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Gegen den Strom (2)

Die Strömung ist in der heutigen Zeit besonders reißend geworden. Da gibt es welche, die sich der Strömung gewachsen fühlen. Denen es vielleicht noch nicht schnell genug geht. Die es genießen, allen voran zu schwimmen und nur die Schultern zucken, wenn sie andere ertrinken sehen. Und die Strömung wird immer schneller und unbarmherziger. Als treibende Kraft sieht man gerne die Wirtschaft, der sich alles unterordnen muß. Selbstherrliche Global Players kennen nur noch Wachstum und Profit. Sie sind die modernen Heuschreckenschwärme, die Menschen und Ressourcen ausbeuten und kahle Landschaften hinterlassen. Längst sind nicht mehr ausschließlich Entwicklungsländer betroffen, die in der Hoffnung auf dringend benötigte Devisen Land und Leute an die Konzerne verkaufen. Auch in den Industriestaaten bringt die Magie des Zauberwortes "Arbeitsplätze" alle Kritik zum Schweigen.

Es scheint, als gebe es nur noch die Wahl zwischen Anpassung oder Untergang. Viele lassen sich einfach mitreißen ohne nachzudenken. Selbst die Betroffenen, die um ihren Arbeitsplatz und damit um ihre eigene Existenz und die ihrer Familien bangen, unterstützen die Entwicklung. Mit dem Kauf von Aktien, dem Abschluss von Rentenversicherungen auf Fonds-Basis geben sie den Konzernmanagern die Macht in die Hand, der sie dann zum Opfer fallen. Wie der Hund, der die Hand leckt, von der er geschlagen wird. Der auf die Brosamen hofft, die vom großen Tisch herunterfallen. Ein Teufelskreis, der sich selbst beschleunigt. Vieles in diesem Teufelskreis entspringt einem Gefühl von Ohnmacht. "Was kann ich schon erreichen als kleines Rad im Getriebe?" wird sich mancher fragen und sich weiterhin auf sich selbst beschränken und dafür sorgen, daß er am Leben bleibt und nicht selbst in den Abwärtssog gerät. Nicht einmal durch die Stimmabgabe bei Landtags-, Bundestags- oder EU-Wahlen hat man Einfluß auf wichtige Weichenstellungen. Echte Alternativen zum bestehenden System sind nicht zu sehen. Wenn ich nur die Wahl zwischen dem größeren und dem kleineren Übel habe, dem schnelleren oder langsameren Ertrinken, dann kann ich getrost zuhause bleiben und damit wenigstens deutlich machen, daß ich die Machtspiele durchschaue und nicht bereit bin, mich auch noch daran zu beteiligen.

Als Grundübel für die verfahrene Situation wird allzu gerne der zunehmende Egoismus ausgemacht: Jeder denkt nur noch an sich selbst. Doch so einfach sollte man es sich nicht machen. Es stimmt zwar, daß die Menschen in unserer Zeit individueller werden. Die alten Werte und Traditionen, die gegen jeden Zweifel erhaben waren, haben an Geltung verloren. Was Kirche und Staat gepredigt haben, wird nicht mehr unwidersprochen hingenommen. In dieser Entwicklung ist eine, vielleicht die wichtigste Zeitströmung zu finden. Die Menschen werden zunehmend freier in ihrem Denken und Handeln. Das ist nichts schlechtes, sondern ein notwendiger Schritt zum wahren Menschsein. Johann Gottfried Herder hat in diesem Sinne den Menschen als den ersten Freigelassenen der Schöpfung bezeichnet. Es ist bestimmt kein Zufall, daß das Wort von der Selbstverwirklichung eine große Bedeutung erlangt hat.

Mit der Freiheit von alten Bindungen beginnt zwangsläufig die Suche nach neuen Werten. Und die muß nun jeder für sich selbst finden. Es wäre ja sonst keine echte individuelle Freiheit, wenn die alten Autoritäten einfach durch neue ausgetauscht würden. Was nicht heißen soll, um diesen Einwand gleich vorweg zu entkräften, daß es keine Autoritäten mehr geben darf. Nur müssen diese Autoritäten selbst gefunden werden. Sie sind nicht mehr im System der Gesellschaft vorhanden. Damit ist das Hauptproblem angesprochen: Wer einerseits die alten Werte verloren hat, aber nicht weiß, daß die neuen Werte nur durch ein aktives Suches danach gefunden werden können, der verliert sich leicht im Beschauen seiner selbst. Der sieht Selbstverwirklichung nicht als geistige Suche nach dem Sinn des eigenen Lebens und damit auch der gesamten Menschheit, was in dieser Form nicht auf unsere jetzige irdische Existenz beschränkt ist, sondern diese weit überschreitet. Er sieht sie nur in einem möglichst sicheren und angenehmen materiellen Leben und verfällt erst dadurch einem Egoismus, der ihn in sich selbst vereinsamt. Wer Freiheit so versteht, daß er endlich tun und lassen kann, was er will, der hat den wahren Sinn der Freiheit noch nicht verstanden. Wer nur das tut, was ihm nützt, was ihm Freude oder Genuß bereitet, der ist gefangen in seinen Begierden. Auch wer sein Tun und Handeln von Haß, von Selbstsucht und anderen archaischen Trieben beeinflussen lässt, ist noch lange nicht frei. Ähnlich ist es mit der Angst. Sie lähmt die Bewegungen, und zwar nicht nur die des Körpers, sondern v.a. die des Willens. Wer von Angst erfüllt ist, kann keine freien Entscheidungen treffen. Alle diese Eigenschaften und noch manche andere stehen der Freiheit im Weg, weil sie den Blick auf die Wahrheit trüben. Sie verhindern die klare, objektive Erkenntnis der eigenen Situation und des Seins.

Die östlichen Religionen sehen in der materiellen Weltanschauung die Hauptursache für die Unfreiheit der Seele. Für sie ist die Welt, wie wir sie sehen, nur äußerer Schein, Täuschung oder Maya. Wahrheit und Wirklichkeit existieren für sie nur auf der geistigen Ebene, dort wo die Ursachen für die Erscheinungen zu finden sind. Sie streben daher nach Befreiung von der Welt, sie suchen den Weg zurück zu den Wurzeln des Seins, zu der Quelle. Sie sind bereit, dafür ihr Selbst aufzugeben und im Nirwana ewige Ruhe zu finden. Die westlichen Religionen sehen die Problematik auch. Aber sie suchen den Weg nach vorne. Auch hier bedeutet Freiheit ein Frei-werden von allem, was die Erkenntnis des wahren Seins trübt. Dabei ist diese Erkenntnis jedoch nicht das Ziel, sondern nur eine Stufe auf dem Weg zu einem höheren Bewußtsein, wo das Selbst, das individuelle Ich nicht ausgelöscht werden muß, um frei zu werden. Durch das Frei-werden macht sich der Mensch offen für ein göttliches Licht, das ihm den Weg zu seiner wahren Bestimmung zeigt. Das ist ein Bewußtsein, das im Christentum als "Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft" bezeichnet wird. Erst wenn der Mensch seinen kleinlichen, befangenen Willen von allen selbstsüchigen Trieben geläutert hat, ist er in der Lage, sich von einem göttlichen Willen durchstrahlen zu lassen. Das Ziel ist nicht eine Ruhe in ewiger Beschaulichkeit, sondern eine von aller Selbstsucht befreite Tätigkeit, die sich einem höheren Willen ergeben hat.

Sobald man eine Ahnung von dieser Art Freiheit erlangt, hat der Egoismus, der den Menschen dazu zwingt, nur an sich selbst zu denken, viel von seiner bestimmenden Macht verloren. Und wenn man nicht mehr krampfhaft an sein eigenes kleines Leben denken muß, kann man sein neues Wissen dazu einsetzen, anderen zu helfen. Nicht, weil man jetzt über den anderen steht, sondern weil man sein bisheriges Leben nicht vergessen hat. Man erinnert sich, wie dankbar man denen ist, die einem auf die eine oder andere Weise helfen konnten. Diesen kann man seine Dankbarkeit vielleicht nicht mehr zeigen. Aber man kann versuchen, anderen zu helfen, die vielleicht gerade dabei sind, die Orientierung zu verlieren, weil sie überall um sich herum nur selbstsüchtiges Treiben wahrnehmen. So mancher wird kraftlos in der Strömung und verliert die Orientierung. Wenn man nur noch ums Überleben kämpft, dann verliert man schnell den Überblick und ist nicht mehr in der Lage, die eigene Richtung frei zu bestimmen. Aber gerade dort, wo die Strömung besonders gefährlich ist, braucht man seine ganze Kraft, um nicht unterzugehen. Man muß Hindernissen ausweichen, muß sich vor Stromschnellen hüten, die einen packen und in die Tiefe reißen. Je schneller der Strom wird, desto wichtiger sind Menschen, die den Überblick behalten. Vorbilder, die anderen zeigen, wie sie ihre eigene Kraft gebrauchen. Nicht wie so viele, die sich aus der Entwicklung ausgeklinkt haben. Sie müssen nicht mehr mitkämpfen, vielleicht weil sie schon in Rente sind, weil sie einen sicheren Arbeitsplatz haben, vielleicht auch, weil sie eine Nische besetzt haben, die ihnen keiner streitig macht. Man hört nichts von ihnen, weil sie sich selbst genügen. Viele von diesen sind in Gefahr, einem subtileren Egoismus zu verfallen, der sich erhaben dünkt über die Machtkämpfe in der Welt. Sie stehen über den Dingen und sehen von oben auf die anderen herab. Auch das ist eine schlimme Art von Eigenliebe.

Einige davon haben sich in ihren Garten zurückgezogen, wo sie biologisch gärtnern; ein Stück heile Welt, in der sie von der umgebenden Flut scheinbar geschützt sind. Ich denke da z.B. an die Kleingärtner, die in einer stillen Bucht bleiben wollen und sich selbst genügen. Sie glauben, mit ihren eigenen gesunden Nahrungsmitteln der allgemeinen Zerstörung trotzen zu können und merken doch nicht, daß sie schon längst abgeschnitten sind von der Entwicklung. Und ich denke auch an meine Freunde, die Naturschützer. Die glauben, durch Erhaltung einiger weniger Naturreservate einen wichtigen Beitrag zu leisten, um die Welt zu verbessern. Aber auch sie haben sich in eine abgelegene Bucht zurückgezogen, derweil der Strom weiter seine Mäander zieht und über kurz oder lang auch die einstmals ruhigen Buchten in seine Gewalt zwingt.

Wer in unserer Zeit den Kopf noch über Wasser halten kann - ich bin sicher, das sind gar nicht einmal wenige - , der hat eine Verantwortung denen gegenüber, die die Gefahren nicht sehen können. Auch derjenige, der sich zurückzieht in sein selbstgemachtes Paradies, ist letztlich mitverantwortlich für das, was geschieht. "Unterlassene Hilfeleistung" könnte man auch dazu sagen.

(c) ca. 2004

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