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Waldsterben am Lusen

Wahrheit

Die Bilder von Rachel und Lusen im Bayerischen Wald sind auf den ersten Blick erschreckend. Umso mehr, wenn man weiss, dass das Waldsterben, wie es hier so schonungslos sichtbar ist, menschenverursacht ist. Es waren die Schwefelemissionen, die den sauren Regen bewirkten - die Hauptursache für das Waldsterben in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Borkenkäfer sorgt heute für den Rest. Dazu kommt vielleicht die Sorge, dass das erst der Anfang ist. Wohin wird das noch führen, wenn dem allen kein Einhalt geboten wird. Erst der saure Regen, dann der Klimakollaps: die Aussichten sind beängstigend. Der Mensch mit all seinen Bedürfnissen und Wünschen richtet die Erde zugrunde.

Nationalpark Bayerischer Wald am Lusen
Nationalpark Bayerischer Wald am Lusen
Nationalpark Bayerischer Wald am Lusen
Nationalpark Bayerischer Wald am Lusen

Der tote Wald ist nichts endgültiges. Wer genau hinschaut, sieht zwischen den toten Bäumen, die das Bild beherrschen, neues Leben keimen. Während im Dunkel des gesunden Waldes nur wenige Pflanzen Lebensmöglichkeiten finden, lässt das entlaubte Blätter- und Nadeldach das Sonnenlicht bis zum Boden gelangen. Und schon spriessen neue Pflanzen an allen Ecken und Enden. Die Natur braucht den Tod, um Platz für neues Leben zu erhalten. Es wäre verfehlt, diese Prozesse zu bewerten. Der Tod einer Pflanze oder eines Tieres hat keine moralische Bedeutung. Es ist nicht schlecht oder böse, wenn eine Pflanze oder ein Tier sterben muss, aus welchen Gründen auch immer. Die Umkehrung gilt dabei genauso wenig: Es ist auch nicht gut, wenn ein Individuum vom Tod eines anderen profitiert, sei es, um sich Platz zu verschaffen für weiteres Wachstum, wie es bei den Pflanzen oft der Fall ist, oder sei es, um sich zu ernähren, wie das eher bei den Tieren das vorherrschende Prinzip ist. Die Natur ist wertneutral, in der Natur gibt es kein gut oder schlecht, sondern nur beständiges Fliessen, Werden und Vergehen. Auch das tote Holz des Waldes dient anderen Lebewesen als Nahrung und geht nicht verloren in diesem Kreislauf der Wandlungen. Alles ist Tätigkeit. Und diese Tätigkeit ist das Leben. Nur das Leben ist etwas reales. Der Tod ist nur eine vorübergehende Erscheinung, die einzelne Individuen betrifft, die aber keine Auswirkungen auf das Leben an sich hat. Man darf also nicht sagen: die Natur ist hier zerstört. Das, was die Natur im eigentlichen Sinne ausmacht, nämlich das Leben als allgemeine Kraft, die über alle zerstörerischen Wirkungen triumphiert, kann nicht zerstört werden. Was hier zerstört worden ist, ist lediglich eine Äusserung der Natur, eine von vielen äusseren Formen. Eine andere Form ist gerade im Werden.

An diesem Beispiel bekommt man einen Einblick in die Zusammenhänge, wie die Betrachtungsweise einer Situation Auswirkungen hat auf die Schlüsse, die man daraus zieht. Sobald ich als Mensch eine Situation betrachte, bekommt sie automatisch eine moralische Qualität. Ich kann mich nicht daneben stellen und teilnahmslos zuschauen, ohne zu bewerten. Einerseits bin ich selbst ein Teil dieser Natur und alles, was dort geschieht, betrifft auch mein eigenes Leben. Andererseits kann ich mich nicht der Einsicht entziehen, dass ich mit meinem (wirtschaftlichen) Leben für die Situation mitverantwortlich bin. Und dennoch: Wer in erster Linie den sterbenden Wald sieht, versperrt sich den Blick auf die positiven Kräfte der Natur. Der nach rückwärts gewandte Blick des Bewahrens von Bestehendem führt leicht dazu, dass Neues grundsätzlich mit Misstrauen belegt wird, das alte dagegen kritiklos als das bessere angesehen wird. Die andere Blickrichtung allerdings, sofern sie ebenso einseitig erfolgt, führt auch in eine Sackgasse. Wer sein Hauptaugenmerk auf das entstehende Neue legt, wird leicht die Verantwortung übersehen, die auch er für das Bestehende hat. Er verkennt die Würde des Alten. Der ausschliessliche oder vorwiegende Blickwinkel nach rückwärts oder vorwärts ist vielleicht ausreichend, um sich eine Meinung zu bilden. Sie wird aber immer nur eine Meinung bleiben, ohne konkreten Bezug zur Realität, und nie zur Wahrheit werden, solange sie die Einseitigkeit nicht überwindet. Eine einseitige Blickrichtung, ob nach rückwärts oder nach vorwärts, wird immer unvollkommen bleiben. Nur die unbefangene Beobachtung in alle Richtungen hat die Chance, sich der Wahrheit zu nähern. Und dann wird man oft merken, dass, wie in diesem Beispiel, beide Betrachtungsweisen gleich richtig oder auch gleich falsch sind. Weil die Wahrheit nämlich auf einer ganz anderen Ebene zu suchen ist. Es ist ein fataler Irrtum zu glauben, dass die Wahrheit aus der Vermischung (im Sinne einer Synthese nach These und Antithese) von zwei oder mehreren Einseitigkeiten abgeleitet werden kann. Wer sich mit einer blossen Meinung über einen Sachverhalt begnügt, dem sei das unbenommen. Fragwürdig wird das aber, wenn derjenige Entscheidungen treffen muss, die nicht nur ihn persönlich betreffen, sondern auch andere, seien das nun Menschen oder "bloss" andere Lebewesen.

Man muss im Grunde zwei Dinge streng voneinander unterscheiden. Das eine ist die Beobachtung der Vorgänge in der Natur. Dort hat eine Bewertung, die sich gezwungenermassen an menschlichen Massstäben orientiert, nichts verloren. Die Natur ist, wie sie ist: weder schön noch hässlich, weder gut noch schlecht, weder wertvoll noch wertlos. Die Qualität einer Situation beginnt erst beim Menschen. Wenn ich als Mensch in irgendeiner Weise eingreife in die Zusammenhänge der Natur, dann bekommt dieser Eingriff tatsächlich einen Wert. Und streng genommen muss man sagen, dass jeder Eingriff von negativer Qualität in Bezug auf die Natur ist, weil er die Lebensprozesse stört. Ein Unterschied besteht nur in der Schwere des Eingriffes. Ein paar Bäume zu fällen, um Bauholz oder Brennholz zu erhalten, hat kaum Auswirkungen, weil die Lücken sich von selbst schnell wieder schliessen. Den Wald grossflächig zu roden, weil das wirtschaftlicher ist als die Einzelentnahme, kann durchaus gravierende Auswirkungen haben, da die kleinklimatischen Bedingungen verändert werden. Die Spätfrostgefahr auf der freien Fläche nimmt zu, bei Niederschlägen versickert weniger Wasser und der Abfluss steigt entsprechend an. Auf extremen Standorten, wie hier in den Höhenlagen der Mittelgebirge und noch extremer im Hochgebirge kann der Wald durch solche Massnahmen auf Dauer geschädigt werden. Noch gravierender sind die Auswirkungen in den Tropen, weil die Böden dort extrem ausgemagert sind und mit dem Wald auch der gesamte Nährstoffvorrat verschwindet. Inwieweit sich am Lusen der Wald wieder erholt, kann jetzt noch gar nicht sicher vorhergesagt werden. Die Naturverjüngung funktioniert zwar augenscheinlich, ob sie auf Dauer vital bleibt, wird aber erst die Zukunft zeigen. Die moralische Bewertung des Tun und Handelns beginnt erst beim Menschen. Und dort sind die Defizite in der Tat gewaltig. Der Mensch hat die Fähigkeit, die Tragweite seines Handelns zu überblicken, abzuwägen zwischen seinem Nutzen und dem der/des anderen. Er kann sich frei machen von dem reinen Triebleben, das nur das Überleben im Sinn hat. Wenn er will, kommt bei ihm eben nicht zuerst das Fressen und erst dann die Moral. Dabei drängt sich mir das Bild von zwei Personen auf, die mit dem Rücken zueinander stehen. Jeder der beiden sieht ein reales Bild, und doch sind beide Realitäten vollkommen verschieden voneinander. Ein annähernd wirklichkeitsgetreues Bild ergibt sich erst, wenn beide sich miteinander austauschen, oder noch besser, wenn der eine zeitweise den Blickwinkel des anderen übernimmt. Ich erkenne bei diesem Bild auch immer wieder eine Parallele zu den politischen Diskussionen. Auch dort gibt es zwei (oder auch mehr) Parteien, die eine bestimmte Situation auf ihre ganz persönliche Weise beurteilen. Es kommt mir oft vor, als hätten beide recht mit ihrer Sicht der Dinge, obwohl sie völlig unterschiedliche Ansätze verfolgen. Gerade in Zeiten anstehender Wahlen werden immer wieder Standpunkte ausgetauscht, ohne auch nur im Ansatz auf die Sichtweise des oder der anderen einzugehen. Aktuelles Beispiel ist die Einführung flächendeckender Mindestlöhne. Von der FDP wird immer wieder die Friseuse angeführt, die für ein paar Euro in der Stunde arbeiten muss. Wenn sie plötzlich Mindestlohn bekommen müsste, würden viele Arbeitsplätze wegfallen, weil die Bereitschaft der Kunden, fürs Haareschneiden auf einen Schlag das Doppelte zahlen zu müssen, sehr gering sein dürfte. Also, so das Argument, bedrohen Mindestlöhne Arbeitsplätze und belasten durch die damit entstehenden Kosten die Sozialausgaben des Staates. Die Argumentation ist leicht nachzuvollziehen; auch ich glaube, dass die beschriebenen Auswirkungen sich in diese Richtung bewegen würden. Wenn man die Situation nur aus der Sicht der finanziellen Folgen betrachtet, ist diese Schlussfolgerung zwingend.

Aber eben einseitig. Was hier überhaupt nicht zur Sprache kommt, ist die Menschenwürde. Wie es scheint, ist die in gewissen Kreisen kein Kriterium. Wer Vollzeit arbeitet, aber weniger verdient, als er zu seinem Lebensunterhalt braucht, der dem gesellschaftlichen Mass entspricht, der wird zur Arbeitsmaschine degradiert. Eine Gesellschaft, die solche Zustände ohne mit der Wimper zu zucken toleriert oder sogar gutheisst, hat keinen Bestand; der Zerfall ist damit vorprogrammiert. Das ist heute deutlich zu erkennen. Dem setzt die Linke ihre Dogmatik entgegen. Sie legt den Schwerpunkt ihrer Analyse auf das Missverhältnis in der Entlohnung für Arbeitsleistung und hat damit ebenfalls recht. Allerdings sind die vorgeschlagenen Lösungsansätze ebenfalls einseitig und damit fragwürdig. Die Lösung bezieht sich auch nur auf finanzielle Rechenoperationen. Die Menschenwürde wird auf den Verdienst reduziert. Für die Betroffenen wäre das zwar eine grosse Erleichterung, eine Lösung des generellen Problems wäre damit allerdings noch lange nicht in Sicht. Die Parteien der Mitte pendeln mal zu der einen, mal zu der anderen Seite, sind aber auch nicht in der Lage, eine wirkliche Synthese zu finden. Die Menschenwürde hängt zwar damit zusammen, dass man sich, so man es auch wirklich will, mit seiner Arbeit einen angemessenen Lebensunterhalt verdienen kann, ohne der ständigen Sorge um die Zukunft; wobei ich mit angemessen nicht das Existenzminimum meine, das zuviel ist zum Sterben, aber eben auch zu wenig zum Leben. Die Menschenwürde besteht nicht ausschliesslich aus dem Verdienst. Mitgefühl, Verständnis, Anteilnahme entstehen nicht automatisch mit einem geregelten Einkommen. Im Gegenteil: Die Geschichte der Ellenbogengesellschaft zeigt, dass Mitgefühl, Verständnis oder Anteilnahme mit steigendem Verdienst eher abnehmen als zunehmen. Wer wenig bis nichts hat, ist leichter bereit, zu teilen als der, der einen grossen Besitz zu verteidigen hat.

Und damit schliesst sich der Kreis von der Natur an Rachel und Lusen zum Mensch-Sein. Hier wie dort ist die Wahrheit hinter den Erscheinungen verborgen. Die sichtbare Erscheinung muss erst durchdrungen werden, um der Situation gerecht zu werden. Wer den Menschen, um den es in der Politik ja in erster Linie geht, einseitig entweder als Steuerzahler oder als Sozialleistung erhaltendes Wesen betrachtet und behandelt, wird dem Menschen nie gerecht werden. Ebenso wenig, wie der nie die Natur verstehen wird, der immer nur das äussere Bild betrachtet. Da hilft das geballte Detailwissen wenig, das sich immer mehr in Einzelheiten und Einseitigkeiten verliert. Wer sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, sollte sich mit Meinungen eher zurückhalten. Insofern ist "Stimmenenthaltung" nicht unbedingt Ausdruck von Schwäche oder Desinteresse, sondern mitunter von Einsicht, dass das Geplänkel der Meinungen eher von den eigentlichen Problemen ablenkt als irgendetwas zur Lösung beizutragen.

Herbst 2009

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