Demokratie und Dynamik
April 2025. Ein wildgewordener (wahrscheinlich war er das schon immer) Präsident in Amerika in Zusammenarbeit mit einem Industrieboss, dem es nicht in erster Linie um Menschen und Menschlichkeit geht, versucht rücksichtslos, eigene Interessen durchzusetzen, Gesetzte hin oder her. Er ist nicht der einzige in unserer Zeit, aber da er Präsident der größten Wirtschaftsmacht der Welt ist, kann er sich wesentlich mehr leisten als alle seine Gesinnungsgenossen vor ihm. Es schert ihn zudem wenig, was seine politisch und wirtschaftlichen Verbündeten von seinem Gebaren halten. Eher das Gegenteil ist der Fall: Je mehr Widerspruch er erfährt, desto deutlicher muß er sich selbst beweisen, daß er der Größte ist. Es wird lamentiert, die Demokratie sei in Gefahr. Das ist wohl auch wahr, aber bzgl. der Gegenmaßnahmen herrscht allgemein Ratlosigkeit. Das Gegenbild zu Big Brother aus Amerika bei uns ist die AfD, die eine ähnliche Linie verfolgt. Die Verbrüderung von Elon Musk mit Alice Weidel ist da nur eine kleine Randnotiz. Die einzige Antwort, die die etablierten Parteien, die sog. demokratische Mitte, haben, ist Abgrenzung. Man will nichts mit den "rechten Spinnern" zu tun haben, und erreicht damit doch gerade das Gegenteil: Je mehr man den Themen, mit denen die AfD punktet, aus dem Weg geht, desto mehr Zustimmung erfährt sie. Das ist schwierig, weil ein Themenvakuum entsteht. Es werden wichtige Fragen in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion ausgeklammert, die vielen Menschen wichtig sind. Die Gemüter trennen sich beim Thema Migration. Für die einen sind Migranten allesamt arme Menschen, die unsere uneingeschränkte Hilfe benötigen, für die anderen sind sie eine Gefahr, die man mit allen Mitteln abwehren muß. Dazwischen gibt es nicht viel. Dabei liegt die Wahrheit wie so oft, oder besser: wie immer, irgendwo dazwischen. Auch das ist ein Charakteristikum unserer Zeit: Die Meinungen tendieren eher hin zu den extremen Rändern als zu einer gemeinsam erarbeiteten Lösung. Die letzte Regierung aus Rot-Grün-Gelb, v.a. der gelbe Anteil, war das Spiegelbild dieser Einstellung: Maximaler Erfolg für meine eigene oder meine Klientel, aber bloß keine Suche nach Lösungen, die für die gesamte Gesellschaft wertvoll wären. Allerdings möchte ich den Grünen, v.a. dem Wirtschaftsminister Robert Habeck, zugute halten, daß sie bereit waren, am weitesten über ihren Schatten zu springen. Bei den Grünen, insbesondere bei denen, die in vorderster Front stehen, kann ich mehr Pragmatismus erkennen als bei allen anderen Parteien. Generell scheint mir, je weniger Stimmenanteil eine Partei hat, desto lauter muß sie auftreten, und desto weniger ist sie bereit, Kompromisse einzugehen. Das gilt auf jeden Fall für die FDP und wohl auch für die CSU, deren großkotziges Gehabe in Bayern ankommen mag, im restlichen Deutschland aber weniger gut. Es ist wohl wie bei vielen Menschen: Minderwertigkeitskomplexe werden mit Geschrei und Muskelkraft kompensiert. Immer mehr rücken Einzelinteressen in den Vordergrund, und immer weniger scheint am Wohl der Gesellschaft als Ganzes zu liegen.
Dazu gäbe es noch viel zu sagen, mir geht es hier aber mehr um die Frage, was man dagegen tun kann und sollte. Doch da gibt es ein grundsätzliches Problem: wenn man sich sowieso nirgends so richtig einig ist, wie sollte man dann eine gemeinsame Linie für die Rettung der Demokratie finden? Insofern scheint die Situation aussichtslos, und tendenziell muß man konstatieren, daß die Situation von Jahr zu Jahr, von Wahl zu Wahl, schwieriger wird.
Es ist hilfreich, sich mit den Grundlagen unseres Gesellschaftssystemes auseinanderzusetzen. Im Grunde genommen ist das nichts neues, und das meiste, was ich darüber zu sagen habe, ist bereits gesagt worden (s. Demokratie). Trotzdem wird das eine oder andere vielleicht zum besseren Verständnis beitragen. Wir bilden uns viel auf unser demokratisches System ein und glauben tatsächlich, damit am Ende der gesellschaftsbildenden Entwicklung angelangt zu sein. In meinen Augen ist die Demokratie kein Wert an sich. Sie ist erst dann anderen Formen überlegen, wenn die Entscheidungsfindung im demokratischen System von gegenseitigem Respekt, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit durchdrungen ist. Davon sind wir weit entfernt. Grundlage für unser Wirtschaftssystem ist die These von Adam Smith, dass das Wohl der Gesellschaft am besten gefördert wird, wenn jeder in erster Linie an sich selbst denkt. Die unsichtbare Macht des Marktes sorgt dann dafür, dass die einzelnen Egoismen zum Wohle aller koordiniert werden. Das klingt verrückt und ist in der Tat eine ziemlich perverse Einstellung. Sie hat beispielsweise dazu geführt, dass die Reichen immer reicher werden, und dass wenige Superreiche so viel Macht in Händen haben, dass sie zu einer Gefahr für die Volkswirtschaften werden, wenn sie ihre Interessen bedroht fühlen. Trotzdem hat sich daraus der Wirtschaftsliberalismus entwickelt, der nicht nur die Grundlage für unser Wirtschaftssystem bildet, sondern mitlerweile im Grunde das Denken der westlichen Welt beherrscht. Parallel dazu ging der Glaube an wie auch immer geartete übersinnliche Welten verloren. Das Leben beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod, die Ewigkeit ist lediglich ein physikalisches Phänomen. Um uns herum ist Nichts. Alles was früher Trost und Zuversicht gespendet hat – der Glaube an eine göttliche Führung, hat heute für die meisten Menschen keine Bedeutung mehr. Die einzelne Persönlichkeit steht isoliert neben allen anderen. So betrachtet ist die Situation unausweichlich. Die Besinnung auf die eigene Persönlichkeit isoliert den Menschen und trübt den Blick für die Gemeinschaft. Ich will damit keineswegs den Ansatz von Adam Smith schlecht reden. Es war ein Aufbruch in eine neue Denkweise und wurde zum Motor der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Worauf ich hinaus will, ist folgendes: Ein bestimmter Gedanke, der zum Leitbild einer Entwicklung wird, hat zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Entwicklungszuständen andere, möglicherweise sogar konträre Auswirkungen. Am Anfang war es ein Befreiungsschlag von feudalen Zwängen, die die individuelle Entwicklung behinderten. Und das Ergebnis war durchaus positiv und förderlich für die gesellschaftliche Entwicklung. Irgendwann aber waren die Zwänge überwunden und der neue Ansatz wurde es zu einem Selbstzweck, Und damit führt das gleiche Leitbild, das für Fortschritt und allgemeinen Wohlstand sorgte, zu einem späteren Zeitpunkt zum Untergang. Vieles, was dazu zu sagen ist, habe ich bereits in "Freiheit und Entwicklung" beschrieben.
Ich sehe deutliche Parallelen zwischen den Vorgängen in der gesellschaftlichen und der "natürlichen" Evolution, also allem, was in der Natur ohne einen willensgeprägten Einfluss des Menschen entsteht. Mein liebstes Beispiel ist immer noch die Vegetationsentwicklung auf einem Rohbodenstandort, also einem Bereich, in dem die obere humose Bodenschicht abgetragen wurde oder noch gar nicht entstanden ist, beispielsweise einem Lavafeld. Wenn das Klima, also Niederschläge und Temperaturverlauf, einigermaßen förderlich ist, kann auf der freien Fläche alles keimen, was Wind, Wasser oder Tiere eintragen. In unserem Klima keimen relativ schnell Bäume, die zu einem Wald heranwachsen. Während allerdings zu Beginn dieser Entwicklung v.a. solche Pflanzen gut gedeihen, die viel Licht brauchen, dafür aber mit extremeren Bedingungen wie Trockenheit oder Spätfrost besser zurecht kommen, ist ihr Lebensende im Prinzip mit dem Bestandsschluss erreicht, weil dann immer weniger Licht für den einzelnen Baum zur Verfügung steht. Es sind die Bäume selbst, die dafür sorgen, dass sich die Lebensbedingungen für sie verschlechtern. Dann kommt die Zeit der Bäume, die auch im Schatten aufwachsen können. Das Artenspektrum verändert sich also durch die eigene Aktivität. Das ist ein entscheidender Punkt bei der Betrachtung von Evolution: Es ist nicht etwas Neues, das das Alte verdrängt, es ist vielmehr so, dass das Alte sich selbst besiegt und auseinander bricht. Das geht eigentlich immer so weiter. Erst wenn das Alte schwach geworden ist, kann etwas Neues keimen. Neue Ideen, die möglicherweise schon frühzeitig wünschenswert wären, haben erst eine Chance, wenn sich Lücken gebildet haben. Nur in den Lücken kann sich Neues entwickeln.
Ich bin sicher, dass es sich lohnt, darüber nachzudenken, bzw. genauer nachzuforschen, ob ein Muster hinter allen Entwicklungsphänomenen zu erkennen ist. Durch eine solche dynamische Betrachtungsweise würden prinzipiell alle als sicher geglaubten gesellschaftlichen Errungenschaften in frage gestellt. Beispiel Demokratie: überall auf der Welt, auch in sicher geglaubten Demokratien, versuchen rechte Kräfte, die Demokratie mit demokratischen Mitteln abzuschaffen. Das wird nicht von heute auf morgen passieren, aber die Tendenz ist zu erkennen, und fehlende Zielstrebigkeit kann man den Rechten nicht nachsagen.
Ich möchte damit allerdings nicht sagen, dass die Entwicklung unausweichlich ist. In der Natur mag es so sein, auch wenn es auch dort immer wieder äußere oder innere Einflüsse gibt, die den geraden Verlauf der Entwicklung hemmen oder zumindest verändern. In der gesellschaftlichen Entwicklung darf man den freien Willen des Menschen nicht außer acht lassen. Wir haben es in der Hand, den Verlauf der Entwicklung zu steuern. Wenn wir wissen, wo Gefahren lauern, könen wir etwas dagegen tun, bevor es zu spät ist und der Niedergang nicht mehr aufzuhalten ist. Ich fürchte aber, dass wir die Chance bereits verpasst haben. Trotzdem ist es zu früh, die Hoffnung aufzugeben. Die Entwicklung geht entweder automatisch weiter, oder mit unseren bewussten Einflüssen. Wenn wir die Entwicklung gestalten wollen, müssen wir handeln. Als erstes müssten wir uns eingestehen, dass in unserem demokratischen System etwas fehlt. An sich ist ja der Gedanke von Adam Smith nicht falsch. Es ist gut, wenn die Persönlichkeit sich frei entfalten kann. Dagegen ist nichts einzuwenden. Der Kulminationspunkt ist aber erreicht, wenn die freie Entfaltung des einen auf Kosten des anderen geht. Diese Tendenz ist nicht zu übersehen. Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auf, Kapital konzentriert sich in den Händen von wenigen, mit der Macht ist es genauso. Staaten begnügen sich nicht mit dem Status Quo, es ist fast schon wieder legitim, über seine Nachbarn herzufallen. Russland greift erst nach der Krim, dann nach der Ukraine. China hat den Anfang mit Hongkong gemacht, als nächstes wird Taiwan an der Reihe sein. Wo die Gesetze noch eine starke Wirkung haben, ist es nicht ganz so einfach, aber man kann schon mal darüber nachdenken: Siehe Donald Trump. Noch ist die Einbürgerung von Kanada und Grönland eine Phantasie, aber die Idee an sich ist auf dem Tisch.
Der Gedanke von Adam Smith wurde zu einer treibenden Kraft in der gesellschaftlichen Entwicklung. Deswegen ist es illusorisch, wenn man glaubt, mit Gesetzen die Welt verändern zu können. Gesetze sind gut, um Auswüchse zu verhindern und zu begrenzen, sie werden aber nie ein Leitbild für das Denken und Handeln der Menschen sein. Mein Focus sind nicht so sehr die vielen Errungenschaften, auf die wir uns ach so viel einbilden: Auf Menschenrechte, freie Meinungsäußerung, freie Entfaltung der Persönlichkeit und so manches mehr. Viel wichtiger ist das, was uns von innen antreibt. Was unser Denken und Handeln bestimmt. Man hört immer wieder, es gäbe kein System auf der Welt, in dem sich die Persönlichkeit besser entwickeln könne als in unserem. Dem stimme ich sogar zu. Das kann aber doch nicht heißen, dass ich mich blind gegenüber den Nachteilen machen muss. Die Kraft zur Veränderung und zur Verbesserung ist quasi in das demokratische System integriert. Sie fordert den freien Menschen geradezu heraus, sich mit den Vor- und Nachteilen auseinanderzusetzen. Kein anderes System, ob kommunistisch oder diktatorisch, ist dazu in der Lage. Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen einem Impuls, der die Entwicklung antreibt, und einem, der lediglich parallel dazu läuft, ohne eine Wirkung zu entfalten. Der zweite ist vergleichbar mit den (juristischen) Gesetzen, die nur vom Verstand geformt sind. Sie sorgen dafür, dass niemand allzu sehr über die Stränge schlagen kann. Aber sie können auch die Entwicklung behindern, weil sie die freie Entfaltung einschränken. Zu viele Gesetzte können sogar schaden. Bestes Beispiel ist die Diskussion um den Bürokratieabbau, die gefühlt seit 20 Jahren am kochen ist, aber nie wirklich zu einem Erfolg geführt hat. Oder die Migrations-, bzw. Asylgesetze. Die sind in ruhigen Zeiten gut und sinnvoll, in der Krise aber möglicherweise nicht. Wenn unsere Nachbarn, wie es 2015 der Fall war, die Grenzen Öffnen und alle Flüchtlingsströme durchlassen, sind wir irgendwann überfordert. Dann ist es wenig hilfreich, wenn man auf Menschenrechte pocht, damit alles bleibt, wie es ist. Das Gute ist offensichtlich nicht absolut gut. Es kann durchaus ins Gegenteil umschlagen. Nehmen wir an, wir wären uns einig darüber, dass alle Migranten arme Menschen sind, denen wir nach festen Regeln helfen müssen. Irgendwann, ob kurz oder lang, werden unsere Ressourcen erschöpft sein. Auch dann kann man immer noch sagen, die Menschenrechte sind unantastbar und es ist besser, uns zu opfern, als Hilfe zu versagen. Dann bleibt irgendwann nur noch Chaos, und das hilft weder uns noch den Migranten. Irgendwo muss es einen Mittelweg geben, bei dem wir unsere Menschlichkeit nicht verlieren, aber trotzdem unsere Identität wahren können. Den werden wir nicht finden, wenn wir immer nur alte Gesetze aus alten Zeiten herunter leiern. Die Entwicklung wird auch dann voranschreiten. Langsam aber sicher. Daran zweifle ich nicht. Denn so funktioniert der Lauf der Zeit: Geburt, Wachstum, Fortschritt, Stagnation, Zusammenbruch – und dann eine neue Geburt auf einer höheren Stufe. Entwicklung muss man sich dreidimensional vorstellen: in zwei Dimensionen sieht man nur das ewige Auf und Ab, den Kreislauf des Lebens. Das ist aber nur ein Zerrbild der Wirklichkeit. Erst wenn man sich eine dritte Dimension dazu denkt, kommt man der Realität näher. Dann sieht man zwar auch das Auf und Ab, Werden und Vergehen, aber das neue Werden entsteht auf einer höheren Ebene, so dass auch im Vergehen ein Fortschritt zu erkennen ist. Ich glaube allerdings, dass wir, je stärker die einzelnen Persönlichkeiten entwickelt sind, es selbst in der Hand haben, wie lange die absteigenden Phasen dauern. Wenn wir keinen aktiven Einfluss ausüben, geht die Entwicklung langsam, unmerklich. Mit unserer – gemeinsamen – Mitwirkung können wir die Entwicklung positiv oder negativ beeinflussen. Heute haben wir einen Kulminationspunkt der Persönlichkeitsentwicklung erreicht. überall auf der Welt stehen die Zeichen auf Konfrontation statt auf Miteinander. Das ist die logische Folge der Persönlichkeitsentfaltung. Die notwendige Besinnung auf die eigene Person endet im Egoismus, wenn sich kein anderer Impuls dazugesellt. Diesen Impuls müssen wir finden, und zwar möglichst schnell. Gefragt ist die – freiwillige – Beschränkung der Persönlichkeit. Darüber habe ich mich hier schon mehr oder weniger ausführlich ausgelassen (s. "Gesellschaftsentwicklung", "Freiheit, Wissen und Glaube"). Wir müssen verstehen, dass wir nicht zufrieden leben können, wenn es anderen schlechter geht als uns selbt. Das gilt auf der zwischenmenschlichen Ebene, als auch auf der Ebene der Staaten.
Eine andere Folge der überbetonung der Eigeninteressen ist die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft. Wenn man in erster Linie seine eigene Situation vor Augen hat, ist es schwierig, das Ganze zu sehen. Die Stärkung der Ränder unserer politischen Parteien ist nur ein Beleg dafür. Dazu kommt, dass es beinahe normal ist, die Zusammenarbeit mit anderen Gruppen zu verweigern, wenn die eigenen Interssen nicht berücksichtigt werden. Die FDP hat die Ampel scheitern lassen, um keine Politik für die Gesellschaft mittragen zu müssen. Die CDU, und mehr noch die populistischen Quertreiber der CSU, verweigern aus Prinzip jegliche Zusammenarbeit mit Linken oder Rechten, auch wenn die einen oder anderen Themen Anlass zum Nachdenken wert wären. Schlimmer noch: Wenn die Argumente fehlen, wird der Andersdenkende diskreditiert, was eine Zusammenarbeit von vornherein ausschließt. So wird die Forderung nach Wiedereinführung der Vermögenssteuer oder Erbschaftssteuer gleich auf eine Neiddebatte reduziert. Dann geht es nicht mehr um Argumente, sondern um Emotionen. Wer will schon gerne zugeben, dass er neidisch auf andere ist? Auch beim Dauerthema Rente ist niemand bereit, seine Privilegien aufzugeben, was eine grundlegende Reform ebenfalls ausschließt. Man wird mir entgegenhalten: Es war schon immer so, dass die Mächtigen und Privilegierten ihre Interessen geschützt haben. Das ist richtig. Richtig ist aber auch, dass die Schwachen und Unterprivilegierten durch ihre demokratische Willensäußerung dieses System unterstützen und am Leben halten. Vielleicht in der Hoffnung, selbst einmal zu den Privilegierten zu gehören. Vielleicht aber einfach nur aus mangelnder oder gar mangelhafter Information.
Auch das ist ein deutliches Zeichen absteigender Entwicklung. Wir haben langwierige Kämpfe für die Meinungsfreiheit ausgefochten, bis sie in Gesetzen unverrückbar festgeschrieben wurden. Es hat nicht lange gedauert, bis auch diese Errungenschaft ins Gegenteil verkehrt wurde. Heute gibt es einen ganzen Wirtschaftszweig, der sich damit beschäftigt, wie man unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit Tatsachen zugunsten der eigenen Klientel verhübscht und verdreht. Die Marketingexperten werden geschult, um die Dinge in einem angenehmen Licht darzustellen. Was legitim ist, um gewisse Vorteile oder Vorzüge anzupreisen, kann nicht mehr hingenommen werden, wenn es zu bewusster Täuschung wird. Dann bedeutet Meinungsfreiheit das Recht auf Manipulation, aus Wahrheit wird Lüge. Und wer über genügende Mittel verfügt, kann sich Zustimmung kaufen. Mit dem Einsatz von genügend Kapital kann die sichtbare Medienmeinung beeinflusst werden. Auch dreiste Lügen sind von dem Recht auf Meinungsfreiheit geschützt. Ich erinnere mich an eine Meldung im Dezember letzten Jahres, als es aufgrund einer Dunkelflaute recht wenig Ökostrom gab. Da wurden Industrielle zitiert, deren Existenz aufgrund enorm gestiegener Strompreise an den Börsen lt. eigener Aussage bedroht war. Was sie nicht sagten, und was erst Tage später zögerlich ans Licht kam, war, dass sie das ganze Jahr über von sehr billigem Ökostrom profitierten, ja dass sie aufgrund der überproduktion von Ökostrom oft dafür bezahlt wurden, dass sie Strom abnehmen. Die Tage, an denen sie überhöhte Preise zahlen mussten, waren nicht besonders zahlreich. Wenn irgendwelche Interessen das erfordern, wird die Öffentliche Meinung mit Halbwahrheiten oder Lügen überschwemmt, und der Erfolg bleibt nicht aus. Noch ein Beispiel aus der Politik (aus einer Kolumne von Christian Stöcker im Spiegel, 1.12.2024): „Auch in Deutschland erlebt die Lüge als Mittel der Politik gerade einen Boom... Diese Woche behaupteten zum Beispiel das Magazin Cicero und die Bild-Zeitung, Wirtschaftsminister Robert Habeck habe 2022 einen Bettelbrief nach Frankreich geschickt, um dort Atomstrom zu beschaffen. Richtig ist das Gegenteil: Habeck hatte nach Frankreich geschrieben, um sich nach dem französichen Importbedarf zu erkundigen, wegen problemanfälliger Kernkraftwerke dort. Im fraglichen Zeitraum exportierte Deutschland dann tatsächlich ziemlich viel Strom nach Frankreich, wie Fraunhofer-Energieexperte Bruno Burger am Donnerstag klarstellte. Das hielt Jens Spahn (CDU) nicht davon ab, unter Berufung auf die Bild-Zeitung bei X zu verbreiten: "um Atomstrom aus Frankreich betteln. Aber Kernkraftwerke in Deutschland abschalten. Die grüne Energiepolitik ist voller Wiedersprüche und hat unserer Wirtschaft nachhaltig geschadet." Das ist offensichtlich falsch, und zwar gleich doppelt: Erstens ging es eben um das Gegenteil von betteln, und zweitens hat die Abschaltung der Atomkraftwerke im Jahr 2011 ja eine schwarz-gelbe Regierung beschlossen, keine grüne. Zu den Abgeordneten, die dafür stimmten, gehörte auch der junge Abgeordnete Jens Spahn.“
Statt also immer noch stolz auf unsere gesellschaftlichen Errungenschaften zu sein, sollten wir uns eingestehen, dass diese Errungenschaften längst gegen uns verwendet werden. Noch einmal: das ist kein Plädoyer, zu alten Grössen zurückzukehren. Entwicklung ist sozusagen ein Grundgesetz des Lebens. Sie gehört untrennbar zum Leben dazu und kann nicht aufgehalten werden. Werden und Vergehen sind keine Aspekte des Seins, die man gut oder schlecht finden kann. Werden und Vergehen sind Bestandteile der Entwicklung, sie sind Realistäten, an denen nicht zu rütteln ist. Wir können das Vergehen nicht aufhalten, denn dann gäbe es auch kein Werden. Wir können das Werden beschleunigen, wir können das Vergehen hinauszögern. Doch die Entwicklung verhindern, wird nie möglich sein.
Bezogen auf unser Thema bedeutet das: Die Persönlichkeitsentwicklung, auch wenn sie sich derzeit in einer Krise befindet, ist nicht an sich schlecht. Das gilt für den Ansatz von Adam Smith ebenso wie die weitergespannte Betrachtung unter "Freiheit und Entwicklung". Sie ist sogar die Voraussetzung für wahre Menschlichkeit. Auch das ist schon gesagt worden. Es heißt z.B. in "Todeserfahrung": "Nur eine starke Persönlichkeit wird in einem Verzicht oder einem Opfer keine Schwächung der eigenen Existenz sehen, sondern eher eine Stärkung. Jeder Verzicht, wenn er bewusst und freiwillig erfolgt ist, trägt dazu bei, sich zu lösen von den äußeren Werten, die einen in der Welt gefangen nehmen wollen, die den Irrtum fördern, der Wert eines Menschen sei gekoppelt an Besitz, Ansehen, Macht. Der Verzicht und das Opfer sind in gewisser Weise das Regulativ, was verhindert, dass die Persönlichkeitsentfaltung über das Ziel hinausschießt."
Wir haben also im Grunde ein Erkenntnisproblem. Was früher durch den Glauben im Zusammenhang mit der Religion bewirkt wurde, muss heute durch eine freie Willensentscheidung geschehen. Je stärker die Persönlichkeit wirkt, desto wichtiger wird auch die persönliche Verantwortung. Eine starke Persönlichkeit entscheidet selbst über das, was für sie wichtig und richtig ist, weil sie sich nicht leicht von fremden Einflüssen beeinflussen lässt. Das ist gut für negative Einflüsse, aber es birgt auch die Gefahr, dass man sich vor Gedanken verschließt, die es wert wären, beachtet zu werden. Es gibt keine Instanz mehr, die absolute Werte definiert. Die Persönlichkeit ist selbst dafür verantwortlich. Das alles kann man heute nur allzu deutlich beobachten. Viele scheinen zu glauben, Ihre ganz eigene Meinung und die Wahrheit seien ein und dasselbe (s.auch Wahrheit und Glaube). Leider wird man nicht mit Persönlichkeit geboren (kindliche Eigenarten, Vorlieben, Interessen und Begabungen haben nichts mit der Art von Persönlichkeit zu tun, von der hier die Rede ist). Die muss man sich selbst erarbeiten. Persönlichkeit muss reifen. (Meine Frau wird wahrscheinlich behaupten, dass ich es noch nicht sehr weit in dieser Hinsicht gebracht habe). Lebenserfahrung ist unabdingbar. Deshalb bin ich skeptisch, wenn junge Menschen mit fertigen Lösungen kommen. So recht sie mit Ihren Forderungen haben mögen, seien es Klimaaktivisten oder Jusos, Junge Liberale oder Leute von der Jungen Union, Ihre Forderungen sind einseitig. Sie sprechen für sich oder ihre Gruppen, aber nie für die Gesellschaft als Ganzes.
Auch Menschen mit Lebenserfahrung haben allzu oft nur einfache, illusorische Lösungen anzubieten, die aus irgendeiner Ideologie entspringen. In der taz (23.5.2025), in der ich immer wieder gut recherchierte Analysen finde, habe ich einen Kommentar zur Situation der Demokratie gelesen. Der Autor (Bernward Gesang) beklagt den Rechtsruck in allen Gesellschaften weltweit, den Stillstand in den Bemühungen, mit den vielen Krisen unserer Zeit zurecht zu kommen. Ich kann ihm grundsätzlich in allem zustimmen, wenn ich manchmal auch andere Worte wählen würde. Doch bei den Konsequenzen und Lösungen, die er anzubieten hat, wird es nichtssagend diffus. Er sagt, "Politik müsse weniger kurzfristig im Hier und Jetzt regieren, sie müsse sachkundiger werden und dem Populismus in ihren Reihen einen Riegel vorschieben, etwa indem Kandidatinnen und Kandidaten sorgfältiger ausgewählt werden." Sein Verstand bringt es nur soweit, anderen gute Ratschläge zu geben.
Viel wichtiger wäre es, sich selbst zu sagen, was man tun kann und muss, um der Entwicklung eine andere Richtung zu geben. Es hilft nicht, zu warten, bis sich etwas ändert. Jeder muss selbst seinen Beitrag leisten, damit ein neuer, kraftvoller Impuls uns wieder nach vorne bringt. Das können kleine Dinge im Handeln oder im Denken sein. Wichtig ist nur, dass eine genügend große Anzahl von Menschen ähnliche Absichten verfolgt. Was die Entwicklung vorantreibt ist nicht der Verstand, sondern der Wille, Nur der Wille kann einen Impuls zum Fortschritt liefern. Es geht nicht um gute oder schlechte Gesetze, die von der einen oder anderen Partei auf den Weg gebracht werden. Ebenso wie der Gedanke von Adam Smith – positiv formuliert: jeder soll seinen eigenen Weg gehen -, eine Aufforderung an jeden einzelnen war, müssen sich neue Lösungen durch jeden einzelnen in die Gesellschaft einleben, während die Politik lediglich die gesetzlichen Rahmenbedingungen dazu schaffen kann. Die kommen aber immer erst, wenn eine Entwicklung bereits eine gewisse Schwere erreicht hat. Es kann also nie darum gehen, anderen zu sagen, was sie tun und lassen sollen. Oder darum, Leitbilder für die Gesellschaft aufzustellen. Es geht immer nur um jeden einzelnen selbst. Ich würde mir selbst widersprechen, wenn ich eine fertige Lösung anbieten würde. Was wir brauchen, ist eine kraftvolle gesellschaftliche Diskussion darüber, wie wir uns unser künftiges Zusammenleben vorstellen. Es gibt davon jede Menge Beiträge von ernstzunehmenden Menschen. Gerade heute habe ich im Deutschlandfunk ein Interview mit Ingrid Robeyns gehört, Philosophin und Ökonomin, Inhaberin des Lehrstuhls für Ethik der Institutionen an der Universität Utrecht, Mitglied in der niederländischen Akademie der Wissenschaften. Es ging darin um ihr neues Buch über Limitarismus, der eine Obergrenze für persönlichen Reichtum fordert. Es gibt viele Gründe wirtschaftlicher und moralischer Natur, die diesen Ansatz stärken. Es handelt sich um eine rationale Auseinandersetzung mit dem Für und Wider, das das Gerede über Neiddebatten ad Absurdum führt. Natürlich ist das keine Lösung unserer Probleme. Aber der Ansatz kommt aus der richtigen Richtung. Es geht im Wesentlichen nämlich um die Gesellschaft als Gemeinschaft, und nicht um das einzelne Individuum.
Und noch etwas kann man lernen, wenn man die Verhältnisse, das Leben aus dem Blickwinkel der dynamischen Entwicklung betrachtet: Es gibt kein absolut Gutes oder Schlechtes. Was heute gut ist, kann morgen bereits schlecht sein. Wie die Persönlichkeitsentwicklung zum Egoismus verkommt, wenn sie keine neuen Impulse in sich aufnimmt, so muss eigentlich jede Situation nach ihrer Richtung beurteilt werden. Also gehört immer die Frage gestellt: wie geht es weiter, wenn nichts neues passiert? Es gibt keinen Idealzustand, auf dem man sich ausruhen könnte. Alle Handlungen sind in dynamische Prozesse eingebunden. Jede Handlung hat eine Wirkung, die als neue Handlung wieder eine Wirkung erzeugt, usw.
Ein gutes Beispiel, das möchte ich zum Schluß noch loswerden, sind die Abgründe, in denen man sich auch als religiöser Mensch verlieren kann. An sich bin ich ja der Meinung, dass Religion ein Gegenmittel für egoistisches Verhalten ist. (übrigens sehe ich keinen großen Unterschied zwischen Religiosität und Spiritualität). Leider ist das nicht zwingend der Fall, wie die fundamentalistischen Islamisten immer wieder beweisen. Was mich noch mehr erschreckt, sind die sogenannten christlichen Fundamentalisten, die nicht besser sind. In der Republik, einem digitalen Magazin für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur, habe ich 2022 einen Artikel von Annika Brockschmidt und Thomas Lecaque über christlichen Faschismus in Amerika gelesen. Mittlerweile ist die republikanische Partei von dieser religiösen Gruppierung stark unterwandert. Sie verbreitet ein manichäisches Weltbild, das überall den Kampf zwischen Gott und Teufel, zwischen Gut und Böse sieht. Und die bereit ist, diesen Kampf mit Gewalt zu führen. Wenn man nur zwischen Gut und Böse unterscheidet, ist man schon in seinem eigenen Irrtum gefangen: Jeder hält sich selbstverständlich per se für den Guten – das bedeutet aber gleichzeitig, dass die anderen die Bösen sein müssen. Je nach der eigenen Toleranzschwelle reichen dann schon Nuancen aus, warum andere die Teufel sind. Nach republikanischer Lesart sind das natürlich die Demokraten. Bei dieser Einstellung wird es schwer, mit einem politisch anders Denkenden eine gemeinsame Lösung zu finden. Es geht dort nur noch nach rückwärts. Alles, was wir an Menschlichkeit in den letzten Jahrhunderten dazugewonnen haben, steht wieder auf dem Prüfstand. Der christliche Faschismus propagiert wieder unverhohlen die Herrschaft der weißen Rasse, und auch Schwule und Lesben sind selbstverständlich nur noch Menschen zweiter Klasse. Hier zeigt sich überdeutlich, was passiert, wenn man nicht nach vorne gehen will. Durch das Beharren auf alten Werten werden diese Werte pervertiert. Überhaupt hat diese Einstellung wirklich überhaupt nichts mit christlichen Werten zu tun. Die Werte der Faschisten stammen noch aus dem Alten Testament. An denen sind die Jahrtausende spurlos vorüber gegangen.
Ich muss gestehen, dass auch ich vor einigen Jahrzehnten, was alte Werte betrifft, ähnlich gedacht habe. Wenn man sieht, wie überall nach Geld und Macht gegiert wird, wie Menschlichkeit mit Füßen getreten wird, wie alle Werte ihren Anspruch auf Gültigkeit verlieren, sehnt man sich nach einer starken Hand, die die Ordnung wiederherstellt. Und wenn im gesellschaftlichen Kontext keine Perspektive für eine bessere Welt zu erkennen ist, wird man als einzige Lösung mit verklärtem Blick in die Vergangenheit etwas finden, was dort besser war als im Jetzt. Religiöse Menschen sind in dieser Hinsicht vielleicht empfänglicher und auch gefährdeter als andere, weil es in den religiösen Traditionen genügend Vorbilder gibt, denen man nacheifern kann, bzw. denen man die Schaffung einer besseren Welt zutrauen würde. Doch das ist alles Illusion. Alle, die die bessere Welt in der Vergangenheit gesucht haben, haben die Welt schlechter gemacht.
Das ist keine Argumentation gegen Religion, und schon gar nicht gegen christliche. Wer in der Religion Demut im Handeln und im Urteil sucht, wie das gerade die christliche Anschauung fordert, der sollte eigentlich auf dem richtigen Weg sein. Doch das Beispiel zeigt überdeutlich, wie nur ein bißchen falsch verstandene Religion auf den Weg in den moralischen Abgrund führt. Wer sich nicht zutraut, den schmalen Grat zu betreten, der zwischen Irrtum und Illusion dahin führt, der ist als humanistischer Atheist vielleicht besser aufgehoben. Unsere Zeit ist vielleicht diejenige, in der man am leichtesten auf Abwege geraten kann, gerade weil es keine allgemeingültige Weltanschauung gibt, die einem jedem Ziel und Halt gibt.
Zusammenfassend kann man also sagen, dass es nichts absolut Gutes oder Schlechtes gibt. Alles muss aus dem Blickwinkel der Entwicklung beurteilt werden. Das ist nicht einfach. Jetzt, wo ich am Ende dieser überlegungen bin, wird mir klar, dass ich im Grunde zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen miteinander vermischt habe, die eigentlich getrennt werden müssen. Das eine ist die langfristige Entwicklung. Also alles, was mit der Persönlichkeitsentfaltung zu tun hat. Daran müssen wir arbeiten, aber es wäre illusorisch, in dieser Hinsicht kurzfristige Erwartungen zu hegen. Das andere ist die Frage nach richtig oder falsch in konkreten Situationen. Dort sind wir immer gefordert, Entscheidungen zu treffen, die man nicht auf die lange Bank schieben darf. Und dort muss man sich darüber im Klaren sein, dass irgendwie jeder ein Stück weit Recht hat. Bleiben wir bei den christlichen Fundamentalisten, oder allgemeiner gesprochen, bei den rechtsaußen-Parteien. Sie füllen die Lücke, die der Liberalismus offen gelassen hat. Die letzten Jahrzehnte waren geprägt vom Abbau der Regeln, die die Rahmenbedingungen für unser Zusammenleben auf nationaler und internationaler Ebene bedeutet haben. Durch den Wegfall von Handels- und Kapitalbeschränkungen konnte sich der Raubtierkapitalismus ungehindert ausbreiten. Parallel nebenher ging die Erweiterung der persönlichen Freiheit. Das hatte umgekehrt aber auch zur Folge, dass der Staat sich aus der Verantwortung für seine Bürger entließ. Jeder war freier, aber es gab auch niemanden, der sich um die Belange der Gesellschaft kümmerte. Der Spitzensteuersatz wurde gesenkt, die Vermögenssteuer abgeschafft – wer viel Geld hatte, konnte seine Freiheit in vollen Zügen genießen. Und der Niedriglohnsektor wurde eingeführt. Wer den ganzen Tag arbeiten musste, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, dem blieb nicht mehr viel von seiner Freiheit. Um Banken zu retten, gibt es Geld ohne Ende, das bei Schulen, Kindergärten oder der Infrastruktur wieder eingespart werden muss. Nach einer Studie der Organisation More in Common 2023 (www.moreincommon.de/krisengesellschaft) finden 80 % der Deutschen die Zustände im Land zumindest als eher ungerecht. Wenn die Politik nicht darauf eingeht, weil die Umstände keine Alternative zulassen, hat sie schlechte Karten. Mitlerweile hat die AfD einen Stimmenanteil bei der Bundestagswahl von 21 %. Ich glaube nicht, dass alle Wähler der AfD Faschisten sind. Ich glaube eher, dass die Themen, die die AfD bedient, von den anderen Parteien gemieden werden, und dass es daher für viele Wähler tatsächlich keine Alternative gibt. Ich glaube auch nicht, dass es den meisten AfD-Wählern um Fremdenfeindlichkeit geht, vielmehr geht es um ein gewisses Maß an Sicherheit. Dieser Wunsch ist durchaus legitim. Anstatt also alle AfD-Wähler über einen Kamm zu scheren und sie auszugrenzen, sollte man sich fragen, was ihre tieferen Beweggründe sind. Die müssen nicht per se schlecht sein. Erst wenn sie zu weit nach rechts ausschlagen, werden sie gefährlich. Übrigens hatte die NSDAP, als sie an die Macht kam, gerade mal 30 % Stimmenanteil. Das sollte für die Politiker aller Parteien eine Mahnung sein, sich neben den zweifellos wichtigen weltpolitischen Themen auch um die eigene Bevölkerung zu kümmern und nicht nur um die eigene Klientel, so wie das gerade jetzt wieder (Mai 2025) die CSU, CDU und SPD vor haben.
Statt also den Egoismus weiter auf die Spitze zu treiben, wäre es an der Zeit, die zeitlosen Tugenden wie Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein gegenüber der gesamten Gesellschaft wieder mehr in den Vordergrund zu rücken. Das ist keine Aufforderung an die Politiker, sondern muss als Impuls in jedem einzelnen keimen. Nur was aus der Mitte der Gesellschaft kommt, hat Aussicht auf langfristigen Erfolg. Was nicht heißt, dass es unseren Politikern nicht gut stehen würde, wenn sie mit gutem Beispiel vorangehen würden. Wer wenn nicht diejenigen, die über unser Schicksal bestimmen, könnte besser vorleben, was der Menschheit gut bekommt.

