. Oder – wenn man den Standpunkt geringfügig verändert – ich werde ein Teil meiner Umgebung. Was ich rieche, betrifft mich ungleich stärker als das, was ich sehe. Der Duft (oder der Gestank) provoziert in mir eine Reaktion, die ich nicht unmittelbar steuern kann. Wohlgefallen oder Abscheu sind nicht nur Sinneserfahrungen, sondern körperliche und organische Vorgänge. Ein zarter, lieblicher Duft weitet mein Wesen, um möglichst viel davon in mich aufzunehmen. Ein beißender Gestank weckt meinen Widerwillen, und ich versuche automatisch, eine scharfe Trennungslinie zwischen mir und der Außenwelt zu ziehen. Während ich mich öffne, tief einatme, um einen angenehmen Duft in mich aufzunehmen, und damit die Verbindung mit der Welt suche, provoziert der Gestank, dass ich am liebsten die Verbindung mit der Welt abbrechen möchte. Ich atme nur flach, um nicht mehr als nötig in mich hineinzulassen.

Ähnlich ist es mit dem Geschmack. Auch mit dem Essen nehme ich ein Stück von der äußeren Welt in mich auf. Ein angenehmer Geschmack fördert mein Wohlbefinden, ein unangenehmer macht mich im Extremfall krank. Trotzdem gibt es zwischen Geruch und Geschmack einen gravierenden Unterschied: Wenn ich meine Umgebung quasi einatme, den Duft in mich aufnehme und in mir wirken lasse, bleibt diese Umgebung trotzdem die gleiche. Die Wirkung meines Atems beschränkt sich auf mein eigenes Wesen. Der Duft bewirkt eine Hingabe an die Umgebung, aber keine Besitznahme. Da bin ich ein lebendiges Wesen inmitten von anderen lebenden Wesen. Pares inter Pares. (Ich setze stillschweigend voraus, daß der Duft von Pflanzen kommt, was in der Natur der Regelfall sein dürfte.) Beim Geschmack, beim Essen ist aber gerade das Gegenteil der Fall. Da mache ich mich zum Herrn über andere Wesen. Ich kann das andere Wesen nicht so gelten lassen, wie es ist, sondern muss es zerstören, um seinen Geschmack zu empfinden.

Das sind große Worte für gleichsam banale Tätigkeiten. Wenn ich einen reifen Apfel vom Baum pflücke, um ihn zu essen, brauche ich mir nicht erst Gedanken darüber zu machen, ob mein Recht auf Leben eine höhere Legitimation beinhaltet als das des Apfels. Im Übrigen wird er, wenn ich ihn nicht pflücke, zu Boden fallen und nutzlos verfaulen. Vielleicht ist ja das Lebensziel des Apfels gerade das, gegessen zu werden. Kein Grund, sich Gedanken zu machen.

Hier geht es aber in erster Linie um die Qualität der Erfahrung. Beim Essen, d.h. wenn ich meinen Geschmackssinn bemühe, ist das Objekt meines Sinnes da, um mir zu dienen. Beim Atmen, beim Geruch, ist es mehr eine Kommunikation mit dem anderen Wesen: Ich empfinde dieses Wesen, ich empfinde die Atmosphäre, und ich empfinde das alles als innerlich in mir selbst.

Mit den Augen sehe ich nur eine Projektion der Wirklichkeit. Es ist nur eine Fotografie, die ich in meinen Kopf lade. Die Wirklichkeit selbst bleibt draußen. Es ist mir zudem keineswegs bewusst, dass die Projektion dieser Wirklichkeit erst auf meiner Netzhaut erscheinen muss, bevor ich etwas wahrnehme. Eine völlig andere Qualität der Erfahrung ist es, wenn ich die Wirklichkeit in mich aufnehme und sie dann innerlich erlebe. Die Kommunikation mit der Außenwelt ist im zweiten Fall eine intensivere, aber auch eine subjektivere, weil ich nicht ohne weiteres trennen kann, was als Wahrnehmung von außen stammt, und was bereits durch den Filter meiner Gefühle, Vorlieben und Abneigungen hindurchgegangen ist und damit schon eine Mischung aus objektiver Wahrnehmung und subjektiver Interpretation ist.

Die übrigen Sinne kann man im Rahmen dieser Betrachtungsweise mit den Augen vergleichen. Der Ton, den ich höre, ist eine Schwingung in der Luft, die in meinem Ohr erst in mechanische Tätigkeit umgewandelt werden muss, bevor ich ihn wahrnehme. Und mit meinem Tastsinn komme ich zunächst auch nur bis an die Oberfläche eines Objektes.

Die Sinne offenbaren einen unterschiedlichen Ausschnitt der Wirklichkeit. Dabei ist es nicht so, daß verschiedene Aspekte der äußeren Wirklichkeit erfasst werden, wie das beim Hören, Sehen oder Tasten der Fall ist. Wer die "Welt mit allen Sinnen erfahren" will und dabei nur an das äußere Erscheinungsbild denkt, sieht die Welt immer noch recht einseitig. Hier geht es darum, den Schleier der äußeren Erscheinung ein kleines Stück weit zu lichten, um die Welt, die uns umgibt, besser kennen zu lernen. Die ersten Überlegungen über den Inhalt der Sinneserfahrung dürfen nicht zu dem vorschnellen Schluss verleiten, es mit einem weiteren Werk zur mystisch-sentimentalen Schwärmerei zu tun zu haben. Ich will nichts in die äußere Welt hinein interpretieren, was ich gerne sehen möchte. Genau so wenig bin ich überzeugt davon, dass die Realität der Welt bereits in der äußeren Erscheinung gegeben ist.

Auf den ersten Blick will es scheinen, als ob der Garten einer der schlechtesten Ansätze ist, um mehr über das Leben in der Welt zu erfahren. Immerhin ist der Garten, sofern er bewusst gestaltet ist, ein künstliches System. Künstlich gebaut und künstlich erhalten. Sobald die Pflege erlahmt, macht die wilde Natur ihr Recht wieder geltend: Gehölzsämlinge, die nicht mehr entfernt werden, wachsen heran und machen den ursprünglichen Gartenpflanzen das Leben schwer. Mit ihrem Laub beschatten sie lichthungrige Pflanzen und lassen sie kümmern. Ihr stärkeres und tieferes Wurzelwerk saugt Wasser und Nährstoffe aus größerer Entfernung und tieferen Bodenschichten und beraubt die angestammten Pflanzen ihrer Lebensgrundlage. In unserem Klimaraum steht am Ende dieser Entwicklung immer der Wald, der vielleicht tief und geheimnisvoll ist, der dem Menschen aber auch den Blick zur Sonne nimmt und die Öffnung seines Wesens in die Weiten des Raumes verhindert.

Auch die sog. Naturgärten wollen keineswegs die wilde Natur in den Garten zurückholen. Sie haben durchaus ein konkretes Bild dieser Natur vor Augen, was sie auf kleinem oder größeren Raum zu verwirklichen trachten. Auch dort wird gehegt und gepflegt, wenn auch bisweilen mit anderen Mitteln und geringerer Intensität. Dort wird beispielsweise ein fetter, bodenfrischer oder –feuchter Standort erst vom Mutterboden befreit und dann 40 bis 60 cm dick mit Schotter oder Kies überfüllt, um die Vegetation eines Trockenstandortes etablieren zu können. In den meisten Fällen gelingt das auch ganz gut, was trotzdem nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass hier die Pflege nur mit hohem technischen Aufwand vorweggenommen wird, indem der Standort dem Willen des Besitzers angepasst wird. Die Bezeichnung "Naturgarten" ist ein Widerspruch in sich.

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