Ralph Eid, Landschaftsarchitekt

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Moos auf Dachziegeln

Systeme

Vor einiger Zeit hatte ich die Gelegenheit, die Einweihung eines neuen Verwaltungsgebäudes einer regionalen Bank mitzuerleben. Da wurden ganz stolz die Bilanzen, die Einlagen und das Vermögen, die Geschäftsentwicklung und was einer Bank sonst noch besonders am Herzen liegt, vorgestellt. Die Bürgermeisterin und der Landrat hielten ihre Lobeshymnen, wie das bei solchen Anlässen so üblich ist. Am Ende der Zeremonie, kurz bevor man zum gemütlichen Teil mit opulenten Speisen und Getränken überging, kam die Stunde der Kirchen. Das neue Gebäude sollte den Segen der Kirche erhalten. Wenn man schon alles hat, wie die Geschäftszahlen das zuvor bereits unterstrichen haben, dann könnte für gewisse Unwägbarkeiten des geschäftlichen Lebens ein geistlicher Beistand u.U. recht hilfreich sein.

Ich war entsetzt über die Normalität, mit der beide Seiten diese Segnung behandelten. Die einzige Möglichkeit, diese Handlungsweise zu ertragen, ist es, sie als bedeutungslos zu betrachten. Dann aber sollte man darauf verzichten, wenn man vor sich selbst als aufrichtig bestehen will.

Hier stoßen zwei konträre Prinzipien zusammen, für die es keine irgendwie geartete goldene Mitte geben kann, sondern nur ein fauler Kompromiss, wenn man versucht, sie miteinander zu vermengen. Eine Bank ist rein betriebswirtschaftlich orientiert, bei ihr steht im Vordergrund der Gewinn. Auch wenn, wie es immer heißt, gerade die regionalen Banken den Mittelstand durch Gewährung von Krediten unterstützen, und damit die Wirtschaft fördern und für Arbeitsplätze sorgen, die jedem in der Region zugute kommen. Man sollte sich nichts vormachen: Im Vordergrund steht der Gewinnanspruch, alles andere ist nur eine Folge davon. Es ist das marktwirtschaftliche Prinzip von Adam Smith, das den Egoismus an die erste Stelle setzt und erwartet, dass aus den vielen einzelnen Egoismen im Zusammenspiel der Kräfte ein Segen für alle entsteht. (s.a. Naturerkenntnis - Selbsterkenntnis)

Etwa zur gleichen Zeit wie diese Einweihung fand der Vortrag eines Wirtschaftsprofessors statt, der die Ursachen der Bankenkrise darlegte und im Anschluss daran seine Strategie erläuterte, wie man sein Geld sicher und selbstverständlich mit guter Gewinnaussicht anlegen sollte. Er plädierte für den Kauf von Aktien von alteingesessenen europäischen Unternehmen wie Beiersdorf oder Nestle, die eine schlüssige Unternehmensstrategie verfolgen und daher den wetterwendischen Anlagestrategien nicht so stark ausgesetzt sind. Neben den Aktien schwärmte er von Gold als wertstabiles zweites Standbein bei der Geldanlage.

Ich glaube ihm, dass seine Anlagestrategie aufgeht. Er hat die Krise vorhergesehen und hat mit den Fonds, die von ihm aufgelegt wurden, trotz weltweitem Einbruch eine Wertsteigerung erzielt. Aber ist das wirklich das wichtigste? Er hat ganz stolz erzählt, dass er grundsätzlich keine Zeitungen liest, sondern Geschäftsberichte, damit er sich nicht durch tagespolitische Erscheinungen in seinen Entscheidungen beeinflussen lässt. Das ist bestimmt auch besser so, weil sich vielleicht sonst dann und wann sein Gewissen melden würde. Dann wüsste er, dass durch die Goldgewinnung Umweltschäden entstehen, die dem Chemieunfall in Ungarn, bei dem kürzlich durch den Bruch eines Auffangbeckens mehrere Quadratkilometer Land verseucht wurden, in nichts nachstehen. Die im Gegensatz zu dem Unfall in Ungarn tägliche Realität sind. Dann hätte er vielleicht auch den Film 'We feed the World' gesehen, in dem Nestle-Manager ganz ungeniert zugegeben haben, dass sie weltweit die Ernährungsindustrie unter Kontrolle bringen möchten. Wer ab und zu mal die Nachrichten verfolgt, kann sich in etwa ausmalen, was das bedeutet. Ich glaube nicht, dass es den meisten Menschen egal ist, von was sie finanziell profitieren, wenn sie um die Hintergründe ihres Einsatzes wüssten.

Geldanlagen, und damit auch die Banken, die damit ihr tägliches Geschäft bestreiten, haben keinerlei ethischen Anspruch (s.a. Geld). Ganz anders verhält es sich damit, was die Kirchen repräsentieren: Dort geht es um Hilfs- und Opferbereitschaft, um Barmherzigkeit, also um das genaue Gegenteil des egoistischen Prinzips, um altruistisches Handeln (s.a. Todeserfahrung). Nicht umsonst hat das frühe Christentum die Verleihung von Geld gegen Zinsen verurteilt.

Die Zeiten haben sich offenbar geändert. Statt einer Verurteilung wird heute der Segen erteilt. Man kann einwenden, dass jede Zeit ihre eigenen Anschauungen hat und damit auch zu unterschiedlichen Urteilen kommt. Und es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass die Banken für die Verteilung des Geldes eine wichtige Rolle spielen, ohne die die Wirtschaft stagnieren würde, weil für notwendige Investitionen kein Kapital zur Verfügung steht. Warum also sollten die Kirchen das nicht pragmatisch sehen und die Möglichkeit nutzen, die sich ihnen bietet, um Präsenz zu zeigen? Ein Ereignis wie diese Einweihung ist ja nicht auf die direkt Anwesenden beschränkt. Es geht durch die Presse, und da wird dann auch wohlwollend die aktive Rolle der Kirche erwähnt. Der Glanz, den die Bilanzen der Bank verbreiten, wirft auch ein paar Strahlen auf die Kirche ab.

Vor 2000 Jahren war das noch anders. Da hat der Herr der Kirche die Stühle und Tische der Wechsler und Händler umgeworfen und hat sie aus dem Tempel vertrieben. Auch das ist heute anders. Heute gehen die Priester in die Tempel der Wirtschaft, weil sie hoffen, dass für sie ein paar Brosamen von den reich bedeckten Tischen abfallen.

Ich möchte hier niemanden vor den Kopf stoßen, persönlich angreifen oder gar beleidigen. Es sind immer mindestens zwei verschiedene Ebenen, mit denen man es im Leben zu tun hat. Das eine ist die persönliche Ebene, wo Menschen mit Menschen zu tun haben. Diese Menschen sind eingesponnen in das gegenwärtige Gesellschaftssystem, in dem sie sich bewegen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und bisweilen, bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger, muss man Kompromisse machen und von seiner persönlichen Überzeugung abrücken, weil das Unternehmen, für das man arbeitet, das verlangt. So geht es dem Banker, der persönlich gerne einem ihm bekannten Unternehmer einen Kredit gewähren würde, weil er ihn für integer hält, der das aber nicht darf, weil die Sicherheiten fehlen. Und der für Unternehmen, deren Ranking aufgrund von Umständen, die sie gar nicht zu verantworten haben, nicht eben das beste ist, höhere Zinsen berechnen muss als einem anderen, dem es sowieso gut geht. Und ein Pfarrer würde vielleicht lieber offene Worte reden, als zu schmeicheln, wenn er nicht genau wüsste, dass ihm seine Schäfchen das übel nehmen würden. Noch dazu, da er aufgrund seiner religiösen Überzeugung weiß, dass die Mitarbeiter der Bank vom obersten Chef bis zum untersten Hilfspersonal allesamt seine Nächsten sind, denen er seine Hilfe nicht versagen darf.

Trotz allem darf man nicht übersehen, dass auf einer anderen Ebene sich zwei unterschiedliche Systeme gegenüberstehen. Und dort muss man klare Worte finden, weil es dort um nichts weniger als die Wahrheit geht. Nur wenn man bereit ist, der Realität ins Auge zu sehen, kann man hoffen, dass sich etwas zum besseren verändern wird. Man hat es hier nicht mehr nur mit handelnden Personen zu tun, sondern mit unpersönlichen Organisationen, die die Persönlichkeit des einzelnen in ihren Dienst zwingen. Nur wenn das durchschaut wird, kann man zu Ansätzen für Veränderungen gelangen. Tolstoi hat das in seiner 'Auferstehung' sehr schön beschrieben: Jeder, der aufgrund seiner Stellung ein bisschen Macht über andere Menschen hatte, sonnte sich in dem Gedanken, sein bestes für diese Menschen getan zu haben, obwohl er doch nur ein Rad im großen Getriebe des unmenschlichen Systems war und damit mitverantwortlich für die menschenverachtenden Zustände.

Die Segnung eines Gebäudes ist heute nur noch Tradition, ein Relikt aus einer anderen Zeit, in der die Kirche noch Einfluss auf das Leben der Menschen hatte. Heute hat sie keinen Einfluss mehr, weil sie selbst keine innere Kraft mehr hat, weil sie kein Selbstvertrauen aufbringen kann. Sie hat sich mit einem System arrangiert, das ihren Idealen diametral entgegengesetzt ist, um den Einfluss wenigstens vordergründig bewahren zu können. In einer materialistischen Welt ist ihr Bekenntnis abstrakt. Sie redet zwar noch von der Auferstehung Christi, kann aber dieses zentrale Ereignis ihrer Lehre nicht mehr konkret erklären. Sie hat es zugelassen, dass Glaube und alltägliches Leben zwei verschiedene Dinge sind, die nichts mehr miteinander zu tun haben. Sie unterstützt die Auffassung, dass man an Werktagen egoistisch denken und handeln darf, wenn man sich sonntags zum Glauben bekennt. Weil ja die Sünden durch den Glauben vergeben werden, und weniger durch glaubenskonformes Handeln.

Sie stützt damit im Wesentlichen das rein egoistische System der liberalen Marktwirtschaft und erwartet im Gegenzug Schutz und Geborgenheit durch den Staat. Sie will sich gar nicht mehr durch eigene Stärke im Kampf der unterschiedlichen Weltanschauungen behaupten. Auch in den aktuellen Diskussionen über die Multi-Kulti-Gesellschaft, angestoßen durch das Buch von Thilo Sarrazin ('Deutschland schafft sich ab'), ist ihr Einfluss eher verhalten. Auch sie setzt lieber auf Gesetze, die die Integration erzwingen. Man bräuchte keine Angst vor einer Islamisierung zu haben, wenn wir etwas entgegenzusetzen hätten. Dort wo auf der einen Seite eine tiefe Überzeugung ist, das richtige und wahre zu tun, ist auf der anderen Seite nur die Lust auf Wohlstand und angenehmem Leben. Aus der Überzeugung kommt der Mut zu entsagungsvollem Handeln. Man ist bereit, auf viele angenehmen Seiten des Lebens zu verzichten, weil man ein höheres Ziel vor Augen hat. Auf der anderen Seite kann man mit der Lust auf Wohlstand keinen Verzicht auf Wohlstand begründen. Und hier liegt die große Schwäche unserer Weltanschauung.

Ich will damit keineswegs einer fanatischen Weltanschauung das Wort reden. Eine fanatische Einstellung ist ebenso falsch wie keine Weltanschauung. Man darf aber auch nicht übersehen, dass die großen Bewegungen des letzten Jahrhunderts von religiösen Vorstellungen getragen wurden. Mahatma Gandhi ist nicht vorstellbar ohne die Verwurzelung im Glauben, das gleiche gilt für Martin Luther King. Obwohl beide einen sicheren Beruf hatten, King als Pfarrer und Gandhi als Rechtsanwalt, haben sie sich auf den unsicheren Kampf um ihre Überzeugung eingelassen. Bei allem blieben sie rational denkende Menschen, weit ab von jeglichem Fanatismus. Ein anderes Beispiel ist Albert Schweitzer. Er hat freiwillig auf eine Professur an der Universität Straßburg verzichtet, weil ihm der Dienst am Menschen wichtiger war. Er ging sogar so weit, alles aufzugeben und im Urwald von Zentralafrika weitab von aller Zivilisation sein Leben den armen und Kranken zu widmen. Dass er damit nicht auf jeglichen Einfluss verzichtet hat, zeigt die Verleihung des Friedensnobelpreises für sein Engagement für eine universale Ethik.

Auf der Ebene der Organisationen geht es, im Gegensatz zu der persönlichen Ebene, wo Menschen mit Menschen zu tun haben, mehr um Machtfragen, um Einfluss und Sicherheit. Eine Vermischung der Interessen ist dort problematisch. Das ist im kleinen, zwischen Kirche und Bank, ebenso der Fall wie im größeren Maßstab zwischen Kirche und Staat. Deshalb war die Trennung von Kirche und Staat richtig und ist es immer noch. Auf der Ebene des einzelnen Menschen wirkt sich die Trennung von Religion und Alltag aber fatal aus, weil der letzte Grund für verantwortungsbewusstes Handeln verloren geht. Eine Ethik, die auf rein weltlichen Grundsätzen heraus gelehrt wird, hat keine Wurzel und wird in Zweifelsfällen immer zum Scheitern verurteilt sein.

Wenn man vor der Wahl steht, seinen eigenen Vorteil höher zu stellen als den Schaden eines anderen, wenn man also zwischen Verzicht und der Durchsetzung eigener Interessen wählen muss, dann hat nur die religiöse Weltanschauung den nötigen Hintergrund, um diese Entscheidung frei von persönlichen Erwägungen zu treffen. Jede Entscheidung fällt letztendlich auf der persönlichen Ebene; auch wenn die Tragweite der Entscheidung weit darüber hinaus geht und mit dem konkreten Fall nicht mehr viel zu tun hat. Wenn z.B. ein 'Vermögensverwalter' Gold kauft, nur weil es eine sichere Geldanlage ist, obwohl er von den verheerenden Umweltschäden weiß, dann steht er vor der Wahl, sein Verhältnis zum Geld zu überdenken mit der Folge, sich nach einem anderen Betätigungsfeld umzusehen, oder sich mitschuldig zu machen an dem weltweiten Elend. Das ist zugegeben ein krasser Fall, mit dessen Tragweite die meisten Menschen nicht konfrontiert werden. Wer sich frühzeitig für eine verantwortungsvolle Sichtweise entscheidet, der hat nicht mit solch schweren Entscheidungen zu kämpfen wie einer, der tief ins System verstrickt ist und irgendwann merkt, dass auch er nicht unschuldig ist am Status quo.

Trotz aller Lauheit in der religiösen Überzeugung bei ungezügelter wirtschaftlicher Aggressivität, die die westliche Welt verbreitet, hat die christliche Anschauung, aus der ja das westliche System hervorgegangen ist, die Kraft für die persönliche Behandlung sowohl der Probleme als auch der Werte. Einer der zentralen Sätze im neuen Testament lautet: "Ich will mein Gesetz in ihr Herz legen; in ihren Sinn will ich es schreiben." Das Wohlergehen der Welt wird nicht einem Weltanschauungs-, bzw. einem sozialen System auferlegt, das dem einzelnen seine Handlungsweisen vorschreibt, es wird auch nicht in die Hände von Politikern abgegeben, sondern jedem einzelnen selbst. Albert Schweitzer hat das in einer Predikt über die anvertrauten Pfunde von einem etwas anderen Ausgangspunkt aus sehr schön erklärt. Auch da geht es um die Pflicht jedes einzelnen, seine Verantwortung wahrzunehmen, egal in welcher Position er sich befindet. Die vielen 'nutzlosen Guten' sind nicht nur ein Grund für Stagnation in der Gesellschaft, sondern auch eine Gefahr für sich selbst. Albert Schweitzer sagt von ihnen: 'In dem Augenblick, wo er das Dienen aufgibt und nur noch leben will, erlischt das Licht. Er muß im Dunkel seinen Weg suchen und ist innerlich haltlos und ziellos den Versuchungen und den Schicksalen des Lebens ausgeliefert, nicht mehr frei, innerlich über den Dingen stehend, sondern mit tausend Fesseln in das verstrickt, was das Leben ihm trügerisch als Lust und Glück und Befriedigung hinhält.' (s. Ethisches+ oder Experiment Freiheit)

(c) Oktober 2010

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