Ralph Eid, Landschaftsarchitekt

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das Neue entsteht auf den Ruinen des Alten

Wahrheit und Glaube

Vor ein paar Jahren kam es in einem Gespräch mit meinem Sohn, der damals ca. 30 Jahre alt war, zu einer Diskussion über die Wahrheit. Er war der Meinung, es gäbe keine absolute Wahrheit. Jeder muss sich seine eigene Meinung bilden, und die ist dann für jeden selbst die eigene Wahrheit. Ich verstehe sehr gut, dass unsere Jugend zum kritischen Denken erzogen werden soll, und bereits in der Schule Wert darauf gelegt wird, dass jeder sich seine eigene Meinung bildet. Wenn damit auch das Bewusstsein einhergeht, dass jeder andere ebenfalls seine eigene - gleichwertige - Wahrheit erlebt, dann ist das zunächst noch nicht problematisch. In der Realität wird es allerdings i.d.R. nicht so sein, dass sich jeder seine Wahrheit selbst zusammenzimmert, auch wenn er sich dessen selbst gar nicht bewusst ist. Und das ist auch gut so. Vielmehr ist jeder eingebunden in Erziehung und Tradition, bzw. in gesellschaftliche Konventionen, die eine gewisse Denkrichtung bewirken und damit Normen überliefern, die sich nicht mehr jeder selbst erarbeiten muss, ja die als gegeben bzw. wahr hingenommen werden. Die Würde des Menschen ist eine solche Norm. Das war nicht immer so und kann durchaus auch wieder vergessen werden. Straftäter oder fanatisierte Menschen nehmen es mit der Würde von Anderen, bzw. Andersdenkenden nicht so genau. Der Straftäter setzt sich über die Norm hinweg, an die er vielleicht sogar selbst glaubt; beim Fanatiker wird die eigene Meinung zur allgemeinen Wahrheit erhoben. Trotzdem kann man sagen, dass die Menschenwürde als Norm in der westlichen Zivilisation akzeptiert ist, auch wenn es im Einzelfall nicht immer klar ist, ob es irgendwo eine Grenze gibt. Oder bissiger formuliert: Solange es jedem gut geht, ist die Menschenwürde ganz OK, andernfalls wird man eher dazu tendieren, seine eigene Würde über die der anderen zu stellen.

Wahrheit und Tradition

Je älter eine Norm ist, desto weniger wird sie in Zweifel gezogen und vorbehaltlos als Wahrheit akzeptiert. Bei jüngeren Normen ist die Konsolidierung noch nicht erreicht. Ein Beispiel ist die Gleichberechtigung der Frau. Da gibt es noch einiges zu tun. Gerade an diesem Beispiel sieht man allerdings auch sehr deutlich, wie relativ eine Norm ausgelegt werden kann. Schließlich ist ja die Gleichberechtigung nur eine untergeordnete Frage, die in der Menschenwürde bereits beantwortet ist. Es sei denn, man sieht die Frau nicht als Mensch an, so wie man ja auch Schwarze nicht als Menschen angesehen hat, und damit einer kritischen Betrachtungsweise aus dem Weg gegangen ist. Es ist also nicht so ganz einfach, den Gültigkeitsbereich einer Norm genau zu bestimmen. Unter idealen Rahmenbedingungen wird die Gültigkeit unbestritten sein. Je mehr die Rahmenbedingungen von der goldenen Mitte abweichen, desto mehr Einschränkungen wird man zugestehen. Einem Kinderschänder oder einem brutalen Vergewaltiger werden nicht wenige die Menschenwürde absprechen. Einen - je nach Sichtweise positiven oder negativen - Einfluss auf die Normen haben Traditionen. Bereits 1776 wurde die Menschenwürde in Form der Allgemeinen Menschenrechte in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten als "unveräußerliche" Rechte definiert. Es dauerte noch fast zwei Jahrhunderte, bis das - zumindest juristisch - auch in den Südstaaten der USA für die Schwarzen galt. Wer in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, in der Sklaverei als normal und gottgegeben angesehen wird, der tut sich schwer mit logischen Argumenten dagegen. Auch wenn bei vielen vorwiegend wirtschaftliche Interessen im Vordergrund standen, die die Sklaven vorwiegend als billige und willige Arbeitskräfte betrachteten, so ist doch die Verwurzelung in der Tradition ein großes Hindernis für Veränderungen und wird von denen, die mehr den wirtschaftlichen Vorteil suchen, als willkommenes Argument gebraucht, um ihre eigenen Beweggründe zu verschleiern. (Auch in den heutigen politischen Diskussionen bin ich mir nie sicher, ob die Politiker ihre wahren Beweggründe vorbringen oder die, von denen sie sich die größte Akzeptanz erhoffen. In dieser Beziehung sind wir offenbar noch nicht weit gekommen.)

Doch gerade die Tradition hat auch eine nicht zu unterschätzende positive Wirkung auf Wertvorstellungen. Ohne Traditionen bestünde die große Gefahr, dass ständig neue Ideen in den Köpfen der Menschen herumspukten, ohne dass es irgendeinen allgemeinen Konsens gäbe, der ein heilloses Ideenchaos verhindert. Die Trägheit der Tradition sorgt in gewisser Weise für eine Kontinuität im Wertebewusstsein einer Gesellschaft.

Man könnte sich das gesellschaftliche Wertegeflecht als einen Supertanker ohne Maschine vorstellen, der an langen Leinen von vielen leichten Schnellbooten gezogen wird. Fahren die Boote vorwiegend in die gleiche Richtung, wird der Tanker seine Fahrtrichtung und Geschwindigkeit beibehalten. Wenn sie allerdings in viele unterschiedliche Richtungen fahren, werden sie entweder keinen Einfluss auf den Tanker ausüben, weil sich ihre Zugkräfte gegenseitig aufheben, oder sie werden den Tanker abbremsen. Boote, die zu schnell sind, können ihre Leinen zerreißen und gehen dem System verloren. Wie der Tanker ist die Tradition eine träge Masse ohne eigenen Antrieb, die von vielen gesellschaftlichen Kräften (Boote) kultureller, wirtschaftlicher und politischer Natur in Bewegung gehalten wird. Haben diese Kräfte eine gemeinsame Richtung, dann entsteht ein kraftvolles System. Sind dagegen viele unterschiedliche Kräfte am Werk, die alle nur ihre eigenen Ziele verfolgen, wird der Antrieb erlahmen. Durch die Trägheit der großen Masse wird es allerdings eine Zeit lang dauern, bis man das merkt. Die Tradition hält zwar - vielleicht sogar für eine lange Zeit - die Gesellschaft am Leben, aber die Tradition allein kann keine eigene Dynamik aufrechterhalten. Sie überbrückt Tiefpunkte und Schwächephasen, ist aber darauf angewiesen, dass das gesellschaftliche Leben immer wieder die Führung übernimmt. Eine Gesellschaft, die nur auf Tradition begründet ist, stirbt irgendwann. Zu dem bewahrenden der Tradition muss also immer wieder neues in Form von neuen Gedanken bzw. Entwicklungen hinzukommen, wenn eine Gesellschaft überleben will. Dabei ist zu viel Neues ebenso ungesund wie zu wenig Neues, wie das Beispiel vom Tanker deutlich veranschaulicht.

Autorität und Glaube versus voraussetzungsfreies Denken

Macht und Ohnmacht der Tradition kann man an der Rolle der Kirchen plastisch ablesen. Da ich im christlichen Einflussbereich aufgewachsen bin, ist mir die Situation hier besser vertraut; ich bin aber sicher, dass es in anderen Kulturkreisen nicht prinzipiell anders aussieht. Die (Vatikan-)Kirche war lange Zeit die treibende Kraft der westlichen Zivilisation. Bildung, Geistes- und Naturwissenschaften gingen im Mittelalter vom Klerus aus. Die christliche Lehre war die Wahrheit, die niemand ernsthaft in frage stellte. Glauben und Wissen war eine Einheit. Niemand hätte ernsthaft in Erwägung gezogen, eine Existenz Gottes und seine aktive Rolle bei der Schöpfung in frage zu stellen. Mit den Kreuzzügen kam frischer Wind in die Gedankengänge der geistigen Elite. Die alten heidnischen Ideen des Aristoteles, die in den muslimischen Staaten des Morgenlandes aufbewahrt wurden, kamen jetzt wieder nach Europa und wurden begierig aufgenommen. Auf ihrer Grundlage entstand die Scholastik, die das, was früher unumstrittener Glaube und damit Wahrheit war, mit dem Verstand, bzw. der Vernunft, zu erklären suchte. Einer der Hauptvertreter war der Dominikaner Thomas von Aquin (1225 - 1274), einer der 35 bedeutendsten katholischen Kirchenlehrer. Er wurde 1323 von Papst Johannes XXII. heiliggesprochen. Man betrachtete es als sein besonderes Verdienst, der Theologie den Charakter einer Wissenschaft gegeben zu haben.

Die Scholastik stellte bereits den ersten Bruch mit der Tradition des Glaubens dar. Der bloße Glaube an die Wahrheit der religiösen Überlieferungen war nun nicht mehr befriedigend. Die Tradition hatte nicht mehr alle Antworten auf die Fragen des Seins. Man begann, (sich selbst) zu beweisen, an was man vorher tief überzeugt glaubte. In der dialektischen Argumentation feierte die Vernunft Ihren Triumph. Von da an ging der Verstand - erst zaghaft, dann immer mutiger - seine eigenen Wege.

Mit der Scholastik konnte die Kirche noch gut leben, weil ihr Glaubensgebäude mit deduktiver Logik vereinbart werden konnte, auch wenn manche platonische Ideen, die vom Kirchenvater Augustinus übernommen wurden, nicht so recht passen wollten. Richtig kritisch wurde es mit dem Anbruch der Neuzeit, als die deduktive Erkenntnistheorie durch die induktive, empirische, ersetzt wurde. Für Kopernikus, Galilei, Kepler, Newton und all die anderen war die Beobachtung das Maß aller Dinge. Wenn die Beobachtung eine altehrwürdige Wahrheit in frage stellte, dann musste - das war absolut neu - die altehrwürdige Wahrheit falsch sein (dass das nicht zwingend der Fall sein muss, zeigt die chinesische, bzw. japanische Tradition , s.a. Feng Shui)

Die neuen Wahrheiten konnten zwar die Welt der Erscheinungen sehr gut erklären, für die Welt des Seins waren sie aber nicht zuständig. Da behielt die Tradition des Glaubens weiterhin ihre Gültigkeit. Für die Kirche ist das zwar ein weiterer Schritt in die Defensive, doch sie nimmt das weitgehend in Kauf, solange sie die Zuständigkeit für das Seelenheil behält. Das fatale an dieser Situation ist aber, dass die beiden unterschiedlichen Arten der Weltanschauung - die Wissenschaft für das Diesseits, die Kirche für das Jenseits - immer weiter auseinander klaffen: beide haben sich nichts zu sagen. Das wird problematisch, wenn es für den einzelnen darum geht, seinen Platz in der Welt zu finden. Die Wissenschaft sagt, der Mensch ist ein Produkt der Materie: Sein Wollen und Handeln wird bestimmt von dem Bestreben nach Überlebens- und Reproduktionsvorteilen, d.h. er sucht in erster Linie seinen eigenen Vorteil. Die Soziobiologie wandelt das geringfügig ab, indem sie nicht das Individuum zur treibenden Kraft erklärt, sondern die Gene. Damit lassen sich dann auch altruistische Formen im Zusammenleben von Gruppen (Tieren wie Menschen) erklären, die weitgehend genetisch gleich oder zumindest sehr ähnlich sind. Auch wenn sich ein Individuum für andere opfert, fördert es letzen Endes das Überleben der eigenen Gene in der Gruppe. Die Kirche (zur Vereinfachung nehmen wir an, dass Kirche und Religion das gleiche ist, was erst später relativiert werden muss) dagegen stellt die Rechtmäßigkeit des Eigennutzes ausschließlich innerhalb der Gruppen-, bzw. Stammeszugehörigkeit in frage. Da heißt es z.B.: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Oder noch stärker: "Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir (Gott selbst) getan." (Matth. 25,40) Wobei die Gleichsetzung von Gott und Christus eine sehr grobe Vereinfachung ist, für den hier angesprochenen Zusammenhang halte ich das für berechtigt. Das bedeutet aber gerade die Abkehr vom ausschließlichen Eigennutz, wenn ich in meinen Entscheidungen dem Wohl meiner Mitmenschen ebenso viel Platz einräumen soll wie mir selbst, bzw. wenn mir Gott zu verstehen gibt, dass meine Lebensweise in Bezug auf die Ewigkeit nur dann Bestand hat, wenn ich eben nicht nur an mich selbst denke. Ich nehme an, dass für den zweiten Satz auch die Umkehrung gilt: Wenn ich meine Mitmenschen übervorteile, dann vergehe ich mich an Gott, da Gott in jedem meiner Mitmenschen präsent ist. Hier geht es nicht um Sünde und Vergebung, um ein jüngstes Gericht oder was auch immer die Kirche daraus gemacht hat, sondern nur um die Feststellung, dass es nach dem diesseitigen Leben ein jenseitiges gibt und das diesseitige Leben Auswirkungen auf das jenseitige hat.

Und ein weiterer Satz zielt in die gleiche Richtung. Bei gleich drei Evangelisten (der vierte formuliert es nur anders) heißt es übereinstimmend: "Wer unter euch der größte sein will, der sei euer Diener." Nicht äußeres Ansehen oder Macht über andere ist wichtig, sondern die Hilfsbereitschaft, der Dienst am Nächsten.

Individualität und Freiheit

Wie die leeren Bänke in den Kirchen oder die sich häufenden Kirchenaustritte belegen, ist es mit der Überzeugungskraft der Tradition nicht mehr weit her. Im Gegenteil: die Werte haben sich gewandelt. Der nächste interessiert immer weniger. Ob das nun der Langzeitarbeitslose in der Nachbarschaft ist, der Hartz-IV- Empfänger, die Pflegebedürftigen oder die Pfleger, die Alten und Kranken, die Zeitarbeiter oder die Verkäuferinnen bei Lidl & Co als moderne Sklaven, die Menschen in der dritten Welt, die leiden, weil die Wohlstandsbürger weiterhin im Überfluss leben wollen - heute ist sich jeder selbst der Nächste. Man kann das sogar logisch begründen, wie man im übrigen jeden Schwachsinn logisch begründen kann und damit auch viele Anhänger findet. Die heutige wirtschaftsliberale Weltanschauung ist letzten Endes die logische Rechtfertigung für Egoismus: Jeder strebe nach seinem eigenen Vorteil, der Markt als Regulativ sorgt dafür, dass für alle das Beste daraus entsteht. Was ursprünglich eigentlich gedacht war, um das alte feudalistische System aufzubrechen, hat sich heute als quasi-Wahrheit in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Manche politischen Argumentationen in Bezug auf Wirtschafts- und Sozialsysteme gehen stillschweigend und kritiklos von der Allgemeingültigkeit dieser Anschauung aus. Hier ist eine neue Tradition entstanden, die von vielen ohne zu hinterfragen als wahr akzeptiert wird.

In den letzten Jahren hat die Bankenkrise deutlich gemacht, zu welchen Auswüchsen eine am Eigennutz orientierte Lebensanschauung führen kann. Da geht es immer weniger darum, Geld im Wirtschaftskreislauf zu verteilen, um Investitionen zu ermöglichen oder um Arbeitsplätze zu schaffen, also um Wertschöpfung, die der Gesellschaft als Ganzes zugute kommt, sondern nur noch um die Frage, wie man schnell und v.a. viel Geld machen kann. Der Wert aller weltweit produzierten Güter und Dienstleistungen (BIP) im Jahre 2010 in Höhe von 63 Billionen Dollar ist beinahe marginal im Vergleich zum Volumen aller Devisengeschäfte in Höhe von 955 Billionen Dollar, die zum großen Teil nur Spekulationen, bzw. Wetten sind, mit denen man sich einen Vorteil zum Nachteil anderer sichern kann.

Ich habe in den letzten Jahren mehrere Bücher über die Finanzkrise gelesen, um einigermaßen zu verstehen, was in den Kreisen jenseits des gesunden Menschenverstandes vorgeht. Auch wenn ich nicht alles wirklich verstehe, eines ist klar: Wer mit sehr viel Geld zu tun hat und daran auch entsprechend viel verdient, der verliert die Bodenhaftung und das Verständnis für so kleinliche Dinge wie Arbeitslosigkeit, Unterbezahlung, Altersversorgung usw. Auch die Banken, die nur durch massive Unterstützung der Staaten, sprich: der Steuerzahler, überlebt haben, haben nicht etwa daran gedacht, selbst den Gürtel enger zu schnallen und zumindest mal die Boni ihrer Vorstände und Angestellten zu überdenken. Die sind weitergezahlt worden, weil die "guten" Leute sonst abwandern würden (nicht nur ich frage mich wohin, da mehr oder weniger alle Banken von den gleichen Problemen betroffen sind). Es sieht nicht so aus, als wenn das als wichtiges gesellschaftliches Problem angesehen würde. Es gab zwar ein bisschen Entrüstung bei manchen Politikern, aber die Aufregung hat sich schnell gelegt und heute (Ende 2012) hört man nicht mehr viel davon. Während also die Banker weiterhin jedes Jahr Millionen (jeder einzelne) verdienen, keimt allerdings langsam die Einsicht, dass ein Mindestlohn von 8,50 € die Wirtschaft vielleicht doch nicht sofort in den Ruin treibt.

Bemisst sich der Wert eines Menschen an seinem Bankkonto?

Man könnte meinen, durch entsprechende gesetzliche Regelungen ließe sich wieder ein relatives Gleichgewicht herstellen. Das mag vielleicht sein, an dem Grundproblem würde sich aber nichts ändern. Das Hauptproblem ist die Gleichsetzung von Verdienst und gesellschaftlichem Status, und daraus abgeleitet auch dem Wert eines Menschen. Aber ist ein Banker wirklich mehr wert als der, der seinen Dreck wegräumt (Reinigungspersonal) oder der, der ihm im Alter den Hintern abwischt (Pfleger). Über kurz oder lang ist er auch nur noch ein einfacher Mensch. Auch wenn viele von sich behaupten werden, dass es für sie keinen Unterschied macht, ob jemand viel oder wenig hat, die tatsächlichen Empfindungen zeigen sich vielleicht wahrheitsgemäßer an dem individuellen Selbstwertgefähl. Da ergibt sich u.U. ein erheblicher Unterschied. Vielleicht ist das Selbstwertgefühl sogar ein besserer Anzeiger für das Werteverständnis einer Gesellschaft, da es mehr Auskunft über allgemeine Überzeugungen gibt als irgendwelche Auswüchse von wenigen. Es braucht sich nur jeder selbst zu fragen, was er lieber wäre, falls er es sich selbst aussuchen könnte: Banker oder Pfleger? Oder allgemeiner formuliert: Herr oder Diener.

Es ist allerdings nicht zu übersehen, dass die wenigsten sich bewusst die Richtung vorgeben, in die sie gehen wollen. Dem einen liegen die sozialen Tätigkeiten einfach mehr als handwerkliche, wissenschaftliche oder wirtschaftliche. Andere sind von Kind an schon Alpha-Tiere, die wieder andere um sich scharen und mehr oder weniger bestimmen, wo es lang geht. Diese Unterschiede in der Veranlagung sind auch nicht an sich ein Problem. Jede Gesellschaft lebt davon, dass unterschiedliche Begabungen und Neigungen sich ergänzen. Jeder kann eine Aufgabe finden, die ihm liegt, bzw. ihn erfüllt, und das zum Wohl der anderen. In einer gesunden Gesellschaft ist jeder in irgendeiner Weise ein Diener der Gesellschaft, auch wenn er als Chef oder Manager für viele andere mitbestimmt. Das ist genau der Punkt, wo die Unterschiede in der Weltanschauung wichtig werden. Solange es darum geht, entsprechend seiner angeborenen Neigungen und Fähigkeiten seinen Beruf zu finden, ist das Leben noch mehr oder weniger genetisch vorbestimmt. Die einzige Entscheidung, die man treffen muss, ist eher die, ob man seinen eigenen Neigungen folgen will oder dem Leitbild der Gesellschaft, die den einen besser, den anderen schlechter belohnt. Doch dieses Leitbild der Gesellschaft muss sich nicht von Machtstrukturen ableiten, wie sie auch im Tierreich herrschen und eben auch genetisch bedingt sind. Auf diesem Gebiet ist der Mensch frei, sich seine Werte und Ziele selbst zu setzen. Es widerspricht keiner Logik, keinem gesunden Menschenverstand und keiner Naturordnung, wenn jeder sich wie alle anderen als Diener einer gemeinsamen Gesellschaft ansieht und dann auch danach handelt. Ich meine damit nicht die Manager oder Politiker, die vollmundig erklären, Ihren Dienst am Land oder der Firma leisten zu wollen, im Gegenzug aber volle Taschen erwarten. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Leistung soll anerkannt werden. Wir sollten aber darüber nachdenken, wie man den Wert einer Leistung misst, bzw. ob das nur mit Geld geschehen kann. Auch die sogenannten Leistungsträger könnten sich bei vorurteilslosem Nachdenken die Frage stellen, ob ihre Leistung die von anderen tatsächlich im Wert übertrifft.

Die Strukturen, wie wir sie heute vorfinden, sind zwar mehr oder weniger automatisch gewachsen. Banken, politische Organisationen, globale Konzerne - alle sind sie aus anfänglich kleineren Organisationsformen entstanden und haben sich erst im Laufe der Zeit - beinahe automatisch - zu den Konzentrationspunkten von Kapital, Macht und Einfluss entwickelt. Die Menschen an ihrer Spitze sind nicht immer die Täter, als die man sie gerne sieht. Sehr oft sind sie einfach Getriebene von dem System, das sie selbst mit erschaffen haben. Sie müssen ihre Position gegenüber Aktionären, Parteimitgliedern oder der Konkurrenz verteidigen, um nicht unter zu gehen. Dabei passiert es leicht, dass sie über das Ziel hinaus schießen. Um Aufmerksamkeit zu erregen, macht man Dinge, die man nicht nötig hätte, wenn man unangefochten handeln könnte. Bei der Politik habe ich z.B. oftmals den Eindruck, dass sie zu einer großen Marketingveranstaltung verkommt. Um ihre Machtlosigkeit nicht eingestehen zu müssen, werden mit großem Brimborium Gesetze erlassen und als herausragender Erfolg gefeiert, die an der Situation wenig bis nichts ändern. Ob die Sozialbeiträge um 0,5 Prozent steigen oder fallen, merkt niemand wirklich. Und es glauben auch die wenigsten, dass damit die Wirtschaft entscheidend beeinflusst wird, obwohl es uns immer wieder vorgebetet wird. Das neueste ist die sog. Gesundheitsreform, durch die angeblich die Rechte der Patienten bei Behandlungsfehlern entscheidend gestärkt werden. Die Pharmaindustrie und die Ärztevertretung sind allerdings der Meinung, dass sich für sie dadurch glücklicherweise nichts gravierend verändern wird.

Auch die wirtschaftlichen und politischen Strukturen sind geprägt von der Tradition, die nicht prinzipiell hinterfragt wird. Auch wenn viele Unstimmigkeiten gesehen werden - noch funktionieren sie. Wirklich ändern möchte niemand das bestehende System, höchstens ein paar Korrekturen hier und da. Jeder weiß, dass eine gravierende Änderung erst einmal Chaos bewirken würde. Und dafür will niemand verantwortlich sein. Doch die Größe des Menschen zeigt sich nicht darin, dass er diese Strukturen am Leben erhält und weiter ausbaut. Wahres, vernunftbegabtes Menschentum würde sich darin äußern, die Rechtmäßigkeit dieser Strukturen immer wieder konsequent in frage zu stellen und, wenn nötig, Verbesserungen oder Veränderungen zu suchen. Nicht nur die, die benachteiligt sind, sollten nach Alternativen suchen, sondern gerade auch die, die heute noch profitieren. Wir haben kein wirtschaftliches, sondern ein Bewusstseinsproblem. Wenn jeder nur seine eigenen Interessen verteidigt und stärkt, gewinnt der stärkere. Die Vernunft aber sagt auch dem Stärkeren: "Stärke legt dir auch Verantwortung auf. Denke nach, ob deine Position wirklich gerechtfertigt ist im Zusammenhang mit dem Rest der Gesellschaft!" Alles, was dazu dient, die eigen Macht zu stärken oder zu erhalten, ist kein Ausfluss menschlicher Vernunft, sondern hat für mich immer den Beigeschmack eines tierischen Instinktes. Insofern hat die Soziobiologie mit ihrer Anschauung recht. Ob nun die Linken bzw. die Sozialisten versuchen, Ihre Macht in Form von entsprechenden Wählerstimmen so zu nutzen, um Reichtum von oben nach unten einfach nur umzuverteilen, oder ob die Konservativen und Liberalen ihrer Klientel möglichst viel Freiheit lassen wollen, in der Hoffnung, dass auch für die wenig Begüterten ein paar Brosamen vom Tisch fallen - wo jeder in erster Linie erst sich selbst sieht, hat die Vernunft nicht viel zu sagen.

Zukunftsmodell Vernunft

Wer sich heute freiwillig ein Leben als Diener aussucht, auch wenn er das Zeug zum Herrscher hätte, der würde wahrscheinlich für verrückt erklärt werden. Bedeutung für den Wert, bzw. das Ansehen eines Menschen hat der Erfolg, vorwiegend der wirtschaftliche, aber auch der politische oder der sportliche, was im Spitzensport allerdings schon wieder das gleiche wie der wirtschaftliche ist. Am Erfolg im diesseitigen Leben wird man gemessen, weniger an der Richtigkeit seiner Gedanken und Handlungsweisen. Da wir von einem jenseitigen Leben nichts wissen, kann das allerdings auch kaum unsere Handlungen beeinflussen. Also müssen wir wohl oder übel die Entscheidungshilfen für unser Leben, wenn wir es denn wirklich selbstbestimmt in die Hand nehmen wollen, im Diesseits suchen. Oder nicht?

Wonach soll man sich nun richten? Die Tradition, die Kirchen - wenn man nur ein bisschen an der Oberfläche kratzt, stößt man auf Widersprüche über Widersprüche. Man könnte meinen, unser Dasein spielt sich in einem Hamsterrad ab. Soviel wir uns auch abstrampeln, wir kommen nicht von der Stelle. Nicht einmal die Wissenschaft ist sich einig, ob der Mensch nun ein egoistisches oder eher ein fürsorgliches Tier ist. Jeder kann gute Argumente vorweisen, aber eine Synthese gelingt niemandem so recht. Die Wirtschaftswissenschaft tendiert eher zu der egoistischen Variante. In Versuchen, die etwas über die Ursachen menschlichen Verhaltens herausfinden wollen, kann man kein grundsätzlich egoistisch geprägtes Handlungsschema konstatieren. Nur Absolventen der Wirtschaftswissenschaften, Betriebswirtschaftler u.ä., machen da eine Ausnahme: sie sind tendenziell eher egoistisch geprägt. Es ist aber wohl nicht so, dass an sich egoistisch veranlagte Menschen sich vorwiegend betriebswirtschaftliche Berufe wählen. Vielmehr lassen sich Absolventen der Wirtschaftswissenschaft von dem dort vorherrschenden Menschenbild prägen und werden so zu dem, was die Zunft von jeher in ihnen sieht. Die Welt ist voller Zirkelschlüsse.

Selbstbestimmtes Leben, das sich an feststehenden Wahrheiten orientieren kann, ist also eine Illusion. Demnach müsste mein Sohn Recht haben, wenn er sagt, dass jeder seine eigene Wahrheit hat. Wenn das stimmt, sollte man das Wort "Wahrheit" komplett aus unserem Wortschatz tilgen. Denn Wahrheit ist von der Wortbedeutung her etwas absolutes, und nichts relatives, das je nach Geschmack mal so oder so aussieht. Wahrheit ist oder ist nicht. Dazwischen kann es nichts geben. Ich kann z.B. der Meinung sein, die Erde sei eine Scheibe, und kann das auch mit vielen guten Argumenten belegen. Doch der Erde ist das egal. Sie ist, was sie ist, unabhängig davon, was ich von ihr denke. Und wenn mich jemand in seinem Raumschiff mit ins Weltall nimmt, kann ich mich von der Wahrheit selbst überzeugen. Nur wenn man keine unmittelbare Anschauung von der Wahrheit hat, muss man sich ihr über Umwege nähern. Da gibt es dann viele Möglichkeiten, wie man sich verlaufen kann.

Nun ist es auch mir durchaus bewusst, dass das mit der Wahrheit keine einfache Sache ist. So deutlich wie mit der Erde ist die Situation keineswegs immer. Eher sogar selten. Man könnte meinen, die Naturwissenschaft wenigstens sei mit der Wahrheit vertraut. Doch auch dort wird alles relativ, je weiter man sich von den gewohnten Strukturen entfernt. Siehe die Quantenmechanik oder die Relativitätstheorie. Oder in der Biologie: sind Viren schon Lebewesen oder nur raffinierte Giftstoffe? Und erst im sozialen Bereich: Da ist Wahrheit eher ein weitgespannter mittlerer Bereich zwischen zwei oder noch mehr Extremen. Wenn ich mein Kind erziehen will, muss ich ihm Grenzen aufzeigen. Das kann ich durch Erklärungen, durch Ermahnungen, durch Strafen erreichen. Welche Methode in welchem Fall am geeignetsten ist, hängt von der speziellen Situation ab und vom Charakter meines Kindes. Aber vielleicht kann mich diese Diskrepanz zwischen absoluten und relativen Wahrheiten auf die richtige Spur bringen. Meine Entscheidungen im wirtschaftlichen, im sozialen, d.h. im zwischenmenschlichen Bereich, sind immer etwas individuelles. Da muss ich abwägen, was in welcher Situation besser oder schlechter ist. Aber meine Entscheidungen sind geprägt von dem, was ich als Wahrheit empfinde. Zumindest dann, wenn ich rationale Entscheidungen treffe.

Das ist nicht immer der Fall. Viele, vielleicht sogar die meisten Entscheidungen, fallen aus einem unbestimmten Bauchgefühl. Nicht jede Entscheidung wird rational überprüft. Für das alltägliche Leben reicht das auch aus. Je mehr aber die Tragweite meiner Handlungen die Zukunft bestimmt, desto mehr wird auch der Verstand eingebunden sein.

Es gibt viele Versuche, durchgeführt von Biologen, Soziologen, Neurologen, Wirtschaftswissenschaftlern, Psychologen und manchen anderen, herauszufinden, welche Beweggründe unser Handeln beeinflussen und damit die alte Frage zu beantworten, ob der Mensch von Natur aus gut oder schlecht ist. Ein empfehlenswertes, leicht verständliches Buch, das einen guten Überblick über den heutigen Wissensstand gibt und in dem auch die historische Abarbeitung dieser Frage, angefangen bei Platon über Aristoteles über die Philosophie der Aufklärung z.B. bei David Hume oder Adam Smith bis zum heutigen Bild des Homo oeconomicus, nicht zu kurz kommt, ist das von Richard David Precht: "Die Kunst, kein Egoist zu sein. - Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält." Die Analyse der Situation ist hervorragend; wir sind nicht von Natur aus schlecht, werden aber von unserer Umwelt, unserer unmittelbaren wie Eltern, Verwandten, Schule usw., als auch ganz allgemein von der Kultur, in der wir leben, geprägt. Soweit die Bestätigung für das, was der gesunde Menschenverstand sowieso schon wusste. Schwieriger wird es bei der Frage, wie die offensichtlichen Probleme, die wir haben, in den Griff zu bekommen sind.

Kann die Welt besser werden, wenn der Mensch der gleiche bleibt?

Dafür bieten sich zwei Wege an: Der eine ist, das Bewusstsein des einzelnen für den anderen zu schärfen. Wenn ich bei meinen Handlungen nicht nur meine Situation, bzw. meinen Vorteil im Blick behalten, sondern auch die Auswirkungen meiner Entscheidungen auf andere mit einbeziehe, dann lösen sich viele Probleme von selbst. Voraussetzung dafür wäre aber, dass sich jeder in jeder Situation seiner persönlichen Verantwortung bewusst ist. Die große Schwierigkeit in einer immer komplexeren Welt ist die Verteilung der Zuständigkeiten. Jeder fühlt sich nur für den Bereich verantwortlich, in dem er sich bewegt. So ist es möglich, dass ein Broker mit Kakao bis zu 80 Dollar in der Minute verdient und stolz darauf ist, gleichzeitig aber "persönlich traurig ist", dass das Leben siebenjährige Kinder in Ghana auf den Kakaoplantagen mit physischer Arbeit und Pestizideinsatz systematisch ruiniert wird. Er versteht etwas von seiner Arbeit und ist nur seinen unmittelbaren Auftraggebern verantwortlich; wenn die mit ihm nicht zufrieden sind, verliert er seinen Job. Von den landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen bzw. den gesellschaftlichen Verhältnissen in Ghana dagegen versteht er so gut wie nichts. Ähnlich verhält es sich mit den Bankern. Josef Ackermann z.B. fühlt sich als Angestellter der Deutschen Bank und kann deshalb nicht gegen die Interessen seines Arbeitgebers denken und handeln. Er ist der Meinung, "Banken haben keine Verpflichtung, das Gemeinwohl zu fördern", sondern ausschließlich aus viel Geld noch mehr Geld zu machen. Diese Anschauung ist nicht unmoralisch, sondern viel schlimmer: moralfrei. Für die Moral ist eben jemand anderes zuständig.

Da hilft es auch nichts, wenn Leute wie George Soros, Warren Buffet oder Bill Gates die Häfte ihres milliardenschweren Privatvermögens für wohltätige Zwecke stiften. Nun glaube ich nicht, dass man lediglich mit ehrlicher Arbeit ein solches Vermögen erwirtschaften kann. Ohne Ellenbogen und eine gehörige Portion an Skrupellosigkeit kommt man nicht an so viel Geld. Die Geschichte von Microsoft z.B. auf Wikipedia spricht Bände. Wenn also ein Egoist in späten Jahren als Wohltäter auftritt, ist er dann weniger Egoist? Das erinnert mich an einen Kommentar von Leo Tolstoi zum Neuen Testament, wo ein Steuereintreiber nach der Begegnung mit Christus die Hälfte seines Vermögens an die Armen spendet. Lt. Tolstoi ist die Verteilung des halben Vermögens noch kein Verdienst, da derjenige lediglich das, was er von seinem Vermögen unrechtmäßig erworben hat, zurückgibt. Erst das, was darüber hinaus geht, könnte man eventuell als Verdienst anrechnen. Dem schließe ich mich an.

Da der Mensch offenbar ein recht zwiespältiges Wesen ist, erscheint dieser Weg der persönlichen Verantwortung als ziemlich utopisch. Der zweite Weg, die Krise des Menschlichen zu meistern, besteht deshalb darin, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass alles in geordneten Bahnen verläuft. Der Glaube, dass der Staat sich aus dem wirtschaftlichen Leben heraushalten soll, weil er nichts davon versteht, ist erschüttert. Man denkt über die Tobin-Steuer nach, über die sog. Reichensteuer, über das Verbot von Leerverkäufen oder Derivaten ganz allgemein, über die Gehälter und Boni der Manager und vieles andere. Dahinter steht unausgesprochen auch die Weltanschauung, dass die menschliche Persönlichkeit das Produkt seiner Umgebung ist. Wenn ich also die Umgebung optimiere, werden auch die Menschen besser. Auf jeden Fall ist das der leichtere Weg. Der erste, die Persönlichkeit zu schärfen, bedeutet ja auch, mich selbst zu beobachten, immer wieder in frage zu stellen und wenn nötig, zu ändern. Der zweite zielt darauf ab, die anderen zu ändern. Wie jeder weiß, ist es einfacher, anderen Vorschriften zu machen, als sich selbst an die eigenen Vorschriften zu halten. Das zeigen schon die alljährlichen guten Vorsätze für das neue Jahr. Wenn ich sehe, wie schnell ich die wieder vergessen habe, fühle ich mich deprimiert. Wie gut ist doch demgegenüber das Gefühl, an einem Gesetz mitzuwirken, das v.a. für alle anderen bindend ist und das die Welt besser macht.

Hier stellt sich die Frage, ob man die Welt verbessern kann, ohne beim einzelnen Menschen anzufangen. Kann die Welt besser werden, obwohl der Mensch der gleiche bleibt? Oder sind Gesetze und Regelungen nur notwendig, um Auswüchse zu verhindern, um also diejenigen, die partout nichts von persönlicher Verantwortung wissen wollen, an allzu krassem Fehlverhalten zu hindern. Dazu kommt, dass man, um Gesetze und Verordnungen zu erlassen, lediglich mit dem Verstand die Problematik überschauen muss. Es spielt dabei keine Rolle, ob man ein moralisch integrer Mensch ist. Wenn es um persönliche Verantwortung geht, ist das dagegen die Voraussetzung. Was nicht heißt, dass der Verstand nicht gebraucht wird. Also hier ist der Mensch als Ganzes gefordert. Gefragt sind in erster Linie Vorbilder.

Vorbilder kann man nicht ausbilden. Man kann durch das Bildungssystem höchstens dafür sorgen, dass möglichst wenige Vorbilder entstehen, indem man die Bildung schon in frühester Kindheit nach wirtschaftlichen Erwägungen ausrichtet. Wer lernt, ein Rad im Getriebe zu sein, wird nicht glücklich, wenn er als Sand im Getriebe angesehen wird. Außerdem: Wer will schon vorangehen, wenn es aufgrund der allgemeinen Denkgewohnheiten unwahrscheinlich erscheint, dass andere folgen werden. Wenn man allein bleibt, werden die Kräfte bald erlahmen. Man braucht jemand, der einen aufmuntert, wenn es gerade mal nicht so gut läuft, der einem hilft durchzuhalten, auch wenn die Umstände eher eine andere Sprache sprechen. Deshalb erscheint es zunächst einmal wenig erfolgversprechend, auf Vorbilder und Eigenverantwortung zu setzen.

Trotzdem glaube ich, dass wir anders keine Chance haben. Wenn die Menschheit nicht ihr Denken und Wollen radikal umstellt, ist ihr Scheitern vorprogrammiert. Gesetze und Regelungen werden deshalb nicht überflüssig. Sie werden aber nie die Macht haben, die Menschen zu verändern. Der Kommunismus hat das eigentlich schon überdeutlich bewiesen. Nur weil die Klassengesellschaft vordergründig abgeschafft wurde und damit alle Menschen zu gleichen Bürgern wurden, hat sich ihre Einstellung nicht grundlegend geändert. Die Alpha-Tiere haben eben in der Partei Karriere gemacht, die anderen, weil sie nicht das instinktive Bedürfnis nach Macht und Geltung mitbrachten, wurden eher träge, weil sie vom Staat versorgt wurden. Außerhalb der zuständigen Parteigremien war praktisch niemand mehr für irgendetwas zuständig. Es war aber andererseits unmöglich, alles zentral perfekt zu regeln. Das führte im Ostblock beispielsweise dazu, dass man Getreide im Westen kaufen musste, weil die eigenen Ernten wegen unzureichender Lagermöglichkeiten verrotteten.

Was also können wir tun? Wir könnten uns darauf besinnen, was uns glücklich und zufrieden macht. Auch dazu gibt es viele Untersuchungen, die belegen, dass die Zufriedenheit nur bis zu einem gewissen Lebensstandard zunimmt, egal wie viel Wohlstand danach noch angehäuft wird. Dieser Zeitpunkt war in (West-)Deutschland irgendwann gegen Ende der sechziger Jahren erreicht. Von da an stieg zwar die Wirtschaftsleistung der BRD um mehr als das Doppelte, und das durchschnittliche Einkommen inflationsbereinigt von 16000 € auf 25000 €, die Lebenszufriedenheit der Deutschen hat sich seitdem aber nicht mehr verändert (vgl. Precht (s.o.) u. Miegel:'Exit – Wohlstand ohne Wachstum', Ullstein Berlin 2010). Wenn also die Grundbedürfnisse des Lebens erfüllt sind, braucht man nicht immer noch mehr, um noch glücklicher und zufriedener zu werden. Es sei denn, man verwechselt den Sinn des Lebens mit der Anhäufung von Wohlstand, bzw. materiellen Gütern. Aber genau das trifft die Problematik im Kern. Was ist der Sinn des Lebens? Ich weiß: daran haben sich schon die Philosophen und Theologen aller Zeiten die Zähne ausgebissen und sind zu keinem Konsens gekommen. Ich werde also auch keine allgemeingültige Antwort finden.

Existiert ein Sinn des Lebens?

Ich möchte auf etwas anderes hinaus, was zwar mit dieser Frage zusammenhängt, was sie allerdings auch nicht beantwortet. Ich würde gerne wissen: Gibt es überhaupt einen Sinn des Lebens? Oder ist das Leben sowieso sinnlos, weil es eben lediglich auf einem dummen Zufall beruht und nicht auf einem schöpferischen Akt eines wie auch immer gearteten höheren Wesens, das man von alters her als Gott betitelt. Die Evolutionsbiologie ist sich ja weitgehend einig, dass der primitive Mensch sich seinen Gott nur ausgedacht hat, um Halt zu finden. Die Esotherik (ich benutze diesen Begriff für alles, was mit Religion zu tun hat, dabei aber weit über das Religionsbild der Kirchen hinausgeht) hält dagegen, dass der sog. Primitive noch den unmittelbaren Verkehr mit den (untergeordneten) Göttern hatte und daher der Glaube an einen oder mehrere Götter nicht auf Phantasie, sondern auf Anschauung beruht. Die Anschauung ist im Laufe der Jahrtausende verloren gegangen, der irgendwann nur noch blinde Glaube ist geblieben. Nun ist aber die Tatsache, dass nur noch blinder Glaube vorhanden ist, kein Beweis dafür, dass es die Anschauung nie gab und in der Zukunft auch nicht mehr geben wird.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens bleibt. Und damit die Frage nach der Wahrheit. Es kann nicht darum gehen, uns einen Sinn auszudenken. Der bliebe dann immer individuell verschieden und damit relativ. Die Wahrheit dagegen ist absolut und damit aber für den Menschen mit seinen begrenzten Erkenntnisfähigkeiten unerreichbar. Also wieder eine Sackgasse?

Ich glaube nicht. Es ist eher so, dass man gar nicht erst auf die Idee kommt, nach der Wahrheit zu suchen, wenn man von vornherein davon überzeugt ist, dass es keine Wahrheit gibt. Die Grundvoraussetzung, irgendetwas über eine Wahrheit in Erfahrung zu bringen, ist die Bereitschaft, danach zu suchen. Das ist wieder so ein Grundproblem unserer Zeit. Wie weiter oben angedeutet, hat sich, vorbereitet durch die Scholastik, in der Renaissance und dann massiv im Zeitalter der Aufklärung in unserem Bewusstsein eine Spaltung eingeschlichen. Als wahr wird nur der sichtbare, bzw. messbare Teil der Natur angesehen. Alles was darüber hinaus geht, unterliegt gar nicht erst der Frage nach Wahrheit. Das wird eher als persönlicher Spleen von einzelnen betrachtet, über den man gnädig hinwegsehen kann, sofern kein Schaden damit angerichtet wird, wie das allerdings bei den fundamentalistischen Richtungen oft der Fall ist.

Wir haben uns aus der Zwangsjacke der Kirche befreit, die mit Argwohn über unser Seelenleben gewacht hat, mit Fegefeuer und Hölle gedroht hat, während sie selbst die Rolle des alleinigen Mittlers zwischen Mensch und Gott beansprucht hat. Der Mensch als sündiges Wesen erlangt nur Vergebung durch die Vermittlung der Kirche. Nur sie ist im Besitz der einzig gültigen Offenbarung und damit der Wahrheit. Und die Entscheidung, was wahr ist und was nicht, liegt allein bei ihr. Im Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche heißt es in Satz 16: "Die verbindliche Auslegung des Glaubensgutes obliegt allein dem lebendigen Lehramt der Kirche, das heißt dem Nachfolger Petri, dem Bischof von Rom ..." (Katechismus der katholischen Kirche, 2005). Der aufgeklärte Mensch wehrt sich selbstverständlich gegen diese Bevormundung. Bezeichnend für die Denkweise des modernen Menschen erscheint mir ein Song von John Lennon aus dem Jahr 1971- Imagine. Es heißt dort:

Imagine there's no Heaven
It's easy if you try
No Hell below us
Above us only sky
 
Imagine all the people
Living for today
 
Imagine there's no countries
It isn't hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion too
 
...

Stell Dir vor, es gibt keinen Himmel,
Es ist ganz einfach, wenn du's nur versuchst.
Keine Hölle unter uns,
Über uns nur Weltraum.
 
Stell dir vor, alle Menschen
Leben nur für den Tag.
 
Stell Dir vor, es gibt keine Länder
Das ist nicht schwer.
Nichts wofür es sich zu töten zu oder sterben lohnt
und auch keine Religionen.
 
...

Die Erlösung und damit die Aussicht auf eine bessere Welt wird davon abhängig gemacht, dass man nur im Diesseits lebt. Mit der Kirche wird auch gleich die Religion ad acta gelegt. Das ist der Schlusspunkt einer Entwicklung, die den Glauben ins Reich der Phantasie abgeschoben und damit irrelevant für eine bewusste Weltanschauung gemacht hat. Damit ist aber auch der Sinn des Lebens verlorengegangen. Das Schlimme daran ist, dass zwar mit einer gewissen Berechtigung der alte Sinn, der auf dem Glauben beruhte, über den Haufen geworfen worden ist, mit der neuen Weltanschauung aber die Frage nach einem Sinn gar nicht mehr zugelassen wird. Die neue Weltanschauung geht ja gerade davon aus, dass alles mechanisch zu erklären ist: Ein Schritt folgt auf den anderen und ist durch die Naturgesetze nachvollziehbar. Vom Urknall bis zum Kältetod des Universums ist alles logisch begreifbar. Details, z.B. die überwiegende Entstehung von Materie gegenüber der Antimaterie oder die Entstehung des Lebens und die Weiterentwicklung in der Evolutionsgeschichte, sind einfach Zufall. Eine höhere Macht ist überflüssig, um die Welt der Erscheinungen und des Lebens zu erklären. Das ausschließlich auf das Diesseits bezogene Leben führt letzen Endes zu einer fehlenden Lebensperspektive. Der Niedergang der Kultur, den z.B. Albert Schweitzer bereits Ende des 19. Jahrhunderts beklagt hat, ist Realität geworden. Es gibt kaum noch ideelle Ziele. Im Vordergrund der öffentlichen Diskussion steht die Wahrung und Mehrung des Wohlstandes. Eine erbärmliche Perspektive mit dem engsten Horizont, den es je gab. Der viel beklagte Egoismus unserer Zeit ist lediglich eine Folge des immer enger werdenden Horizontes, in dessen Mittelpunkt sich zwangsläufig nur noch die eigene Persönlichkeit findet.

Neue Wege aus der Krise: Wissen statt Glaube

Wir brauchen wieder ein ganzheitliches Weltbild, in dem Platz für einen Sinn des Lebens ist. Es kann allerdings keine Lösung sein, einfach den alten Glauben wieder zu aktivieren. Denn der ist unabhängig von dem Wissen, das die Wissenschaft im Laufe der letzten Jahrhunderte zusammengetragen hat. Dieses Weltbild muss eines sein, dass nicht auf Glauben, sondern auf Wissen beruht. Das ist schwieriger, weil man sich Wissen erarbeiten muss. Im Gegensatz zum Glauben, der eher eine Willensentscheidung ist, und wenig bis gar kein Wissen erfordert. Es ist sogar eher besser, mit möglichst wenig Wissen belastet zu sein, um glauben zu können. Das ist auch der Hauptgrund, warum viele Intellektuelle zum Atheismus neigen. Wer alles verstehen will, dem ist der Glaube zu wenig. Dazu kommt, dass Glaube an eine Autorität gebunden ist. Die Autoritäten wie z.B. die Kirchen haben es aber heute immer schwerer, weil sie definitiv nicht unfehlbar sind (auch der eine nicht, der es gerne wäre). Die Geschichtswissenschaft hat die Vergangenheit ans Licht gebracht, die Medien tun das ihre in der Gegenwart. Wessen Fassade einmal angekratzt ist, der büßt viel von seiner Glaubwürdigkeit ein. Vielleicht war es früher der Fall, dass es keine Verbindung zwischen der Welt der Erscheinungen und der Welt des Seins gab. Deshalb war es für diejenigen, die nicht einfach nur glauben konnten oder wollten, folgerichtig, an der Grenze dieser Welt der Erscheinungen halt zu machen. Doch diese Grenze ist durchlässig geworden. Zwar nicht so, dass alle Zweifel aufgelöst wären. Es ist eher wie ein Blick in den Nebel, wo nur Schemen zu sehen sind. Trotzdem sind diese Schemen keine Einbildung, sondern Bilder von Realitäten. Auch wenn kein Konsens besteht, wie man diese Schemen interpretieren soll, wäre es töricht, sie einfach zu ignorieren. Die folgende kleine Auswahl kann ein wenig Aufschluss darüber geben, um was es geht:

Diese Beispiele sind willkürlich ausgewählt. Es gibt bestimmt noch viele weitere, die alle die rein materialistische Weltanschauung in einem ziemlich zwielichtigen Licht erscheinen lassen. Letztendlich sind sie allerdings weder für sich allein noch alle zusammen stichhaltige Beweise für oder gegen etwas. Jede Anschauung, die materialistische wie die religiöse, hat gute Gründe aufzuweisen. Keine wird allerdings einen Beweis liefern können. Ist Wissenschaft auch nur Glaube?

Für einen wirklich Suchenden ist es hilfreich, wenn er sich bewusst ist, dass beide Anschauungen, die materialistisch-wissenschaftliche wie die kirchlich-religiöse, in ihrem spezifischen Glauben befangen sind. Für die kirchlich-religiöse, die nicht von ihren Dogmen und Autoritäten loskommt, ist das leicht einzusehen. Für die materialistisch-wissenschaftliche ist das nicht so offensichtlich, da sie im Grunde das Denken unserer modernen Gesellschaft bestimmt und deshalb eine Trennung zwischen dem, was sie leisten kann und was ihr unbestrittenes Verdienst ist, und dem, was über ihr Erkenntnisvermögen hinausgeht, nicht leicht zu ziehen ist. Den wissenschaftlichen Standpunkt hat Josef Honerkamp sehr gut in seinem Buch "Was können wir wissen" (Springer Spektrum, Berlin, Heidelberg 2013) beschrieben:

Seit Galilei verfolgt die Naturwissenschaft den "Bottom-up"-Ansatz. D.h. sie beobachtet ein Phänomen und versucht, Ursache und Wirkung zu erforschen. Es wird eine Hypothese in mathematischer Form aufgestellt, die dann in vielen Experimenten zeigen muss, ob sie das leisten kann, was man von ihr erwartet. Wenn die Experimente die Hypothese bestätigen, kann man eine Theorie formulieren, die dann weitere Schlussfolgerungen liefert, die wieder ihren Wahrheitsgehalt in Experimenten bestätigen müssen. So gelangt man von einigen grundlegenden Phänomenen zu einem umfassenden Weltbild. Angefangen mit dem Studium der Bewegung von einfachen Körpern durch Galilei und Newton gelangte man zu einer Theorie der Gravitation und konnte damit den Lauf der Planeten um die Sonne genau berechnen. Ein anderes Beispiel ist die Relativitätstheorie von Albert Einstein, die lediglich von der Hypothese ausgeht, dass die Lichtgeschwindigkeit immer den gleichen Wert hat, unabhängig davon, wie sich die Quelle relativ zum Beobachter bewegt. Allein daraus ergaben sich revolutionäre Folgerungen für Raum und Zeit, die mit dem "gesunden Menschenverstand" nicht mehr nachzuvollziehen sind, die aber experimentell sehr gut bestätigt sind. So fängt man "ganz bescheiden" ganz unten an und arbeitet sich Stück für Stück weiter nach oben, bis man in der Lage ist, hochkomplexe Zusammenhänge zu verstehen.

So hat die Naturwissenschaft im Laufe von nur wenigen Jahrhunderten ein in sich konsistentes Weltbild aufgestellt, das mit relativ wenigen grundsätzlichen Hypothesen auskommt und daraus die meisten Phänomene erklären und berechnen kann, weshalb man auch von einem reduktionistischen Verfahren des Verständnissen spricht. Teile dieses Weltbildes mussten immer wieder revidiert oder angepasst werden, was seiner Anziehungskraft nicht geschadet und Zweifel an seinem Wahrheitsgehalt eher zerstreut hat. Das ist gerade die große Stärke dieses Weltbildes, nicht unbedingt an einmal gewonnenen Erkenntnissen festzuhalten, sondern sie auch aufzugeben oder sie weiterzuentwickeln, wenn neue Beobachtungen sie zweifelhaft erscheinen lassen. Es sieht sich selbst als ergebnisoffen, d.h. es ist keiner Autorität verhaftet; wenn sich eine Annahme als nicht haltbar erweist, wird sie eben durch eine bessere ersetzt.

Die Fähigkeit, fast alles erklären zu können, verleitet zu der Annahme, dass alles erklärbar ist. Die noch offenen Fragen werden im Laufe der Zeit beantwortet werden können. Logische Konsequenz ist ein sog. methodischer Atheismus, der in der Naturwissenschaft denn auch allgemein akzeptiert ist. Bekannt ist der Satz des Mathematikers Pierre-Simon Laplace auf die Frage von Napoleon, wo in seinem Modell über die Natur Gott geblieben sei: "Diese Hypothese habe ich nicht benötigt."

Der reduktionistische Ansatz findet für alles eine "natürliche" Erklärung. Die Evolution des Lebens von der Entstehung einiger Aminosäuren über Pflanzen und Tiere bis hin zum Menschen erfordert keinen übernatürlichen Eingriff. Es gibt zwar Dinge, die man nicht so recht versteht, und Phänomene, die einfach neu auftauchen, doch auch dafür findet man Analogien, die die bestehende Meinung zementieren. Bei Honerkamp ist es die Emergenz, die als natürliches Phänomen für Kontinuität in der Entwicklung sorgt, wo eigentlich Brüche bestehen, weil plötzlich neue Eigenschaften auftreten, die aus den Eigenschaften der untergeordneten Ebene nicht ableitbar sind. So ist z.B. das Verhalten von Atomen und Molekülen nicht aus der Quantenmechanik ableitbar (s. Laughlin). Auch auf der nächsthöheren Ebene entstehen neue Eigenschaften: Wenn sich viele Atome und Moleküle zusammentun, z.B. in einem Gas, dann hat dieses System neue Qualitäten wie Temperatur und Druck, mit denen man rechnen kann, ohne etwas über die Bausteine zu wissen. (Allerdings kann man hier sehr wohl über Energie und Impuls der Moleküle den Schritt zur Temperatur und Druck des Systems mathematisch nachvollziehen.) Zuletzt gelangt man zu der Annahme, dass menschliches Bewusstsein lediglich ein Emergenzeffekt der komplexen Anordnung der Neuronen des Gehirns ist. Dass man das auch weniger selbstbewusst verstehen kann, belegt Robert B.Laughlin in seinem Buch 'Abschied von der Weltformel' (Piper-Verlag, München 2007; Original 2005). Auch er ist ein Vertreter des methodischen Atheismus. Aber seine Interpretation der gleichen physikalischen Erscheinungen, die bei Honerkamp zu einem in sich geschlossenen System führen, sprengt bei Laughlin überall die Grenzen dieses Systems. Er ist sich bewusst, dass trotz aller Erkenntnisse und den darauf beruhenden technischen Anwendungen, die diese Erkenntnisse in ihrem Wahrheitsgehalt bestätigen, vieles darauf hindeutet, dass die Grenzen offen sind. Überall gibt es Ungereimtheiten. So ist es bei ihm gerade das Phänomen der Emergenz, das die durchgehend reduktionistische Erklärungsmethode in frage stellt. Dass Laughlin nicht irgendein esotherischer Spinner ist, der nicht richtig verstanden hat, worum es in der Wissenschaft geht, mag die Tatsache belegen, dass er Nobelpreisträger für Physik ist. Womit wieder einmal das immer wiederkehrende Problem in ein grelles Licht gerückt wird, dass nämlich die Tatsachen allein noch keine Erkenntnis bewirken. Entscheidend ist die Interpretation der Tatsachen, und die ist abhängig von dem jeweiligen Bewusstsein des Interpreten. (Laughlin ist dabei nicht der einzige, dem die Ungereimtheiten Probleme machen. Ähnliches findet man bei Alexander Unzicker: 'Vom Urknall zum Durchknall - die absurde Jagd nach der Weltformel'; Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2010)

Ich muss, wenn ich Honerkamp und Laughlin vergleiche, an Goethes Faust denken. Der gleiche Gegensatz in der Weltanschauung wird dort beschrieben, indem Goethe Wagner und Faust gegenüberstellt. Faust, der das gesamte Wissen seiner Zeit in sich aufgenommen hat und 'gescheiter ist als alle die Laffen, Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen', muss irgendwann bekennen, 'dass wir nicht wissen können'. Ihm genügt es nicht, die Phänomene zu erklären, damit er sie für irgendwelche Anwendungen nutzen kann. Er stellt in gewissem Sinne das Bild des reinen Wissenschaftlers dar, für den Erkenntnis Selbstzweck ist. Er will 'erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält'. Er ist auf der Suche nach der Wahrheit. Anders Wagner: Auch er ist ein Wissenschaftler, der das Wissen seiner Zeit beherrscht. Für ihn stellen die Grenzen der Erkenntnis, die Faust zur Verzweiflung treiben, kein Problem dar. Er sieht sie nicht einmal. Deshalb dünkt er sich erhaben über die Geheimnisse der Natur und bringt es fertig, einen künstlichen Menschen zu schaffen: 'Was man an der Natur geheimnisvolles pries, ... , das lassen wir kristallisieren.' Dass seine Schöpfung nur im Laboratorium Bestand hat, fällt ihm gar nicht auf.

Wissen steht zwischen Glaube und Wahrheit

Die Beispiele machen deutlich, dass zwischen Glaube und Wahrheit eine Zwischenstufe existiert: das Wissen. Das Wissen um die Gesetze und Zusammenhänge in der Natur verleitet dazu, wie Wagner das vorführt, die Suche nach der Wahrheit aus den Augen zu verlieren. Und gepaart mit einer allzu menschlichen Arroganz gelangt man sogar zu der Überzeugung, dass Wissen und Wahrheit identisch sind. Und schon hat man die Suche nach der Wahrheit mit dem Glauben an die Überlegenheit des Menschen eingetauscht.

Im Gegensatz zum "Bottom-up"-Ansatz der Naturwissenschaft steht der "Top-down"-Ansatz der Religion. Dabei verstehe ich unter Religion jeden Versuch, eine irgendwie geartete Verbindung zu einer höheren, geistigen Welt aufzunehmen. Ob das nun durch Meditation, Gebet, Studium der religiösen und religionsverwandten Quellen oder durch unmittelbare Erfahrung dieser geistigen Welt geschieht, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Es liegt in der Natur der Sache, dass man sich hier nicht "ganz bescheiden" vom kleinen zum großen hocharbeiten kann, sondern den umgekehrten Weg gehen muss. Am Anfang steht hier der Schöpfer oder Erhalter, und dessen Fülle ist dermaßen überwältigend, dass man leicht die Bedeutung der kleinen Dinge des Lebens übersieht. Trotzdem liefert auch dieser Ansatz Einblicke in die Welt, die nicht von vorneherein als falsch angesehen werden können. Sie sind nicht in der gleichen Weise reproduzierbar wie die naturwissenschaftlichen Ergebnisse, das sagt aber nichts über den Wahrheitsgehalt aus. Problematisch ist allerdings, dass die Begriffe nicht so scharf gefasst sind wie in der Naturwissenschaft. So meinen die meisten Menschen eigentlich die Kirchen, wenn sie gegen Religion argumentieren, und wenn sich Religion mit Esotherik mischt, tauchen gleich Bilder von mittelalterlichen Hexenküchen und allerlei Hokuspokus von durchtriebenen Scharlatanen auf. Dabei sollte jedem bekannt sein, dass eine emotionsüberladene Atmosphäre der nüchternen Erkenntnis in keinem Fall zuträglich ist.

Die Naturwissenschaft hat die Kirche vom Thron gestürzt und dann selbst darauf Platz genommen

Der methodische Atheismus, der in der Naturwissenschaft seine volle Berechtigung hat, hat sich im Laufe der Zeit zu einem tatsächlichen Atheismus entwickelt. Dessen Berechtigung wird allerdings nicht mehr hinterfragt. Hier ist ein neuer Glaube entstanden: Der Glaube an die unbedingte Erklärbarkeit aller Phänomene im Rahmen der materialistisch-naturwissenschaftlichen Theorien, und damit verbunden die Leugnung eines höheren Wesens. Die Naturwissenschaft hat sich zu einer quasi-Religion entwickelt, sozusagen zu einem Gegengott. Alles, was nicht empirisch überprüfbar und reproduzierbar ist, gilt als nicht existent (Laughlin). Die Ablösung der Religion durch die Wissenschaft ist so banal wie das bei jedem Umsturz, jeder Revolution zu beobachten ist: Das bestehende Herrschaftssystem wird in frage gestellt und zum Rücktritt gezwungen. Das neu etablierte System versucht, alles besser zu machen, verstrickt sich aber dennoch in den Schlingen von Macht und Machterhalt und merkt nicht, dass ihm sein Teil der Wahrheit schon längst entglitten ist. So stehen sich heute zwei Glaubensrichtungen gegenüber, die beide nur auf Autorität und nicht auf Wahrheit begründet sind. Ob positiver oder negativer Glaube - mit Wahrheit haben beide nichts zu tun. Schlimmer noch: Es könnte der Eindruck entstehen, Wahrheit sei überhaupt eine Illusion. Dann hätte mein Sohn also recht. Dann gäbe es auch keine Möglichkeit, etwas über einen Sinn des Lebens in Erfahrung zu bringen. Für Menschen, die in ihrem - positivem oder negativem - Glauben zufrieden sind, ist das wahrscheinlich kein schockierender Gedanke. Wer nie über die Wahrheit nachgedacht hat, braucht sie vielleicht auch nicht. Für diejenigen, denen das nicht reicht - und ich glaube, dass das nicht einmal wenige sind - wäre es eine große Hilfe, wenn es nicht den Anschein hätte, als sei die Frage nach Wahrheit schon entschieden. Ich will damit nicht sagen, dass wir, was die großen Fragen des Seins betrifft, überhaupt jemals die volle Wahrheit erfahren können. Das ist aber kein Grund zu resignieren. Es lohnt sich immer, die Suche nach der Wahrheit nicht aufzugeben. Auch wenn es uns nur gelingt, einen kleinen Teil davon zu erfassen, ist das besser, als irgendetwas zu glauben.

Es wäre ein großer Schritt nach vorne, wenn man den Glauben, der nur auf Autoritäten beruht, beiseite lässt und sich unvoreingenommen in der Welt umschaut. Der Glaube, der von der religiös-kirchlichen Seite gefordert wird, und der Nichtglaube der materialistisch-naturwissenschaftlichen Seite - beide sind der Suche nach der Wahrheit hinderlich. Jeder ist gefordert, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und so wenig wie möglich als gegeben hinzunehmen.

Glaube bestimmt unser Leben, Wahrheit bestimmt unser Sein

Unser Denken und Handeln ist stark geprägt von unserem Weltbild. Was wir glauben oder nicht glauben ist entscheidend für unser Leben, d.h. für das, was wir daraus machen oder auch nicht machen. Max Weber war der Ansicht, dass der protestantische Glaube, insbesondere in der calvinistischen Ausprägung, die Ausbreitung des Kapitalismus entscheidend gefördert hat. In seinem Buch 'Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus' geht er der Frage nach, warum die moderne Kultur gerade in Westeuropa entstanden ist und nicht auch z.B. in Indien oder China. Als hauptverantwortlich empfindet er die durch Luther initiierte Abkehr von mönchischer Askese zur Erlangung des Seelenheiles hin zu einer Forderung der Erfüllung innerweltlicher Pflichten. Demnach ist der Beruf eine von Gott gestellte Aufgabe, der man sich nicht entziehen darf, bzw. die man mit vollem Engagement verwirklichen muss. Erfolg im Beruf kann gewissermaßen als Zeichen gewertet werden, dass hier ein gottgefälliges Leben vorliegt.

Demgegenüber ist z.B. das indische Kastensystem ein krasses Beispiel für ein System, das Veränderungen nicht eben fördert: Dort ist jeder durch Geburt an eine bestimmte Kaste gebunden und hat keine Möglichkeit, durch eigene Leistung zu entkommen. Wer beispielsweise zu der Kaste der Unberührbaren zählt, darf nur als unrein angesehene Arbeiten verrichten. Er wird, solange er an die Richtigkeit dieses Systems glaubt, gar nicht auf die Idee kommen, etwas anderes zu wollen. Wenngleich schon große Erfolge erzielt worden sind, das Kastensystem abzuschaffen, ist es doch noch sehr stark in der Tradition verwurzelt. Berufswahl oder die Wahl des Ehepartners sind immer noch vom Kastenwesen geprägt. Wer es sich leisten kann, versucht auch heute noch weitgehend, den Kontakt mit Unreinen zu vermeiden. Man kann an diesem Beispiel sehr schön nachvollziehen, wie ehemals allgemein anerkannte Weltanschauungen in Dekadenz geraten und ihre Legitimation nur noch aus falsch oder gar nicht verstandener Tradition herleiten.

Wer sich dagegen von allen Traditionen losgesagt hat, weil er an keine höhere Macht glaubt, begibt sich in Gefahr, den Halt zu verlieren. Bei der Abwägung, ob neben dem eigenen Vorteil auch die Belange der Umwelt und der Mitmenschen in Betracht kommen, wird im Zweifelsfall der eigene Vorteil das größere Gewicht haben. Wer an nichts glaubt, kann nur noch an sich selbst glauben. Immerhin hält ihn das aufrecht, solange er im Vorteil bleibt. Wer nicht einmal an sich selbst glaubt, hat ein gravierendes Problem, weil er den Lebensmut komplett verliert. Dazu gibt es in unserer Zeit genügend Beispiele.

Wie man es auch dreht und wendet: unser Glaube bestimmt unser Leben. Davon unabhängig ist das, was man als unser Sein bezeichnen könnte, sofern es ein Dasein geben sollte, das über das äußere Leben hinausgeht. Das also, was ein mögliches Leben nach dem Tod betrifft. Da zählt nicht mehr der Glaube, sondern nur die Wahrheit. Ob ich an ein Leben vor der Geburt und nach dem Tod glaube oder nicht, hat keinen Einfluss auf den Wahrheitsgehalt. Wer also etwas über das Sein in Erfahrung bringen will, muss sich an die Wahrheit halten.

Da befinden wir uns allerdings in einem Dilemma: Auch wenn es prinzipiell möglich ist, die Wahrheit zu erfassen, heißt das noch lange nicht, dass jeder dazu in der Lage ist. Das Gegenteil ist eher der Fall: Der Mensch mit seinem beschränkten Bewusstsein wird nie die umfassende Wahrheit des Lebens bis in die letzten Details erkennen können.

Die Individualisierung des Menschen schreitet immer weiter voran. Selbstbestimmtes Leben fordert von jedem persönliche Entscheidungen, die dann aber auch in der persönlichen Verantwortung liegen. Ohne eine persönliche Verantwortung würde die Individualisierung in bloßen Individualismus und damit ins Chaos führen. Auch dazu gibt es genügend aktuelle Beispiele. Die Verantwortung macht nur Sinn und wird auch nur dann greifen, wenn sie über das kurze Leben im Diesseits hinausgeht. Allein schon dieser Überlegungsansatz macht die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit der Frage nach Sinn und Sein deutlich. Wenn ich persönlich Rechenschaft über mein Tun oder Nicht-Tun ablegen muss, liegt es in meinem eigenen Interesse, wenn ich mich nicht mit irgendwelchen Glaubensrichtungen abgebe, sondern allein mit der Wahrheit zufrieden bin.

Die einen glauben an einen Gott und richten sich in ihrem Leben mal mehr und mal weniger nach seinen Geboten. Wahrscheinlich spielt die Tradition bei den meisten eine größere Rolle als eine bewusste Entscheidung. Insofern hat der Glaube durchaus eine große Bedeutung. Entscheidend für unser Sein ist allerdings weniger das, was wir glauben, sondern das, was ist - die Wahrheit. Man kann in gutem Glauben handeln und daraus gewisse mildernde Umstände für die möglichen negativen Folgen für sich und v.a. für andere ableiten. Das ist auch in den entsprechenden Grenzen in unserem weltlichen Rechtsystem der Fall. Dennoch wäre das Rechtssystem als ganzes für die Katz, wenn allein der Glaube für die Beurteilung einer Handlung entscheiden würde.

Wahrheitssuche als Selbstfindungsprozess

Auch wenn wir die Wahrheit nie vollständig erkennen werden, wäre es ein großer Schritt nach vorne, die Existenz der Wahrheit in Erwägung zu ziehen. Die Suche nach der Wahrheit geht mit einem Selbstfindungsprozess einher, was Tradition und Glaube nicht in der gleichen Weise leisten können. Der Glaube im Rahmen einer Tradition ist eine vorschnelle Genügsamkeit, weil er auf Autorität gründet. Die Glaubensinhalte werden keiner Überprüfung unterzogen, sie sind einfach da. Das ist eine Art von Resignation. Wer sich seinen Glauben selbst zusammenzimmert, ist immerhin ein wenig aktiver. Doch das ist eine Art von Bequemlichkeit, wenn man sich zu schnell auf etwas festlegt. Und es artet schnell in Überheblichkeit aus, wenn man den eigenen beschränkten Bewusstseinsinhalt zur Wahrheit erklärt. Bewusstsein und Unterbewusstsein sind im normalen Leben nicht streng voneinander getrennt. Was im Unterbewusstsein an Trieben, Vorlieben, Überzeugungen u.a. verankert ist, hat wenig mit bewussten Entscheidungen zu tun. Da haben sich Tradition, Erziehung, individuelle Erfahrung positiver oder negativer Art zu einem oftmals verwirrenden Konglomerat verbunden. Wer davon nicht abstrahieren kann, kommt dann in der Tat dazu, dass Wahrheit persönlich geprägt ist.

Wer bereit ist, weiter zu gehen, der muss sich zunächst einmal mit sich selbst auseinandersetzen. Der muss herausfinden, was ihm das Unterbewusstsein als Wahrheit vorgaukelt, was aber einer objektiven Überprüfung nicht standhält. Deshalb fordert sowohl die östliche, als auch die westliche Mystik von dem Suchenden, sich selbst aufzugeben. Das bedeutet nichts anderes, als alle die unbewussten Vorlieben, Triebe, Affekte, Leidenschaften nicht zu beachten und innerlich leer zu werden. Nur dieser Zustand der demütigen, erwartungsvollen Leere bietet die Voraussetzung für Erfahrungen, die von subjektiven Einflüsterungen unbeeinflusst sind. Einfach ist das nicht; nur unter großen Anstrengungen gelangt man zu diesem Zustand, wo das wirkliche Leben erst anfängt. Und ob man dann auch wirklich auch nur ansatzweise zu irgendeiner Erfahrung der Wahrheit gelangt, ist weiter zweifelhaft. Doch das ist dann auch gar nicht mehr so wichtig. Wer zu der demütigen Erwartung gelangt ist, der hat auf dem Weg dorthin die Ungeduld längst abgelegt. Was jetzt noch kommt, liegt nicht mehr im Willen und im Vermögen des einzelnen, sondern ist ein Geschenk.

Soweit bin ich noch nicht, deshalb muss ich mich noch damit begnügen, das in Erwägung zu ziehen, was andere bereits erfahren haben. Das ist zwar auch in gewisser Weise ein Glaube, aber der beruht nicht auf Autorität wie der der Tradition oder der der Kirchen und Sekten. Es ist eher ein logisches Abwägen, was die schlüssigste Erklärung über das Sein liefert, ohne sich in Widersprüche zu verstricken. Ich empfinde das als ein Ergebnis der Vernunft. Ich kann mich irren, auch das ziehe ich in Erwägung. Letzten Endes aber erscheint mir der auf (übersinnliche) Erfahrung beruhende Ansatz der Erklärung der plausibelste. Und der sieht folgendermaßen aus:

Das individuelle Sein ist ewig und nicht auf die Zeit des Lebens auf der Erde beschränkt. Die menschliche Seele bekleidet sich gewissermaßen mit einem irdischen Körper, weil die materielle Existenz die Voraussetzung für die Freiheit ist. Nur in der Dunkelheit des materiellen Seins, wo göttliche Liebe, Licht und Macht dem Bewusstsein entschwinden, ist der Mensch auf sich allein gestellt. Nur hier kann er seinem Sein eine selbstbestimmte Richtung geben. Er kann auch der Illusion verfallen, nur seine eingebildete Wahrheit sei die einzige Wahrheit. Die Religionen geben ihm eine Hilfestellung auf seinem Weg durch die Zeit. Sie geben ihm mehr oder weniger deutlich Auskunft über seine Herkunft und sein Ziel und bremsen eine zügellose Entwicklung. Sie können aber die persönliche Entscheidung nicht ersetzen, sonst wäre die Freiheit nichts wert. Nun führt aber Freiheit ohne Verantwortung, wie man immer wieder sehen kann, zu Egoismus, Maßlosigkeit und Machtmissbrauch und letzten Endes zur Selbstzerstörung. Damit die Entwicklung nicht entgleitet, sind die Seelen eingebunden in das Gesetz von Ursache und Wirkung, das Karma-Gesetz. Als Gesetz aufgefasst, bedeutet das: Jeder menschliche Gedanke, jede Handlung, hat eine Wirkung in der geistigen Welt, die auf den Urheber wieder zurück wirkt. Schlechte, negative Gedanken, Worte oder gar Taten hemmen die Entwicklung der Seele, positive fördern sie. Das bedeutet gleichzeitig, dass jeder für sein Schicksal selbst verantwortlich ist, sei es in diesem oder in einem nächsten Leben. Was einem an guten oder schlechten Dingen passiert, hat man sich in der Regel selbst zuzuschreiben.

Man kann das Karma als ehernes Gesetz ansehen, und das ist auch bestimmt nicht falsch. Man kann das aber auch anders, vom individuellen Standpunkt aus, deuten, was mir persönlich mehr zusagt, weil das mehr auf die Freiheit Bezug nimmt: Alles, was der Mensch an negativen Gedanken, Worten und Taten von sich gibt, macht ihn unvollkommener, als er sein könnte. Wenn er dann sieht, was aus ihm geworden ist (das sieht jeder, wenn er seinen Körper ablegt), keimt der Wille, alle diese Unvollkommenheiten wieder auszugleichen. Aus diesem Grunde sucht er geradezu Krankheiten oder Schicksalsschläge, die für einen Ausgleich sorgen. Die Seele befreit sich damit gewissermaßen von einer Last, die sie sonst Stück für Stück erdrücken würde.

Was man sich in dieser Art selbst angetan hat, die subjektive Schuld, kann man ausgleichen. Was man anderen angetan hat, wird damit aber nicht aus der Welt geschafft. Das Leid, das ich einem anderen zugefügt habe, ist damit noch nicht ausgeglichen. Die objektive Schuld wird nicht ausgelöscht, weil in der geistigen Welt nichts verloren geht. Um diese objektive Schuld auszugleichen, bedarf es höherer Mächte. Das ist das, was das Christentum als Sündenvergebung bezeichnet. Die Sündenvergebung bezieht sich in erster Linie auf die objektive Schuld. So einfach, wie sich das auch heute noch mancher macht – bereuen, beichten, vergeben – ist die Situation keineswegs. Seine subjektive Schuld muss jeder selbst ausgleichen.

Wer noch niemals von solchen Gedanken gehört hat, wird sich möglicherweise abgestoßen fühlen. Wer trotzdem darüber nachdenkt, wird auf vermeintliche Widersprüche stoßen, die nun mit Wahrheit herzlich wenig zu tun haben. Wenn man sich alles, was an negativen Situationen an einen herankommt, selbst ausgesucht hat – was ist dann mit dem vordergründigen Verursacher? Ein einfaches Beispiel macht deutlich, wie undurchsichtig diese Weltsicht ist: Wenn mich jemand schlägt oder verprügelt, dann habe ich mir das selbst ausgesucht, um ein selbst begangenes, früheres Unrecht auszugleichen. So weit, so gut. Heißt das, dass derjenige, der mir das jetzt antut, für seine Tat nicht verantwortlich ist? Schließlich hat er mir ja einen Gefallen getan. Gilt das auch für den Gewaltverbrecher, sollte der etwa seinem Opfer eine Gnade erwiesen haben? Das würde dann ja auch für die Banker gelten, von denen weiter oben die Rede war, und für alle, die ihre Macht missbrauchen. Das aber kann doch wohl nicht sein.

Wie es scheint, stößt man, sobald man ein Problem erkannt zu haben glaubt, an ein neues Hindernis. Die Wahrheit ist offensichtlich nicht so einfach, wie man das gerne hätte. Die Welt um uns herum ist komplex und nie ganz zu durchschauen. Wer sich mit dem gewöhnlichen Bewusstsein diesen Fragen des Seins nähert, wird in den hier angesprochenen Erklärungen viel Willkür und Ungerechtigkeit empfinden. Was wohl auch zu einem großen Teil dafür verantwortlich ist, dass viele Menschen es schlichtweg ablehnen, sich damit zu befassen. Das ist verständlich, aber trotzdem problematisch. Ich empfinde das als eine Kapitulation vor den Geheimnissen des Daseins, aus (unberechtigter) Angst vor den Konsequenzen der Wahrheit.

Es ist natürlich nicht so, dass es keine Erklärungen für diese vermeintlichen Ungereimtheiten gibt. Um die zu verstehen, muss man aber tiefer in die Geheimnisse des Seins eindringen, als das in diesem Rahmen möglich ist. Während die bisherigen Gedankengänge meiner Ansicht nach als erster Schritt für jeden nachvollziehbar sind, der sich unvoreingenommen darauf einlassen will, ist das für ein weitergehendes Verständnis nicht ohne weiteres der Fall. Dafür muss man den ersten Schritt schon hinter sich gebracht haben und in der Lage sein, die eingetretenen Pfade zu verlassen. Dann ist es leichter, hinter all den Ungereimtheiten, die der Mensch konstruiert, weil er mit seinem Verstand nur bis zu einer gewissen Grenze gelangt und daher nur einen Teil der Wahrheit erfassen kann, die Geborgenheit jedes Wesens in der Fülle des Seins zu sehen.

Das Schlusswort zu diesem Thema stammt von Novalis, das vielleicht dem einen oder anderen helfen kann, die Traditionen und Autoritäten mit gebührendem Abstand zu sehen:

Siehst Du einen Riesen,
achte auf den Stand der Sonne,
ob es nicht der Schatten
eines Zwerges ist.

Außerdem fällt mir noch ein Satz von Schiller ein, der ähnlich klingt:

Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei.
Und würd er in Ketten geboren,
Lasst euch nicht irren des Pöbels Geschrei,
Nicht den Missbrauch rasender Toren.
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht,
Vor dem freien Menschen erzittert nicht.

2013

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