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Sonnenuntergang

Fressen oder gefressen werden

Beobachtungen alleine, auch akribisch detailgenaue, bringen noch keine Erkenntnis. Man kann Erscheinungen sehen, und braucht sie doch noch lange nicht zu verstehen. Der Lauf der Sonne und der Versuch, ihn verständnisvoll zu erfassen, bringt die ganze Problematik unserer Erkenntnisfähigkeit zu tage. Man sieht die Sonne morgens im Osten aufgehen und abends im Westen untergehen. Lange Zeit war man der Meinung, sie ziehe auf einem unsichtbaren Weg jeden Tag von neuem ihre Bahn über der Erde, die man sich als eine Scheibe vorstellte. Die allenthalben zu beobachtende Schwerkraft war die Bestätigung für diese Vorstellung: Es gab ein oben und ein unten. Die Vorstellung, daß die Erde eine Kugel sei, wäre absurd gewesen. Jeder, der auf der anderen Seite der Kugel steht, müßte doch ins Nichts fallen. Eine weitere Bestätigung waren große Wasserflächen, Seen und Meere. Wasser ist immer eben. Und wer mit dem menschlichen Maß eine große Wasserfläche betrachtet, wird nicht auf den Gedanken kommen, daß die Oberfläche gekrümmt sein könnte.

Es paßte alles zu dem Bild der Scheibe, und doch ist es falsch. Als man anfing, die Schwerkraft anders zu interpretieren, bekam die Erde und das ganze Universum plötzlich eine völlig andere Gestalt. Obwohl die Anschauung und die gesamte Vorstellungskraft dagegen sprach, mußte man sich - nach schweren Geburtswehen - zu der neuen Sicht durchringen. Man sollte daraus lernen. Die Beobachtung, also die Tatsachen, sind nicht das gleiche wie ihre Interpretation. Die Interpretation ist oft subjektiv, gedankenlos, naiv. Und vieles ist nur deshalb wahr, weil viele daran glauben - nicht, weil es bewiesen ist. Man übernimmt einfach vieles, weil irgendwelche Autoritäten das als Wahrheit vertreten. Oder weil die Masse der Meinungen die eigene Meinung erdrückt. Was alle glauben, muß einfach richtig sein, sonst würden ja nicht alle daran glauben. Ein Zirkelschluss, der nur schwer zu durchschauen ist. Manches, was allgemein als Wahrheit akzeptiert ist, ist noch nie bewiesen worden.

Eines zeigt sich am Beispiel von der Erde und der Sonne ganz besonders deutlich: Was jedem offensichtlich ist, was von vornherein klar und einleuchtend ist, weil man es täglich mit den eigenen Augen sieht, weil man es gewissermaßen mit Händen greifen kann, ist allzuoft nur eine plumpe Täuschung. Die Wahrheit zu erkennen, die Täuschung zu durchbrechen, erfordert geistige Anstrengung, den Willen und die Fähigkeit zur Abstraktion, die innere Kraft, sich gegen alle Konvention zu stellen und die allgemein akzeptierte Autorität - bei allem Respekt für deren Leistung - anzuzweifeln. Mit dem Bild, das wir im Allgemeinen von der Natur haben, scheint es ähnlich zu stehen. Überall meint man zu sehen, wie das Recht des Stärkeren in der Natur regiert. Fressen oder gefressen werden ist das Motto, nach dem das Leben in der Natur abläuft. Jedes Wesen denkt nur an sich, die einzige Ausnahme sieht man in der Brutpflege. Die eigenen Nachkommen werden umsorgt, ansonsten muß jeder ums Überleben kämpfen, ohne nach rechts oder nach links zu schauen.

Man könnte meinen, es wäre unerheblich, welches Bild wir von der Natur haben. Schließlich funktioniert die Natur unabhängig davon, wie wir über sie denken. Wenn da nicht die Evolutionstheorie wäre, nach der wir Menschen uns aus einem gemeinsamen Stamm mit dem Tierreich entwickelt haben. Wir sind zwar das vorläufige Endergebnis dieser Entwicklung, aber eben lang nicht so vollkommen, wie wir das lange Zeit gedacht haben. In unserem Unterbewußtsein schleppen wir noch jede Menge archaischer Triebe mit uns herum, die wir von den Tieren der Wildnis geerbt haben und die unser Denken und Handeln zumindest beeinflussen, wenn nicht gar bestimmen. Wie soll der Mensch gut sein, erhaben über die niederen Triebe, wenn sie doch in seinen Genen allzeit präsent sind? Ist der Mensch überhaupt in der Lage, anders zu sein als seine Natur von ihm fordert? Mir schien es immer, als sei diese Argumentation eine billige Ausrede für Menschen, die ihre archaischen Triebe ausleben wollen, vielleicht weil sie zu bequem sind, dagegen anzukämpfen, oder weil sie nicht bereit sind, Verzicht zu üben und anderen auch ihren Platz im Leben zu gönnen. Entwicklung bezieht sich ja nicht ausschließlich auf den Körperbau, sondern auch auf die geistigen Fähigkeiten. Und auch der Teil der geistigen Fähigkeiten, die durch Erziehung und durch das kulturelle Leben erlernt werden müssen, gehört zu dieser Entwicklung dazu. Gerade das ist ja der große Unterschied zwischen Tier und Mensch, daß nämlich das Tier weitgehend seinem Instinkt, also dem was ihm angebohren ist, gehorchen muß, der Mensch aber seine Instikte, also das was seine Gene ihm vorschreiben, beherschen und überwinden kann, sofern er das will. Das entscheidende dabei ist der freie Wille. Die Entwicklung des Menschen ist abhängig von seiner eigenen Willensanstrengung. Aber das nur am Rande. Es geht mir hier eher darum, das Offensichtliche in der Natur von einem anderen Standpunkt aus zu beleuchten. Es ist ja ein starkes Argument, daß der Mensch seinen Genen unterworfen ist und die freie Willensentscheidung damit in frage gestellt wird. Wenn die Lage von vornherein aussichtslos ist, lohnt es sich nicht mehr zu kämpfen. Vielleicht ist das das Gefährlichste an dieser Anschauung. Sie nimmt einem den Mut, den Kampf gegen die eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten, gegen das Tier in sich selbst aufzunehmen.

Wenn man einmal versucht, den Kampf ums Dasein, das Fressen und gefressen werden, als Täuschung zu durchschauen, dann verliert das Argument der Abhängigkeit von den Genen seine erdrückende Schwere und es wird leichter, sich zu freier Selbstbestimmung zu bekennen. Einer, der diesen Versuch unternommen hat, war Leo Tostoi, eher bekannt als Schreiber von Weltliteratur wie "Krieg und Frieden", "Anna Karenina", u.a. Er hat sich nicht damit zufrieden gegeben, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Er beschreibt die Abläufe in der Natur nicht aus der Sicht der Täter, also derjenigen, die fressen, sondern aus der Sicht der Opfer. Für ihn ist das aber nicht einfach ein passives gefressen werden, sondern ein aktives Dienen: Ein Lebewesen dient dem anderen mit dem eigenen Leben.

Wenn man sich auf das einzelne Lebewesen konzentriert, sieht man nur das Fressen und gefressen werden. Und ein höherer Zusammenhalt kann einem gar nicht in den Sinn kommen. Wenn man aber seinen Blick auf die Gesamtheit richtet, erscheint der gleiche Sachverhalt in einem ganz anderen Licht. Die Schwachen, die Diener sind es, die die Welt zusammenhalten. Ihr Opfer ist der Motor, der die Entwicklung am Leben erhält. Die Welt würde auseinanderbrechen, wenn nur die Starken die Entwicklung bestimmen würden. Die Natur ist ein großer Organismus, der sich seit Urzeiten von selbst erhält. Was passiert, wenn die Starken alleine die Richtung bestimmen wollen, hat erst der Mensch vorgemacht. Unsere Gesellschaft wird immer intensiver durch das Recht des Stärkeren bestimmt, der alles an sich rafft, was er bekommen kann. Der immer mehr besitzen will, als er zum Leben braucht. Man muß kein Pessimist sein, um die Folgen deutlich zu erkennen. Weltweit konzentriert sich der Reichtum bei immer weniger Menschen, immer mehr verfallen der Armut. Ausbeutung und soziale Härten nehmen zu, die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen schreitet immer weiter voran. Das Recht des Stärkeren hat im wahrsten Sinne die Atmosphäre überhitzt und wird letztendlich auch den Starken zum Verhängnis werden.

ca. 2005

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